laut.de-Kritik

Seelenstriptease, mindestens?

Review von

Wenn eine EP den bedeutungsschwangeren Titel "Love & Drama" trägt, wenn parallel dazu unter eben diesem Titel eine sechs Episoden starke Doku bei Amazon Prime erscheint, wenn auf dem Cover nicht nur die Künstlerin selbst, sondern auch ihr Ehemann zu sehen ist - dann sind auch die Erwartungen entsprechend hoch. Seelenstriptease, mindestens. Alles hautnah, alles fast schon zu privat. Alle Höhen und Tiefen, eigentlich am liebsten nur diese und keine langweiligen Zwischenstufen.

Der Opener "Haus Am See" nimmt dem Hörer jedoch direkt einmal den Wind aus den Segeln: Mit einer ordentlichen Portion Autotune säuselt Loredana da ihre Abkehr vom Zwischenmenschlichen und Hinwendung zum platten Materialismus ins Mikrofon. "Nein, ich brauch keine Love, ich kauf mir Cartier", heißt es komplett ironiefrei in der Hook, und im zweiten Part dann: "Denn meine Liebe wurd nie wertgeschätzt / Deshalb heil' ich die Wunden auf mein' Herz mit Cash" - schlechte Startbedingungen also für Karim Adeyemi.

Auf dem Titeltrack dann die Annäherung: Das Herz, das ja eigentlich gerade durch Cash geheilt wurde, "wurde kälter so wie letzten September", erfahren wir da. Aha - was auch immer da im September jetzt gewesen sein mag. Oder weil der Herbst einfach schon recht kalt ist? Man weiß es nicht, doch zumindest zwischen den Zeilen kommt irgendwie raus, dass wir uns hier gerade vom Drama zur Love bewegen und der Ausstieg "Ob das alles echt war, werden wir seh'n" steigert tatsächlich irgendwie die Spannung auf das, was noch kommt.

Tatsächlich kommt dann allerdings nicht mehr viel, was einem die Person Loredana irgendwie näher bringt. Zunächst holt sie nämlich erst noch einmal ihre "Sonnenbrille" aus dem Keller. Erstmals 2016 veröffentlicht und jetzt wohl anlässlich der Doku noch mal rereleast - so ähnlich jedenfalls, denn eigentlich war der Song die ganze Zeit bei Spotify verfügbar. Mag in diesem Zusammenhang, da die EP ja irgendwie als Soundtrack fungiert, aber schon einen gewissen Sinn ergeben, und ist natürlich auch ein kleiner Ohrwurm. Der Reim von "Identität" auf "Fendi, ey" ist allerdings immer noch ein Verbrechen an allen Ohren dieser Welt.

Mit "Surprise" geht Loredana dann erstmals in die Offensive - und damit endlich auch ans Eingemachte. DSDS mit Dieter Bohlen, der Skandal um Petra K. - mit Anspielstation Nummer vier kommen wir endlich zum heißerwarteten Realtalk. Auch "Privileg" und "Superstar" versuchen, das Energielevel weiter hoch zu halten, indem Loredana sich hier auch flowtechnisch durchaus variabel zeigt. Gleichzeitig schaffen es beide Songs aber lyrisch nicht über das übliche Representer-Level hinaus. Bei einer Zeile wie "Meine ganze Family ist seit den Achtzigern am hustlen" hätte man gerne mehr erfahren, doch geht Loredana leider direkt zur nächsten Ansage über, anstatt sich einmal nahbar zu machen.

Besagte Ansagen geraten dann im Laufe der EP auch zunehmend zum Eigentor. Wenn Loredana auf "Privileg" beispielsweise "Ich bin nicht Nicki" herumposaunt, obwohl sie nur zwei Tracks vorher noch eine Line aus Nicki Minajs "Monster"-Part zitiert hat, wirkt das schon erstaunlich unreflektiert. Hinzu kommen allerlei Lines gegen Feminismus und Bodypositivity, die nicht nur unreflektiert, sondern geradezu verzweifelt wirken. Mit Lines wie "Ihr wollt Emanzipation, okay, gib mir die Hosen" wärmt Loredana schließlich noch mal jenen patriarchalen Pseudo-Gegenentwurf dazu auf, der einst schon "King Lori" den Titel gab.

Trauriger Höhepunkt ist der wohl als Gipfeltreffen angedachte Kollabotrack "Ihr Möchtegern" mit Schwesta Ewa, auf dem beide gegen namentlich nicht näher benannte Rap-Kolleginnen schießen und sich auch hier wieder keinerlei Mühe geben, diese Message wenigstens noch halbwegs logisch rüberzubringen. Also so wirklich gar nicht! Nachdem Loredana auf "Privileg" noch "Ihr macht auf feministisch, aber nennt euch 'Bitches', sorry, das macht kein‘ Sinn" stichelte und auf "Superstar" mit "Bin keine Bad Bitch" dann noch mal nachlegte, kündigt sie im Intro von "Ihr Möchtegern" vollmundig an, denen da draußen jetzt aber mal zeigen zu wollen, "wer die echte Bad Bitch hier eigentlich ist". Hä?

Sonderlich viel Love gab es nach diesen sieben Songs also letztlich nicht, und das Drama entsteht vor allem dann, wenn Loredana gleich mehrfach versucht, ein politisch und gesellschaftlich hochbrisantes Thema mit Stammtischparolen abzufrühstücken. Das eigentliche Dilemma der EP liegt allerdings woanders: Ausgerechnet bei einem Projekt, das sich mit seiner Vermarktung so offensiv auf die Person hinter der Kunst beruft, bleibt ebenjene Person erstaunlich unsichtbar.

"Love & Drama" verspricht einen Blick hinter die Fassade, liefert am Ende aber vor allem das, was man von Loredana ohnehin seit Jahren kennt: Statussymbole, Sticheleien und Selbstbeweihräucherung. Schade drum - Potenzial für mehr wäre hier schließlich reichlich vorhanden gewesen.

Trackliste

  1. 1. Haus Am See
  2. 2. Love & Drama
  3. 3. Sonnenbrille
  4. 4. Surprise
  5. 5. Privileg
  6. 6. Superstar
  7. 7. Ihr Möchtegern (feat. Schwesta Ewa)

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