laut.de-Kritik

Jesses. Hermann Hesse gefällt das.

Review von

"Es kommt alles wieder, was nicht bis zum Ende gelitten und gelöst wird." Immer vorausgesetzt, Hermann Hesse lag damit richtig, dann haben die 257ers mit "HRNSHN" eindeutig noch nicht genug Leid verursacht. Satte 14 Jahre später graben sie zusammen mit ihrem Maskottchen Jewlz, dem Hoodwatcher, ihren alten Witz wieder aus und lassen ihrem Haudrauf-Album einen zweiten Teil folgen. Sie sind "Wieder Wieder Da". Jesses.

Kann das noch funktionieren? Fragen wir doch erneut Hermann Hesse: "Aller höhere Humor fängt damit an, dass man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt", ließ der einst wissen. Unter diesem Gesichtspunkt qualifiziert sich die zum Duo geschrumpfte Crew aus Essen-Kupferdreh, "nicht aller guten Dinge sind drei", absolut für die Königsklasse. Furcht, sich zum Vollhorst zu machen, verspüren Mike und Shneezin ganz offensichtlich noch nicht einmal in homöopathischen Dosen, und sie kennen zudem ihre Zielgruppe ganz genau: "Hi, Kids. Mögt ihr gern Scheiße? Dann ist das was für euch."

Die Frage ist durchaus wörtlich zu verstehen: Wer Berührungsängste mit Verbalfäkalien hat, darf tatsächlich direkt wieder gehen. An Pipikackapimmelhumor führt auf diesem Album kein Weg vorbei, allgegenwärtiger ist nur der Alkoholkonsum. Abzüglich der sämtlich von Jewlz vernuschelten "Intro", "Outro" und eines kreativ "Skit" betitelten Skits bleiben 15 Tracks, in denen Shneezin und M-I-K, abgesehen von ein paar kleinen, sportlichen Seitenhieben gen Culcha Candela oder Fler und einigen zusammenfantasierten Mütterficks durchgehend dem Suff huldigen.

Die thematische Monokultur zeigt Wirkung: Das Gefühl, dass sich das Hirn im Lauf der Spieldauer fortschreitend in billiges Bier verwandelt und aus der Nase direkt in die Tastatur tropft, lässt sich kaum abschütteln, auch nicht die begründete Vermutung, von Track zu Track immer noch dümmer zu werden. Es ist eigentlich kaum auszuhalten. Womit wir wohl den Punkt erreicht hätten, an dem ich anfangen muss, mich dafür zu rechtfertigen, warum mich dieser strunzdämliche Bullshit auf irgendeiner tief verborgenen vegetativen Urvieh-Ebene immer noch kriegt.

Nun, die zugegebenermaßen wacklige Verteidigungsstrategie des letzten Rests meiner Selbstachtung fußt auf drei Argumenten. Erstens: Auch, wenn die eine oder andere Hook selten doof ist (ich sag' nur "Ruhrab", von "ADHS" fang' ich besser gar nicht erst an), ballern die Beats wie blöde, sie pumpen sämtlich gut durch. "Kacke Auf Deutsch" oder (natürlich!) "HRNSHN 2" atmen den Kasperle-Vibe früherer Tage, "Studium" schiebt in finsterere Gefilde, "Dumm Dumm Dumm" knarzt, klackert und zwitschert, bis der Schädel brummt, oder man glaubt, ein Kinderxylophon durch die "Sammelzelle" klimpern zu hören. Kein Wunder, dass direkt danach der Kopf hörbar auf der Tischplatte aufdotzt und in "Planeten" alles spooky-verschoben klingt. Das Zeug funktioniert einfach.

Zweitens: Über Mikes und Shneezins Themenwahl lässt sich fraglos streiten, nicht jedoch über ihre Skills. Die bleiben über jeden Zweifel erhaben. Um nicht zu sehen, dass das, technisch betrachtet, einfach zwei höllisch gute Rapper sind, on point und trittsicher, mit variablen Flows, einem ausuferndem Vokabular, originellen Bildern und angesichts der primitiven Inhalte teils geradezu absurd ausgefuchsten Reimschemata, bräuchte es schon reichlich Ignoranz, bösen Willen oder beides.

Drittens, und das verfängt bei mir mit Abstand am nachhaltigsten: Diese beiden Knalltüten können sich noch so bescheuert aufführen, sie können aber offenbar nicht verschleiern, dass ihnen die Liebe zu Hip Hop aus jeder Pore läuft. Ohne dass sie ihre Wertschätzung, ihr Wissen, die verdammte Wisdom wie eine Monstranz vor sich hertragen würden, merkt man einfach am laufenden Band, was bei denen neben dem billigen Bier und dem Fusel in der Muttermilch war.

Quasi kein Track kommt ohne irgendeinen Querverweis oder ein Zitat aus. Kolleg*innen von 9ine Bro über Ikkimel bis Massiv finden Erwäghnung. Bei "Joa Joa Joa" lallt uns schon aus dem Titel Ol' Dirty Bastard entgegen, "Hubschraubär" dreht den MoneyBoy'schen Swag auf, und "ADHS", türlich, türlich, den von Das Bo, und das waren (neben Mo-Dos "Eins, Zwei, Polizei" in "Was Ist Los") nur die offensichtlichsten Parallelen.

Einen zusätzlichen halben Pluspunkt schreibe ich den 257ers dafür gut, sich immerhin in einem Nebensatz von ihrem Feature mit Andreas Gabalier zu distanzieren ("sonst: die Karriere ganz okay") und Rammstein so zu benennen, wie sie es, "Upsala", halt einfach verdient haben.

Alles in allem: Viel zu viele Rapper*innen wirken, gerade wenn sie mit der Fortsetzung eines ihrer Klassiker daherkommen, als rappten sie nur aus Pflichterfüllung, um die Erwartungen von Fans zu bedienen, oder, am schlimmsten, rein um Kohle abzuschöpfen. Gegen eine zufriedene Mutant*innenschar und munter sprudelnde Einnahmen haben gewiss auch die 257ers nichts einzuwenden. Immerhin kriegen sie es aber hin, ihren Job nicht wie einen bloßen Job aussehen zu lassen. Sondern wie Spaß. Wen juckt da schon, dass der Jux einen Bart mindestens wie Saruman hat und das Niveau irgendwo auf Hobbitknöchelhöhe verzweifelt?

Dem Verlust von Hirnzellen, die beim Genuss von "HRNSHH 2" leider unaufhaltsam absterben, wirken wir mit dem dritten Hermann-Hesse-Zitat für heute entgegen: "Natürlich wollen sie nicht denken", unterstellte der Dichter einst den Menschen, "sie sind ja fürs Leben geschaffen, nicht fürs Denken!" In diesem Sinne: L'Chaim.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Wieder Wieder Da
  3. 3. Kacke Auf Deutsch
  4. 4. Joa Joa Joa
  5. 5. Ruhrab
  6. 6. Skit
  7. 7. Studium
  8. 8. Was Ist Los
  9. 9. Upsala
  10. 10. Dumm Dumm Dumm
  11. 11. ADHS
  12. 12. HRNSHN 2
  13. 13. Hubschraubär
  14. 14. Sammelzelle
  15. 15. Kopfstösse
  16. 16. Urlaub
  17. 17. Planeten
  18. 18. Outro

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