laut.de-Kritik
Gelungene Reanimation des Genres Neo-Soul.
Review von Philipp KauseSchönheit kristallisiert sich manchmal unbestritten heraus. Was im Visuellen der Goldene Schnitt ist, hat in der Musik zwar keine feste Entsprechung, aber Jill Scotts neuer Track "Àsé" trifft ein Ideal, definiert Ästhetik auf vielen Ebenen. Es ist das vorletzte Stück auf "To Whom This May Concern", der Comeback-Platte der Neo-Soulerin. In "Àsé" meditiert sie, lässt andererseits aber ordentlich Emotionen heraus, sie liebt, jauchzt, zelebriert. Sie spricht, sprechsingt, betet, schmettert in kräftigsten Tönen zwischen Adeva-Tenor und Minnie Riperton-Sopran, und zwischen diesen Polen bewegt sich der Longplayer insgesamt. "Àsé" hat Background-Vocals fürs kirchliche Setting, zumal àṣẹ in der Yoruba-Kultur für Kraft steht, für die physische wie auch spirituelle.
"I can sing diverse music to a diverse audience in diverse seating", resümiert die mittlerweile 53-jährige Singer/Songwriterin aus Philadelphia, und sie schmückt die Fußnoten zu ihrer Musik mit Querverweisen auf Buchautorinnen und Jazz-Geschichte, von Billie Holiday über Ella Fitzgerald bis Nina Simone. Solche Namen flüstert sie in "Offdaback", schafft aber mühelos den Brückenschlag zum gegenwärtigen Conscious-Rap, in "Norf Side ft. Tierra Whack", wo nicht nur Tierra, sondern auch Jill selbst rappt und das so lustig wie lebhaft.
Einen verschlurften Jazz-Tune mit schräger Posaune und Trompete - beide getrötet von Melvin Jones - streut Jill in ihre quirlige LP mit ein, "Pay U On Tuesday", musikalisch schunkelig, textlich scharf: "I don't. Want. No. More. Niggah blues: Well, if you think I'm talkin' 'bout just somebody black / Well, you is the Niggah, and you need to know that: You'z a ignorant motherfucker! Facts is just facts / I don’t want no mo' niggah blues!" - Das ist nicht unbedingt das Sprachregister, das man zum hier ausgerollten American Standard-Swing erwarten würde.
Und im Allgemeinen würde man so manches hier nicht erwarten. Ob es nun die tiefenentspannte Improvisation über lasziven E-Bass und Trip Hop-vibende Drum-Machine in "To B Honest ft. JID" oder der kehlige Club-House-Banger "Right Here Right Now" im Stil von 1989 ist oder der hypnotische Afro-Funk "BPOTY ft. Too $hort". Und das Faszinierende, das am allerwenigsten anzunehmen war: Das Album floatet völlig frei von Schwachpunkten oder gar mittelmäßigen oder langweiligen Momenten, sondern köchelt auf angenehmer Betriebstemperatur zwischen verschiedenen Stimmlagen der beinahe aus dem Rampenlicht verschwundenen Sängerin.
Beschäftigt hatte sie sich ein paar Jahre lang mit der Hauptrolle in der Serie "First Wives Club" von Paramount/BET+ im Streaming-TV. Gefunden hat sie da wohl vor allem das US-amerikanische Publikum. Bei der Musik war das kaum anders. Die dreifache Grammy-Gewinnerin sackte früher mal eine stattliche Reihe an Nominierungen und Statuen in US-relevanten Preisverleihungen ein, und sie tourte ausgiebig durch die USA. Bei uns spielte sie noch nie. Die geographisch nächstgelegenen Spots waren Amsterdam, Brüssel und Warschau. Aber auch in den Nachbarländern glänzte sie als seltener Gast.
Was man von ihr nun erwarten konnte, war lupenreiner Neo-Soul. Den gibt es reichlich, qualitativ fett: Die verführerische Andacht "Beautiful People" wandelt auf den Spuren Ripertons und nähert sich ganz stark den rhythmischen Schwüngen und Harmonie-Girlanden Anita Bakers. Diese Hymne mit Sopran-Salti brachte Scott sogleich in eine der reichweitenstarken "NPR Sessions" mit, wo Musik dem Echtheits-Test unterzogen wird.
"Offdaback" kombiniert perkussives Robert Glasper-Feeling mit Spoken Word und einer meditativen Kulisse, in der sich sogar Badus Räucherstäbchen machen würden. "Pressha" mutet so mellow an, als wäre es bei Roy Ayers in die Lehre gegangen, einem der mentalen Väter von Neo-Soul. Viele im Genre bezogen sich in den 1990ern und 2000ern auf den vor einem Jahr verstorbenen Vibraphonisten. Überhaupt lässt Jill, immerhin eine der Schlüsselfiguren der Szene und aus Philly, dem Nukleus des Neo-Soul, die trotzige, längst fällige Party zur Wiederbelebung dieser Musiksorte steigen.
Denn allzu viele massentaugliche Newcomer gibt es zumindest in den USA nicht (während London ja immerhin mit Arlo Parks, Jorja Smith, Mahalia und Sault eine Reihe von Impulsgeber:innen aufbietet). Die damaligen Zeitgenossen und Mitstreiterinnen von Jill machen heute etwas anderes (Bilal etwa hat sich mehr dem Jazz zugewandt), sind kürzlich von uns gegangen (Angie und D'Angelo) oder verschieben seit Monaten oder Jahren ihr nächstes Album, wie Erykah und Maxwell das tun, mit dem Jill Scott früher zusammen tourte. Auch von Stevie Wonders eigenem Label hat man nichts mehr gehört, für Scott Vorbild und Inspiration, was das Switchen zwischen privaten und öffentlichen Themen in den Songtexten und das Designen von Konzeptalben betrifft. Ihr neues Werk strebt dabei eher Richtung Mixtape als Themenplatte - und es reanimiert den Patienten Neo-Soul, dem Scott neues Leben einhaucht.
