laut.de-Kritik
Kein Mythos, sondern groß und unentschlossen.
Review von Emil DröllDer größte Glücksgriff für "Reload" war es aus damaliger Sicht vielleicht, dass es, anders als ursprünglich geplant, nicht als Doppelalbum mit "Load" veröffentlicht wurde. 1996 konnten sich die Metal-Ultras ohnehin schon ausführlich über Country-Hetfield echauffieren, der sich angeblich endgültig der Kommerzialität hingegeben hatte. Dabei übersieht man gerne, dass sich wohl jedes Album nach der Kill-Ride-Master-Trilogie ohnehin millionenfach verkauft hätte, vielleicht sollte man Metallica also nicht jeden künstlerischen Eigenwillen reflexartig als Ausverkauf deuten.
Jedenfalls gab es nach dem Black Album und "Load" reichlich Zeit, das sinkende Thrash-Schiff zu verlassen oder sich auf die neue Richtung einzulassen. Dass Metallica zu diesem Zeitpunkt nicht gerade auf dem Höhepunkt ihres Coolness-Faktors standen, ist unbestritten, nicht zuletzt das 'Piss And Blood'-Albumcover ist hier ein Totschlagargument.
"Reload" jedenfalls startet bereits spannender als sein Vorgänger, auch wenn man bei "Gimme that which I desire" sprachlich durchaus kurz hängen bleibt. "Fuel" wirkt zunächst etwas stumpf: "Fuel, Fire, Yeah" ist jetzt nicht sonderlich poetisch. Musikalisch entfaltet der Song jedoch deutlich mehr: Groove-Wechsel, Druck und ein Lars Ulrich, der den Track überraschend souverän trägt. Der Chorus gehört zu den eingängigsten Momenten der Platte.
Das Album ist auch ein weiterer Beweis dafür, dass Metallica nicht zuletzt deshalb so erfolgreich sind, weil sich James Hetfield gesanglich kontinuierlich weiterentwickelt hat. Auf dem Black Album kam die Tiefe, auf "Load" ging es Richtung Alternative-Rock – und hier wird es zunehmend hymnisch.
"The Memory Remains" markiert dann den ersten echten Stimmungsbruch. Marianne Faithfull katapultiert den Song mit ihren "La-La-La"-Gesängen in eine fast schon ikonische Sphäre. Rein objektiv ist ihr Beitrag minimal, aber in Kombination mit Metallica entsteht eine so ungewöhnliche Konstellation, dass der Song allein dadurch einen besonderen Status bekommt.
"Devil's Dance" lebt vom langsamen Tempo und der dichten Atmosphäre, auch wenn der große Heaviness-Ausbruch ausbleibt. Der Track überzeugt eher durch sein interessantes Wechselspiel aus Lead- und Rhythmusgitarren. "The Unforgiven II" knüpft zwar an den Trilogie-Vorgänger an, erreicht dessen Wirkung jedoch nicht ganz. Trotzdem funktioniert der Song erstaunlich gut, auch wenn das Gitarrensolo etwas unbeholfen wirkt.
Nach diesem starken Auftakt zeigt sich jedoch das zentrale Problem des Albums: die Überlänge und fehlende Straffung. "Better Than You" ist nicht nur semantisch einer der plattesten Titel des Albums, sondern auch kompositorisch wenig erinnerungswürdig: solide, aber ohne eigenes Profil. "Slither" bringt mit seinem Riff zwar wieder mehr Energie zurück, steckt aber ebenfalls im Mittelfeld fest. "Carpe Diem Baby" driftet dann endgültig in Richtung Kalenderspruch-Rock ab. Hetfield säuselt stellenweise etwas zu arg, und mit über sechs Minuten Spiellänge wirkt der Song unnötig ausgedehnt. Auch "Bad Seed" bleibt schwer greifbar und zündet nicht.
"Where The Wild Things Are" hebt sich dagegen wieder positiv ab: mehr Atmosphäre und mehr Melodie, einer der besseren Deep Cuts des Albums. "Prince Charming" zieht das Tempo wieder an und sorgt für willkommene Dynamik, die dem Album in dieser Phase gut tut.
"Low Man's Lyric" ist zwar deutlich zu lang geraten, gehört aber dennoch zu den Highlights, vor allem aufgrund seiner ungewöhnlichen Instrumentierung und Stimmung. "Attitude" wirkt dagegen eher wie ein stilistischer Selbstzitat-Moment der 90er-Band. "Fixxxer" nutzt seine acht Minuten erstaunlich effektiv und baut eine düstere, dichte Atmosphäre auf, verliert das interne Rennen innerhalb der Albumdramaturgie aber knapp gegen den spiegelbildlichen Abschluss "The Outlaw Torn", der letztendlich als konsequenterer Schlusspunkt wirkt.
Das Remastered Deluxe Box Set bietet mit seinen insgesamt 19 Stunden Material eine durchwachsene, aber interessante Ergänzung zum Album. Den Auftakt bildet ein Liveset aus dem "Live At Ministry Of Sound"-Auftritt in London 1997. Enthalten sind unter anderem bereits "Garage Inc."-Cover wie "Helpless", daneben aber auch ein Querschnitt durch die gesamte Metallica-Welt: "The Four Horsemen", "Damage, Inc.", "Of Wolf And Man", aber auch neuere Stücke wie "Fuel" oder "The Memory Remains".
