laut.de-Kritik

Best of Exzentrik.

Review von

Während es einem konzeptuellen Multimedia-Künstler nicht ganz gerecht wird, ein Best Of-Album aus seinem Output zu fertigen, kann man aus der Not eine Tugend machen. Dann wird das Best Of selbst ein Konzeptalbum. Bei Frank Zappa lautet die Idee hinter "Zappatite - Frank Zappa's Tastiest Tracks" entsprechend, von Vor- bis Nachspeise jeweils eine Gruppe von Tracks anzurichten: Appetizers, Entrées, Second Course, Dessert. Diese "Tastiest Tracks" sollen Neugierige für den exzentrischen Avantgarde-Gitarristen, Jazz-Komponisten, Jam-Session-Freestyler, provokativen Poeten, Meister des absurden Humors, Blues-Sänger, Spoken Word-Maniac, Berufs-Hippie, Video-Aktivisten und Fusion-Genre-Mitbegründer zu begeistern.

Eigenschaften, die sich fast alle im abgefahrenen "Trouble Every Day" vereinen. Die Task: Appetit zu wecken, bestenfalls "Zappatite", wohl wissend, dass dieser Musiker kaum in Snacks funktioniert, ungeübte Hörer:innen einen langen Atem und großen Hunger brauchen.

Das Menü serviert sich zügig und einladend, sobald man es über das anzüglich geraunte "I'm The Slime" samt Disco-Sängerinnen und kakophonischem Gebratzel hinaus geschafft hat. "Dancin' Fool" zückt sogar einen Pop-Tune aus dem Ärmel. Freilich, er ist 'verspult', hat technische Brüche. Das Mastering holpert durch nicht ganz so geschmeidig gekittete Rhythmuswechsel und Lautstärke-Schwankungen, klingt phasenweise wie die Cannes-Werbefilmrolle in Audio gegossen, und der Track ist super-funky, psychedelisch und in seiner Craziness sympathisch. "Dirty Love" punktet mit kompakter Kürze und heavy bassline. "You Are What You Is" ist ein geradliniger Accelerando-Klassiker, der roh und wild nach vorne poltert.

"Peaches En Regalia" findet sich ursprünglich auf dem Meilenstein "Hot Rats" und setzt als charmantes E-Orgel-Instrumental mit lebhaftem Getrommel und vielen Stimmungswechseln einen Kontrast zu den wortlastigen Stücken. Ähnlich catchen auch das verrückte "G-Spot Tornado" und das elektromechanisch gespielte "Sofa No. 1" als instrumentale Trenner zwischen den 'Gängen' des Menüs. "Zoot Allures" und der orchestrale Rausschmeißer "Strictly Genteel" sind wohl die Verdauungsschnäpse zum Runterkommen nach den mitunter stürmischen Aufnahmen zuvor.

Klar, dass die Welt bei einer Zappa-Compilation auf "Bobby Brown Goes Down" wartet, seine einzigen Fußstapfen im Mainstream. Wenn es schon für "Greatest Hits" im engeren Sinne nicht reicht, weil es (aus mitteleuropäischer Sicht) nur diesen einen Hit gab, so muss die ironietriefende Story vom hemmungslosen Angeber auf jeden Fall ins Hauptgericht des Menüs. Der Typ, der sich selbst im Background-Chor, übersteuert gegrölt, vervielfacht, meint alle Frauen herum zu kriegen, weil er den American Dream in Person verkörpere. Gleichzeitig gibt der Kerl, der über sich sagt strahlend weiße Zähne zu haben, wiederum zu, dass er der "son of a bitch" sei. Aber es kommt ja darauf an, sich hochgearbeitet zu haben. Der besoffen wirkende Song ist immer noch zeitlos 'classy'.

Halten wir die nüchternen Zahlen dagegen: Was waren verkaufstechnisch die "Hits"? "Bobby Brown Goes Down" erreichte - auch dank einem Film-Soundtrack - Platz 5 in der Schweiz, 4 in der West-BRD, 2 in Österreich, 1 in Schweden und Norwegen. Das Led Zep-Cover "Stairway To Heaven" war speziell bei den Eidgenossen Zappas zweiter Top Ten-Erfolg. Sowohl die Briten und Iren wie auch Frankreich verschmähten den Meister konsequent.

Erst das (posthume) Album "Funky Nothingness" (2023) verzeichnete im Nachbarland nennenswerte Stückzahlen. Belgien, Italien und Neuseeland griffen bei etlichen Longplayern zu, die Holländer sogar oft, fleißig und viel. In Finnland feierte man den Mann genau einmal, als er starb, und zwar mit einem Live-Mitschnitt. Die US-Hits heißen "Don't Eat The Yellow Snow" aus "Cosmik Debris", "Dancin' Fool" und "Valley Girl" mit Tochter Moon Zappa, gerade mal 14 bei der Aufnahme. Alle drei sind hier enthalten. Was fehlt: "I Don't Wanna Get Drafted", das war Rang 3 in Schweden. Was drauf ist: Der Titelsong zur Rock-Oper "Joe's Garage", er erreichte die 4 in Norwegen.

Dieser Slapstick-Funk-Mix mit satirischen Komponenten und Funkrock im Musikunterleger formuliert einmal am Anfang das Motto "Strictly Commercial", und so nennt sich 1995 der frühere Versuch eines Best-Of. Mittlerweile ist viel weiteres Material aufgetaucht, das zu Lebzeiten Zappas unveröffentlicht war, wodurch sich die frühere Auswahl relativiert. Mit fast 40 bis 60 Jahren Abstand zu den sehr vielen, über 60 ursprünglichen Alben kann man schon sagen, dass die (im Stream und auf CD seit zehn Jahren verfügbare, auf Vinyl neue) "Zappatite"-Kollektion einen guten Querschnitt durchs Studio-Schaffen zeigt. Aussagekräftig bezüglich Zappas Werk ist dieser Ausschnitt trotzdem kaum, dafür müsste man den Künstler viel mehr live hören. Dazu gibt es aktuell auch sehr gute Box-Sets, etwa "Zappa '66 Vol. 1: Live At TTG Studios".

Dass die hier für "Zappatite" ausgesuchten Songs viele Tabus gebrochen haben, macht sie zeitlos wichtig: Ob sie Funk und Blues im Kontext von Poetry und perfekt 'getimeten' akustischen Sketchen wie "Titties And Beer" benutzen oder Drogen und Sexualität für Songtexte enttabuisieren - Zappa hat sich was getraut.

Trackliste

  1. 1. I'm The Slime
  2. 2. Dirty Love
  3. 3. Dancin' Fool
  4. 4. Trouble Every Day
  5. 5. Peaches En Regalia
  6. 6. Tell Me You Love Me
  7. 7. Bobby Brown Goes Down
  8. 8. You Are What You Is
  9. 9. Valley Girl
  10. 10. Joe's Garage
  11. 11. Cosmik Debris
  12. 12. Sofa No. 1
  13. 13. Don't Eat The Yellow Snow
  14. 14. Titties And Beer
  15. 15. G-Spot Tornado
  16. 16. Cocaine Decisions
  17. 17. Zoot Allures
  18. 18. Strictly Genteel

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