Das Cover-Artwork ist eigentlich misslungen, eine Zeichnung mit kitschigem Ethno-Touch und dem punkigen Schriftzug "Wir können uns selbst retten / eure Regeln sind nichts" über den Brustwarzen einer Frau. (Anerkennenswert ist, dass die Mutter der Sängerin es gestaltete.) Visuell blieben die Verpackungen von Scotts Platten stets weit hinter deren Inhalt und Anspruch zurück. "Ich nenne das Album 'Wen auch immer es betrifft', weil nicht jeder für eine Revolution bereit ist", meint die eher interviewscheue Unternehmerin im Frauenmagazin Elle. Manche Leute, ergänzt sie, "möchten nur den Status Quo beibehalten."
"To Whom This May Concern" strahlt auf jeden Fall Symbolkraft für die Beweisführung aus, dass verwaschene semi-harmonische Bläsersätze zu bekiffter Rhythmik, zu finden in "A Universe", absolut zeitgemäß sind. Oder dass die Neo-Soul-typische Kreuzung von Siebziger-Soul und Hip Hop-Phasen immer noch eine Bühne in einem so spirituellen Rahmen verdient. Das leise, ruhige, andächtige Mikro-Genre, das in unseren lauten, kurzatmigen, schrillen Zeiten schlechte Karten hatte - Jill hat es reanimiert, es klingt quicklebendig.
"Liftin' Me Up" scheint etwa nicht so sehr die Liebe zwischen Menschen, sondern von Jill zum Allmächtigen zu meinen. "Du erdest und ermutigst mich (...) deine Liebe erhebt mich / du sagst, morgen wird es nicht wie heute sein / danke, dass du mich daran erinnerst (...) du erinnerst mich daran, dass ich frei bin und nichts mich aufhält - nein, gar nichts", besagt das kirchliche "Liftin' Me Up" - eines der vielen Highlights.
Jeder Punkt wird zum Höhepunkt hier. Direkt auf "Liftin' Me Up" folgt hochwertiger Hip Hop. Durch die schlaue Abfolge der Tracks, die immer wieder für gelungene Kontraste sorgen, aber auch in smoothem Flow unaufhaltsam nacheinander folgen, vereinnahmt "To Whom This May Concern" rasch, und man will automatisch wissen, wie es weiter geht, was der Künstlerin als nächstes einfällt. Zu Ab-Soul habe Rapsody den Kontakt hergestellt. An seiner Seite rappt Jill "She is a living, alive celestine prophecy / He can actually taste his own vibrancy", und im Laufe der "Ode To Nikki ft. Ab-Soul" entfalten die beiden einen Metaphern-Reigen aus den Bereichen Astronomie, Geometrie, Musikanalyse und Zoologie und sprechen von einem "Rückgrat aus Titan".
Genau das braucht es wohl auch, wenn man sich in der Musikindustrie konsequent independent durchschlägt, was Scott auch mit diesem sechsten Studioalbum praktiziert. Innerhalb von 26 Jahren ist das nicht gerade viel, dennoch mehr als das eine von Lauryn Hill in 29 Jahren. Scott ist in den USA durchaus eine bekanntere Größe, kein Superstar, aber prominent. Beyoncé weiß, wer sie ist, Spike Lee weiß es, Michelle Obama ebenso. Stets hat die Poetin ihrem Producer Dre Harris aus ihren Anfangstagen die Treue gehalten, der jetzt beispielsweise das ekstatische und kaum zu toppende "Àsé" verantwortet.
Gleichermaßen hat sie sich immer auch offen für andere Kooperationspartner gezeigt. So taucht jetzt einmal Camper, bekannt zum Beispiel von John Legend, als Ko-Produzent auf. Es gibt Multiinstrumentalisten wie Vincent Tolan (dem sie laut Bericht in der 'Elle' auf einer Party ihre Nummer gab), Riley Geare, Khari Mateen (Filmkomponist in Philly), Adam Blackstone, Seige Monstracity und Om'Mas Keith (Tontechniker, Komponist, Tausendsassa aus dem Umkreis Frank Oceans), die jeweils mehrere Tunes mitgestalten. Insbesondere den Namen Adam Blackstone sollte man als Neo-Soul-Lover kennen, er arbeitete mit Musiq Soulchild, Jaguar Wright, Estelle, Joss Stone, Vivian Green, Rihanna, The Roots und wirkte auf vielen Scott-CDs und bei ihren Tourneen mit.
Trombone Shorty bläst einen Track lang selber in die Posaune, für einen anderen komponierte er das Blechblas-Arrangement. Fürs tolle "Norf Side ft. Tierra Whack" gewann Scott sogar DJ Premier, der ihr zufällig in Japan über den Weg lief. Die verschiedenen Soundfarben von jazzig-vintage-analog-warm bis digital-hart-kühl stehen trotz der Schar beteiligter Leute keineswegs unverbunden nebeneinander. Die enorme Präsenz von Jills Stimme macht aus den einzelnen Teilen ein pralles Paket, das - sofern man das passende Gegenstück und auf der Suche nach knallbunt klingender kirchlich angehauchter angejazzter Musik ist - wie ein Magnet einmal anzieht und nicht wieder loslässt. Prädikat: Masterpiece!


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