Und tatsächlich macht das viel Spaß. Der Sound ist überraschend gut überarbeitet, ohne steril zu wirken. Vor allem wirkt es angenehm, nicht nur YouTube-Stadionmitschnitte zu hören, sondern kleinere Clubshows in professioneller Qualität zu erleben. Was danach folgt, begründet allerdings die Bezeichnung 'durchwachsen': Wer genau braucht "Fuel - Riff", "Fuel - Riff II" und "Fuel - Riff III"? Auch die Demo-Tracks leben weniger von Rohheit als von Fragmenten, nicht zuletzt, weil Hetfield fast alle Lyrics einfach durch "Yeahs" andeutet. Wer das am Stück hört, wird früher oder später an seiner Geduld zweifeln.
Besser funktionieren dagegen die "Vocal Idea"-Tracks, die zumindest einen Einblick in den kreativen Prozess geben. Insgesamt überwiegt jedoch die Erkenntnis, dass "Reload" gerade im Proberaum- oder Demoformat nicht unbedingt an Charme gewinnt, hier bleiben die fertigen Studioversionen klar überlegen. Interessanter wird es dann etwa mit dem Marianne Faithfull-Outtake sowie den "Rough Mixes", die tatsächlich einige spannende Nuancen offenlegen.
Auch die Livemitschnitte vom Reading Festival 1997 sind ein Highlight. Die Setlist ist abwechslungsreich und enthält diesmal auch Klassiker wie "One" oder "For Whom the Bell Tolls". Wer denkt, Metallica würden sich bei "Master of Puppets" ungewöhnlich viel Zeit lassen, wird bei dem extrem treibenden "Motorbreath" eines Besseren belehrt: Das Live-Feuer war auch 1997 absolut präsent.
Es folgen zahlreiche weitere Mitschnitte aus einer insgesamt starken Metallica-Livephase, in der sowohl "Load"- als auch "Reload"-Material funktionierte. Besonders hervorzuheben sind Momente wie Lynyrd Skynyrds "Tuesday's Gone" mit Jerry Cantrell. Auch die KSJO Studio Sessions von 1997 zählen zu den klaren Highlights des Sets.
Insgesamt bekommt man hier 19 Stunden Material zu einem Album, das vielleicht tatsächlich als eines der letzten Werke eine so umfangreiche Aufarbeitung rechtfertigt. Rückblickend wirkt der Eindruck, dass sich die Band etwas verzockt hat, nicht völlig falsch: "Load" und "Reload" hätten als komprimiertes Einzelalbum mit den stärksten Songs vermutlich besser funktioniert. So blieb es getrennt, aber auch das passt ins Bild.
Mit "Load" begann der Metallica-Fiebertraum, mit "Reload" fand die Band Gefallen daran, mit "Garage Inc." gipfelte er, mit "S&M" wurde er zur Gewohnheit, mit "Lulu" ging er zu weit. Heute existiert dieser nur noch in abgeschwächter Form. Die "Reload Deluxe Edition" zeigt letztlich vor allem eines: Das Album ist im Kern ein solides Alternative-/Southern-Rock-Werk, auch wenn "Metallica" draufsteht.
Unterm Strich bleibt "Reload" ein Album, das weniger an einzelnen starken Momenten scheitert als an seiner eigenen Ausdehnung. Die Platte hat gute Songs, teilweise sogar sehr gute, aber sie verliert sich immer wieder in Längen, Redundanzen und einer gewissen Ziellosigkeit, die aus der damaligen "Load/Reload"-Phase nicht ganz herauszufiltern ist. Gerade im Rückblick wirkt die Platte weniger wie ein musikalisches Statement, sondern eher wie ein Übergangszustand: Eine Band, die ihren neuen Sound gefunden hat, ihn aber noch nicht konsequent kuratiert. So entsteht ein Werk, das mehr Potenzial zeigt, als es letztlich einlöst.
Die Deluxe-Inhalte bestätigen diesen Eindruck eher, als dass sie ihn korrigieren: viel Interessantes, aber selten wirklich Essenzielles. Auch das passt zum Gesamtbild: "Reload" ist kein Mythos-Album, sondern ein Dokument einer Phase, in der Metallica groß, selbstbewusst und gleichzeitig erstaunlich unentschlossen waren. Am Ende bleibt genau das hängen, was das Album seit 1997 begleitet: Respekt für die Ideen, aber Kritik an der Konsequenz.


5 Kommentare
Die komplette Tracklist ist gerade bei einem Boxset wichtig. Auch wenn sich Laut.de eher an Mainstream Casual Hörer richtet ist das hier etwas schwach. Vor allem wenn eher der damalige Zeitgeist statt der Musik besprochen wird.
haha ... also wer für eine Neuauflage DIESES Albums ... dann vieleicht noch in der Box-Version um 250 Euro ... Geld ausgibt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.
Ich besitze die alte CD-Ausgabe. Und diese ist gut produziert und hat einen schönen kernig-rockigen Sound. Der Mehrwert eines Remasters erschließt sich mir dahern nicht.
Diese 19 Stunden Bonusmaterial auf mehreren Discs brauch ich nicht.
Scheint echt nur was für die eingefleischtesten Ultramegadiehard-Metallica-Fans zu sein, die zu viel Geld und Platz in ihrer Bude haben und wirklich alles, AL-LES haben müssen.
Mach aus beiden Alben folgende Tracklist
1. Fuel
2. 2X4
3. Until it Sleeps
4. The House Jack built
5. Hero of the Day
6. The Memory Remains
7. Mama said
8. Wasting My Hate
9. King Nothing
10. Ain't My Bitch
11. Fixxxer
12. Low Man's Lyric
...und es hätten sich nur halb so viele beschwert. Aber so muss man sich halt auf beiden Alben durch eine riesige Menge an Fillern kämpfen
Von Metallica sind es die ersten vier Alben, vlt. noch 2 bis 3 Songs vom schwarzen Album. Alles danach ist mehr oder weniger belanglos.