laut.de-Kritik
Die spannendste deutsche Heavy Metal-Band ist zurück.
Review von Stefan Johannesberg"Imagine the Scorpions playing Tribulation songs, or the other way around", ordnet Gitarrist Rob Richter die Einflüsse seiner Band gewitzt, aber scharfsichtig ein. Ehrte man auf dem bereits grandiosen Debüt "Moonlit Cross" noch Iron Maiden mit galoppierenden Drums und präsenten Riffs, schlüpfte auf dem Nachfolger "Fatale" bereits häufiger Dracula unter die heimelige Decke. Besonders der Gesang von Ricardo Baum vergrub sich tief in den Gruften des postpunkigen Gothic-Sounds. Diese Kombination aus zünftigen Metal-Bangern, pathetischen Refrains und melancholischer Grundstimmung verfeinern sie nun auf "Cold Velvet" weiter und verschieben den Regler klar Richtung Dunkelrock à la In Solitude.
Ein Track schwebt dabei über allen anderen, trifft Richters Beschreibung auch qualitativ am ehesten und gehört mit Sicherheit zu den besten Songs der letzten Jahre: "The Veins Of Time". Wenn The Night Eternal hier Metal und Melodic Rock mit Wave-Vibes zu einem catchigen, aber niemals simplen Hit verbinden, staunen sogar die gottgleichen Unto Others. Ohoho-Parts und Baums noch verletzlicher wirkender Gesang ergänzen sich perfekt mit den Riffs und Breaks, die selbst in diesen Momenten metallisch tight den Song vorantreiben. Im Gegensatz zum später folgenden "Eurydice (Don't Look Back)", das straight und tanzbar im Uptempo Richtung Club schielt, nutzt sich "The Veins Of Time" auch nach dem zwölften Durchlauf nicht ab.
Nur einen Lidschatten blasser als das Album-Highlight strahlt "The Watcher Of The Burning Veil" – aus komplett anderen Gründen. The Night Eternal starten im epischen Marschtempo, explodieren dann komplett, nur um im Refrain wieder mehrmals das Tempo zu wechseln. Die alten Iron-Maiden-Wurzeln der Band werden hier am stärksten sichtbar – gerade in den Ohohoho-Parts im letzten Drittel. Baum sorgt mit seiner einzigartigen Stimme dafür, dass sich diese unterschiedlichen Tracks ineinander verweben.
"Shape Of Sorrow" kuschelt sich mit präsenten Gitarren eng an Paradise Lost. "Where This World Ends" startet als Opener fast postpunkig und kulminiert im gefühlvoll getragenen Hook "Where this world ends, I stand alone". Auf "Caught In A Spell" wagt sich die Band noch weiter in melodiös-dramatische Gefilde und baut wunderschöne Spannungsbögen auf.
"When The Last Candle Dies" diggt tief im von The Night Eternal so geliebten späten Achtziger- und frühen Neunziger-Rock. Die anfangs erwähnten Scorpions tauchen zu "Crazy World"-Zeiten auf. Den Abschluss bildet – fast klischeehaft klassisch – das siebenminütige Epos "Dance On Crimson Ground". Natürlich beginnt der Song balladesk und steigert sich von einer Power-Ballade zu einer echten Midtempo-Hymne. Baum driftet fast in Geoff-Tate-Tonlagen ab, und tatsächlich ist der Weg zu Queensryches "Operation: Mindcrime" überraschend kurz.
Am Ende ziehen wir den Hut vor dem Edelstein aus Essen, so wie auch fast die komplette klassische Metal-Presse. Hatte 2021 bereits das Debüt "Moonlit Cross" Platz eins im Deaf Forever-Soundcheck erobert und der Nachfolger "Fatale" zwei Jahre später auch den Rock Hard-Thron bestiegen, erreicht auch das noch stärker auf Melodie und Atmosphäre ausgerichtete "Cold Velvet" fast überall Höchstnoten. Fazit: The Night Eternal etablieren sich als spannendste Heavy Metal-Band aus Deutschland.


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