laut.de-Kritik
Ein Dokument bewegter Zeiten.
Review von Philipp KauseDie Frank Zappa-Archiv-Serie fördert immer wieder neue Preziosen aus verschiedenen Schaffensphasen des Meisters zutage. Fans und solche, die es werden wollen, haben aktuell die Wahl zwischen der sehr gut kuratierten Compilation "Zappatites" sowie unveröffentlichten Session-Takes, Live-Versionen und gänzlich unbekannten Songs.
"Zappa '66 Vol. 1: Live At TTG Studios" beispielsweise führt durch psychedelische, gitarrenzentrierte und geradlinig ungestüme Aufnahmen, denen die Magie ihrer Flowerpower-Zeit anhaftet. Dazu gehören damals umstürzlerische Forderungen wie "Legalize Abortion" und die wie von einem anderen Stern tönende Auswalzung des Slogans "Victory Through Vegetables".
Es gibt ein kleines Publikum, dem Frank Zappa auf Spanisch dankt, "Gracias". Das Tempo der Musik ist weitestgehend rasant, die Stimmung ausgelassen, die Tonqualität schön ausgesteuert, und man ist sozusagen live dabei. Alles Gerede und Anfeuerung ("Everybody twist, everybody get your partner now!") hält die Aufnahme so klar fest, als stünden wir direkt in der ersten Reihe. Es gehe um den "emotional impact" und darum, "to freak out", doziert der damals 25-jährige Avantgardist im Surf-Rock'n'Roll "Twistin' Again".
Zwei Schlagzeuger sind zu hören, Jimmy Carl Black und, neu dabei, Billy Mundi. Mit Ray Collins kloppt ein dritter Taktstock-Schwinger auf die Marschtrommel, Kern-Bestandteil der Geräusch-Party-Rehearsal-Atmo "The United Mutations" – mehr Zeitdokument als Song. Don Preston, damals frisch in der Crew, slidet über die reizvoll schief klingenden Keys. Bass: Roy Estrada. Anzugträger Del Casher und Zappa traktieren die E-Guitars mit einer Fingerfertigkeit, die etwas von Flamenco-Virtuosen hat, aber auch Rebellion atmet.
Bereits "Freak Chouflee'" entfaltet im Lauf von 14 Minuten zum Ende hin immer mehr die Schärfe eines Wir-wollens-wissen-Jams. Der Art-Rock-Meister scheint selbst verblüfft von den produzierten Tönen, die er seinem Instrument entlockt und setzt dann immer noch einen drauf. Das Risiko von Misstönen und rhythmischem Stolpern nimmt er dabei bewusst in Kauf.
In Hochgeschwindigkeit gestalten sich das Instrumental "Move On", dessen Rhythmus sehr freestyle klingt, und der hypnotisierende "A2 Jam". "Zappa '66" präsentiert die einzige auffindbare Aufnahme Del Cashers an den Saiten aus seiner kurzen Zeit bei den Mothers Of Invention. Gerade diese Phase nimmt indes vieles Spätere vorweg, was in Zappas Werk später zu klarerer Form reifte. Die Scheibe dokumentiert damit den Wechsel von Struktur zu Improvisation. Die damals verbreitete Neigung zu Raga-Rock, Psychedelia und Experiment schlägt sich hier nieder.
Das meiste Material überrascht, lediglich "The Electric Banana" als Orgel-Ekstase mit feurigen Fusion-Drums entspricht etwa dem, was man erwartet hätte, weil es der stilistischen Phase der mittleren Siebziger ähnelt. Der Begriff Fusion war 1966 noch nicht geläufig. An den Blues-Wurzeln zieht Zappa im vorderen und hinteren Teil des Medleys "I Could Be A Slave / Story Untold". Der mittlere Part widmet sich dem Doo-Wop-Komponisten Leroy Griffin, damals im Herbst 1966 gerade überraschend jung verstorben.
"Story Untold" ist ein schickes Cover einer wunderschönen Nummer und passt nur dank Zappas Flexibilität zu dem umklammernden Blues. Das Ganze erinnert ein wenig an Ten Years After. Dies gilt insbesondere für das einzige gesungene Stück "Duke Of Prunes": Romantik trifft auf Verschrobenheit, schleimige Soap-Texte werden mittels Dissonanz konterkariert, leise Stimme zu lauten Doppel-Drums.
Flexibilität bewies der Mothers Of Invention-Dirigent auch hinsichtlich der Besetzung. Erst in der Vorwoche habe man sich noch von Musikern getrennt. Regelmäßig feuere er Leute. Nein, viel mehr, "wir schmeißen Leute raus." Pluralis majestatis? "They really hate what they're doing and they hate to work for me" erläutert Frank in "Keep Changing Personnel Though" das Problem mit den sporadischen Mitgliedern und sieht im Hire and Fire vor allem Potenzial, so bleibe alles im Fluss. Wert legt er auf eine multinationale Zusammensetzung der Crew.
Trockenen Sarkasmus baut Zappa in seine Ausführungen ebenfalls ein. So bezeichnet er das Showbiz als voller Lügen und Nonsense, auch er selbst lüge. "Keep Changing Personnel Though" ist eine Interview-Sequenz aus der Zeit des Mitschnitts vom Herbst 1966.
Im Mittelpunkt der Veröffentlichung steht das Ungefilterte: Rund 90 Minuten umfassen die ursprünglichen, nun akribisch neu gemasterten Tonband-Aufnahmen. Joe Travers, erfahrener Archivar der Zappa-Vaulternative Records, komprimierte sie so, dass keine Brüche zu bemerken sind, das Material aber kompakter herüberkommt und beim Hören fesselt. "Ziel ist es, die Dinge aufzudecken und zu teilen, von denen wir wissen, dass die Fans sie am meisten schätzen werden", so Travers über den Auswahlprozess.
"Zappa '66" schlägt eine Brücke zwischen zwei Zielen: Den eingefleischten Fans, die sich dieser Tage wieder zuhauf bei der Zappanale in Mecklenburg-Vorpommern versammelten, "Deep Cuts, Zufälliges und Obskures" zu bieten und gleichzeitig die Musikgeschichte zu dokumentieren. In ihr spielten die Mothers Of Invention als Speerspitze des 1966 blühenden kalifornischen Underground eine Schlüsselrolle. Der junge Zappa stellte selbst Werbematerialien für seine Auftritte her, kümmerte sich um Filmmaterial und verwandelte manche Mothers-Auftritte in multimediale Performancekunst mit der Message: Freiheit, Denken outside of the box, sexuelle Befreiung. "Freak Out!" lautete das Motto.
"The Mothers waren anders als alle anderen", urteilt Joe Travers, obwohl sie Teil einer Welle waren. Viele Fotos von Postern und Filmmaterial fügte er dem Release bei. Aber weit mehr als ein kurioses Sammlerstück erhält man hier einfach schöne Musik.


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