laut.de-Kritik
Du! Bist! Nicht! Hip! Hop!
Review von David Maciej LaskowskiKommen wir direkt zum Wesentlichen: Asches "Feind Von Jedem LP" ist absoluter Schrott. Schnallt euch an, this gon' be a long one.
Ich erinnere mich gerne an eine Zeile von Denzel Curry aus seiner "Unlocked"-EP zurück: "My bitch bad like battle rappers that make albums with no outcome." Muss man nicht universell so sehen, doch ich bin auch der Meinung, dass diese Line nicht selten zutrifft, erst recht hier. Rund eine Stunde lang Disses, unnötige Reimketten und Wortspiele, und, oh Junge, es ÄTZT! Ich habe auch nicht verstanden, warum der in den einen Tracks als Asche und in den anderen als Aschkobar auftritt, weil eh nahezu immer das Gleiche passiert. Besonders schlimm sind die endlosen Reimketten. Sie sind substanzlos und führen zu nichts. Der einzige Grund, warum sie existieren? Weil eben isso, I guess, wie in "Ich Und Meine Maske": "Dunkler Assassine, Schüsse aus der G-Class / Uzis am Zersieben, voll vermummt hinter der Ski-Mask / Brech' die Juwelier-Vitrinen auf mit unbeirrter Miene / Innerlich zufrieden wirkend wie die Buddha-Priester Tibets."
Ja, das regt vielleicht die verkorksten Synapsen seiner Hörerschaft an, von der ich größtenteils aber eh ausgehe, dass die nur ihn, Kollegah und Konsorten auf dem Schirm haben und von solchen Rappern darauf gepolt wurden, so ziemlich alles, das nicht in deren "Verständnis" von Rap oder gar deren Weltbild passt, wahllos zu haten. Ich kenne das. Ich zählte mich auch einst zu dieser spezifischen Rap-Bubble. Jetzt nehme ich mir dafür das Recht, euch genauso wenig Toleranz zu zeigen. Das werdet ihr super-duper-mannhaften Battlerap-Fiends doch wohl ertragen können, oder nicht?
Apropos mannhaft: Ganze sechs Mal (ich hoffe, ich habe mich nicht verzählt) muss Asche betonen, wie "toxisch maskulin" er doch sei, als schinde er nicht schon die ganze LP lang diesen Eindruck. Aber gut, wenn er darauf besteht: "Toxisch maskulin wie Fight-Club-Sieger", "toxischer Mann so wie Alexej Nawalny" (haha, weil Nowitschok, so lustig, haha), "Prügel' mich im Fußballtrikot und New-Balance-Schuh'n auf deiner Geburtstagsparty / El Mariachi, toxisch, doch maskulin wie die—" (was denn, Nazis? Cringe...), "toxisch-maskulin so wie der Marlboro-Mann", "toxisch-maskuliner Motherfucker mit 'nem hohen Alkoholdrang" (sogar doppelt, weil es in der Hook auftaucht), und "toxischer Mann so wie Vince McMahon." Witzig, dass er das immer mit einem Wie-Vergleich paaren muss. Wahrlich zwangsneurotisch. Oder weiß er einfach nicht, welcher toxisch-maskuline Dude er jetzt sein möchte?
Damit hört es mit der ganzen Hypermaskulinität aber nicht auf. In "AMOG" heißt es: "Better duck down, ich framemogge sie." Oh nö, Looksmaxxing-Sprech, auch das noch. Bevor ihr wieder eure Zunge an den Gaumen presst oder eine Line Crystal Meth schnupft, so wie ihr euch die extremsten Schönheitsideale definiert, jeden Körper so sehr aufs Akribischste bewertet, dass es glatt an gleichgeschlechtlichen Male Gaze erinnert: Ist euch ach so "straighten" Typen jemals aufgefallen, welch homosexuelle, ja sogar fetischisierende Tendenzen euer Looksmaxxing impliziert?! Wahrscheinlich schon, sonst würdet ihr es nicht ständig mit fast schon entlarvenden Sprüchen wie "no homo" defensiv verneinen. Um das mal auf den Interpreten zurückzuführen: Wie pflegte meine werte Kollegin Dani zu sagen? "Ja, Asche ist ein GANZ maskuliner Typ. Deswegen sehen alle seine Videos aus wie Schwulensoftporno."
