laut.de-Kritik
Cozy Atmosphere, Geniestreiche und Gewusel.
Review von Philipp KauseThundercat und Steve Lacy tragen vereinzelt Bässe zu diesem insgesamt bassgesättigten Album bei. Kamasi Washington bläst beim Schlusslied ins Saxophon, und die rappenden Gäste heißen Westside Gunn und Earl Sweatshirt. Mit beiden hat The Alchemist schon gebastelt. Er ist Erykah Badus Produzent auf "Before The World Blows", und er war nervös. Er ist zwar jünger als die Sängerin, aber schon länger im Business, hat mit Größen wie Mobb Deep und Freddie Gibbs feinsten Boom-Bap fabriziert, und doch war die Neo-Soulerin für ihn eine Herausforderung der besonderen Art. Denn die Songs entstanden nicht so ganz clean abgeschottet im Studio: Man probierte gelegentlich, wie sie live wirken würden. Zumindest vor einem kleinen Publikum, und dieses musste stets vorab brav seine Smartphones abliefern. Dann kamen The Cannabinoids ins Spiel, Badus Band. Sie improvisiert, arbeitet eher im Jazz-Modus.
Mit dieser Rückkopplung dadurch, wie die Stücke auf der Bühne wirken, setzte sich schlussendlich ein 16-teiliges, mit seinen anfangs oft langen Songs üppiges Werk zusammen. Das dennoch schlanke Lied-Architekturen beherbigt. Geheimhaltung schrieb die Crew groß. So wusste man lange nur, dass da etwas kommen würde. Aber nicht einmal den Titel. Der variierte von "Abi And Alan" in Anlehnung an die bürgerlichen Namen der beiden Hauptprotagonisten, Erica Abi Wright und Alan Maman, bis zu "Sorry, We Don't Have An Album Title Yet..." 'Cozy Atmosphere' wäre derweil meiner Meinung nach der passendste Slogan, um das Werk zu überschreiben.
Ein Grund dafür ist "Next 2 U". Diese Perle glänzt mit der Idee, dass es schön sei, für eine andere Person da zu sein, ihr Sicherheit zu vermitteln, räumlich in der Nähe zu sein. Das repetitiv aufgebaute Stück lässt lustige Tempo-Sprünge, kleine Hüpfer diagonal jenseits zum Taktmaß stattfinden. Es schnurrt geradlinig, voller Flow, klingt unwiderstehlich magnetisch. "Love Me Not" setzt die Tradition des baduistischen Liedgutes fort. Es lässt kreiselnden Neo-Soul gleiten, in einer gesunden Mischung aus meditativ und lebhafter Hörspiel-Collage. Witzig sind hier Stimmen-Interaktion und Geräuscheffekte.
Das Skit "Abracadabra" lässt Funksignal-Fiepen vom Stapel und mischt es mit Spoken Word von Jay Electronica. Gästelisten waren öfter schon ein wesentlicher Gesichtspunkt bei Badu-Alben, bei ihr entsteht ein ähnlicher Eindruck wie bei Guru's Jazzmatazz, nämlich dass ein Haufen Leute herum wusele. "I Just Play A Part ft. DJ Creole Princess, Westside Gunn, Joi" zeichnet sich positiv durch seine Unübersichtlichkeit aus, Joi durch lakonisch-charismatischen Vortrag. DJ Creole Princess ist eine neue Akteurin aus Brooklyn, oszilliert zwischen Trap, Bass-Elektronik und R'n'B; hier aber ruht alles auf der Macht des Wortes. Dieses Verfahren mit konträren Beteiligten trägt sein übriges dazu bei, dass jeder Tune wie ein edles Einzelstück wirkt. Die erlesenen Samples, wahlweise aus Gospel, Jazz-Annalen verschiedener Jahrzehnte oder auch mal aus der ungarischen Musik gepickt, leisten ihren Anteil an den maßgeschneiderten Preziosen.
Die Kombination aus Geschmeidigkeit, Langsamkeit und Leuten zu Besuch werden wohl wieder viele Musikfans zu ruhig und smooth finden, etwa bei "They Ain't You ft. Thundercat" oder beim hypnotischen Opener "Echos". Gegenüber dem legendären, pulsierenden Erstling "Baduizm" hat die Singer/Songwriterin danach nicht wieder so eine homogene Rezeptur ausgetüftelt, wie sie diese damals etwa mit The Roots auf "You Got Me" umsetzen und in ihren Solo-"Apple Tree"-"On & On"-"Next Lifetime"-Liederzyklus einbetten konnte: Bedächtig und dennoch quirlig. Deswegen ist nicht jeder Schuss ein Treffer - die neuen Tracks verbinden sich kaum miteinander, obwohl sie so unähnlich zueinander nun auch wieder nicht sind.
"What The People Say (Apostle 1)" ist dagegen sogar ein Volltreffer, "Hot BiBi (Apostle 2)" beruht auf demselben Haupt-Sample, loopt es und lullt gewaltig ein. Zwischendurch reißen einen dann schwächere Momente raus aus dem steten Brutzel-Flow. So kann etwa das elegisch gedehnte Schlussstück "Black Box ft. Kamasi Washington" trotz aller Anmut die Hörenden schon mal verlieren.
Doch meistens, da trifft das Baduistische einen Nerv: Nur haarscharf an der vollendeten Genialität schrammt etwa "I Know That Man ft. Earl Sweatshirt" entlang. "Valentine ft. DRAM" groovt traumwandlerisch smart. "Witch Doctor" setzt schon formal ein Statement mit Brüchen und retardierenden Momenten. Gleichwohl nennt Erykah ihr Eigen-Label nicht ganz unpassend Control Freaq Records. Denn manches, wie "Crossfade", und auch die gesamte Stimmung der LP wirken so kontrolliert und abgeschliffen, dass man sich kaum mehr vorstellen kann, wie eine improvisierende Gruppe an der Entstehung beteiligt gewesen sein mag. Lässt man sich von der teils überzogenen Geschmeidigkeit nicht abschrecken, gibt es aber einfach genügend Gründe um sich zu freuen: Dass nach Jill Scott (im Februar) nun eine weitere Hauptverantwortliche des Neo-Soul-Genres auf der Bildfläche zurück ist.


Noch keine Kommentare