Nächster Punkt: die Disses, die genauso zu nichts führen wie die lichtjahrelangen Reimketten. Die "Opfer" heißen hier unter anderem LX, Jazeek, Ski Aggu, Capital Bra, Sun Diego, Yin Kalle oder Lil Lano. Ich wette, keiner von denen schert sich auch nur einen feuchten Dreck darüber, was dieser Kerl über sie zu sagen hat, vorausgesetzt, sie bekommen überhaupt etwas davon mit. Höchstwahrscheinlich nicht. Asche nennt sich "Feind Von Jedem", aber jeder Schlag trifft ins Leere, unabhängig davon, ob eine Line passenden Gegnerbezug enthält oder nicht. Wenn im Wald ein Baum umfällt und niemand hört es, macht er dann ein Geräusch?
Gegen Samra richtet es sich übrigens mit am häufigsten, zum Beispiel in "Fully Loaded Clip": "Samra bleibt ein Schwanz und er weiß, ich hab' ihm nicht verzieh'n / Denn er wollt, dass mich Universal droppt nach einem Diss an ihm / Gestern Tilidin, heute krass anti / Du gegen mich battlen? Ya Junkie." Ja, tatsächlich gab es wohl im Hintergrund Stress mit Samra. Doch bin ich mir ziemlich sicher, dass der Wichtigeres zu tun hat, Marlboro rauchen, Jacky Cola trinken, uns bald mit "Berlin Lebt 3" die Ohren betäuben, als dass er sich intensiv mit den Hänseleien dieses Möchtegern-Rambos hier beschäftigt. Selbst wenn die Disses Reaktionen des Gegners hervorrufen würden, kann ich immer noch das Denzel Curry-Zitat vom Anfang hervorheben.
Schlimmer noch: Ich muss Ikkimel, so sehr ich sie rein musikalisch in 95 Prozent aller Fälle ebenso wenig ausstehen kann, durchaus anrechnen, dass sie wesentlich besser provoziert als die meisten "toughen" Rapper da draußen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum Asche solch einen Kieker auf die Frau hat: "Bei mir gehört der BBL zum guten Ton / Fick deine Mutter, Ikkimel, du Hurensohn" ("Befreundete Feinde"), oder "Ikkimel, hab keine Angst, dass ich dir auflauer' / Ich steh' für Frau'npower so wie Staubsauger" ("Kænæx Auf Party"). Auf die Art und Weise, wie Asche sie disst, füttert und bestätigt der Dulli noch ihre männerkritischen Narrative. Herzlichen Glückwunsch, Asche. Du bist doch tatsächlich in Ikkimels Falle getappt.
Das Feature-Game gestaltet sich ebenfalls sehr dürftig, besonders auf "Mercedes Stern". Kollegah, bei dem ich mir immer noch nicht sicher bin, ob der nun Muslim ist oder nicht, verbreitet weiter wie gewohnt seine evangelikale Prosperity Gospel: "Ihr seid Zeuge des Biggest Bosses, ich folge der Stimme Gottes / Sie führte mich zu Erfolgen, vergoldete Business-Office." Fard dagegen hat "'nen schönen Schwanz und zwei große Eier", praktiziert Geschlechtsverkehr "in der Duschkabine", nur um am Ende seines Parts zu verlautbaren: "Solidarität mit Palästina, Bruder, macht aus mir kein'n Judenhasser." Genau der Mental Support, den der Gazastreifen jetzt dringend benötigt. Autsch.
Kollegahs Ghostwrit- ähem, ich meine natürlich DerLilaPimp macht auf "Blaow" einen auf Kollegah (wer hätte das gedacht?), und erwähnte ich bereits, dass Genetikk auch mit von der Partie sind? Nein? Mehr muss man auch nicht darüber wissen. Ausgerechnet Ego droppt auf der ganzen verfluchten Platte in "Befreundete Feinde" die einzige Line, die einen Lachflash bei mir erzeugte, aber nicht weil sie gut wäre, sondern eher so schlecht, dass sie wieder gut ist, und obendrein so plötzlich kommt: "Mach nicht auf Bad Bitch, mach das Bett, Bitch." Peinlich, ich weiß.
Überlegt mal: Asche schreibt diese Texte mit der Intention, irgendwelche Reaktionen bei den Hörern hervorzurufen, in der ganzen Stunde des Albums gelingt es ihm nicht einmal auf eine gute Art und Weise, und ausgerechnet Ego stiehlt ihm mit einem billigen, aber schön stumpfen Spit die Show. Was bringt Asche stattdessen für Spits? Sowas hier zum Beispiel im "Intro": "Ich bin auch so überragend wie 007." Über-Agent? Nur weil etwas halbwegs homophon klingt, heißt es noch lange nicht, dass man es spitten muss! Das war übrigens leider nicht der einzige unsaubere Spit mit Agenten-Bezug: "Ich muss Anwälte schmieren dank Indizien / Damit der Agent ihn nie entdeckt so wie das Andengebirge" ("Naughty By Nature") Argentinien?! Wie klobig ist diese Line bitteschön formuliert?
Im Gegensatz zu Ego bringt der gute Lakmann auf "4D" sogar den einzig guten Part dieser Platte. Seine sehr lässigen und größtenteils frei von unnötigem Punchline-Gestammel gerappten Verse senkten meinen von diesem verfluchten Album ins Unermessliche getriebenen Cortisolspiegel wieder in moderatere Bereiche. Man kann sich jetzt die Frage stellen, wie Lakmann sich überhaupt auf ein Asche-Projekt verlaufen konnte, aber in dem Moment, wo er auftauchte, war er für mich der Fels in der Brandung.
Erschreckenderweise gehen die Beats, bei denen Asche größtenteils als Hauptproduzent agierte, ziemlich fit, wo ich vorher noch befürchtete, dass mich halbgare Bushido-Type-Produktionen auf YouTube-Freebeat-Niveau plagen würden. Meine Highlights: "Kænæx Auf Party" geht mit fetzigen Trap-Sound und partyhafter G-Funk-Hook ordentlich nach vorne, der schön crunchy abgemischte Beat vom "Intro" könnte sogar einer der brachialsten Boombap-Beats sein, die ich in den letzten Jahren gehört habe, und der langsame Boombap-Beat von "Phlegma" versprüht eine wahnsinnig finstere Atmosphäre.
Wirklich schwache Beats sind rar, aber es gibt sie. "Befreundete Feinde" rippt den ikonischen "Drive-By"-Loop von Kollegahs und Farid Bangs "Jung, Brutal, Gutaussehend 2" und klingt mit dem neuen Drumset so unaufwändig und uninspiriert wie das komische Foto von Ty Dolla Sign im vermummten Western-Look, das, warum auch immer, für das Cover dieser LP gescreenshottet und leicht angepasst wurde. Trotz der größtenteils guten Produktion bleibt das Hauptmanko: die nervtötenden Lyrics.
Puhh, allmählich sollte ich zum Ende kommen. Doch eine letzte Sache muss ich noch klarstellen, weil es mir seit Äonen gegen den verdammten Strich geht, dass Asche, diese ganzen anderen Kreuzworträtsel-Rapper und deren Fans von sich behaupten, sie seien die Bewahrer von "echtem" Rap oder Hip-Hop oder sowas. Denn solche Lines finden sich auch: "Nur eine Flasche Heineken und deine Frau tanzt / Wie Cardi B im Stripclub, doch Bro, das ist nicht Hip Hop" ("Dezemberschnee"), "Echte Männer haben höchstens vor Umarmung'n Ängste / Das ist kein Hip Hop-Movement, was ihr macht, sind Paarungstänze" ("Marlboro Mann").
Asche, du kannst so viele Junkie-Rapper oder whacke Mainstream-Rapstars dissen, wie du willst. Du bist noch lange nicht Hip Hop, nur weil du dich auf oldschooligere Beats rückbesinnst und mit verkomplizierter Raptechnik, Punchlines und Wortspielen arbeitest. Du bist noch lange nicht Hip Hop, nur weil du die OGs referenzierst und dann auf "Still" einen auf "Still D.R.E." machst, oder auf "Facecard" den Hook-Flow von Biggies "Hypnotize" nachäffst. Du bist erst recht nicht Hip Hop, wenn du mit solchen Lines wie: "Ich bin das, was Deutschland braucht / Gewalt-Rap ist in und fucking Conscious out", um die Ecke kommst! UND du bist ERST RECHT nicht Hip Hop, wenn seit Ewigkeiten dein einziges Gimmick als Rapper daraus besteht, eine "bushidoisierte" Version von Kollegah zu sein, dem größten und jämmerlichsten Parodisten und LARPer der deutschen Hip Hop-Geschichte!!! DU! BIST! NICHT! HIP! HOP!
... und ich verfluche das Bewertungssystem dafür, dass ich hierfür nicht weniger als einen Stern geben kann.


2 Kommentare
Der langweiligste Rapper unserer Zeit releast zum 5 mal das selbe Album
Auch süß, wie er sich auf Social Media als Anti-Establishment und "Feind des modernen Deutschraps" inszeniert, dabei aber den langweiligsten und unrelevantesten 0815-Scheiß fabriziert, den die Szene jemals hervorgebracht hat. Er hatte halt schon immer eine etwas verquere Wahrnehmung von sich selbst.