laut.de-Kritik
Schluss mit dem Mist, her mit der guten Musik.
Review von Rinko HeidrichWie Parklife von Blur, so solle man sich laut Bassist Ryan Needham das neue Yard Act-Album vorstellen. Eine auf den ersten Blick etwas ungewöhnliche Referenz, schließlich wandten sich Blur erst mit dem selbstbetitelten Album und vor allem "13" vom Britpop ab. Und doch war es ein großer Sprung nach vorne für Damon Albarn und seine Mitstreiter, der Moment, in dem Blur wirklich ihren eigenen Sound definierten.
Yard Act haben den ersten Schritt schon mit "Where's My Utopia" gewagt und ihr Image als Post-Punk-Hitmaschine erfolgreich dekonstruiert. Ein experimentelles Album, viel näher am eklektischen Sample-Pop von Beck oder den Beastie Boys als an der neuen wütenden Post-Punk-Welle wie Idles oder Shame - und vor allem ein großes Risiko.
Alles, was sie sich mit den eingängigen Hitsingles wie "The Overload" aufgebaut hatten, warfen sie in den Schredder, um es noch mal neu zu denken. Das ist genau der Moment, in dem die meisten Bands doch wieder Angst vor ihrer Courage bekommen und ein Back-To-The-Roots-Album als Entschuldigung nachlegen. Zum Glück sind Yard Act nicht so gestrickt, im Gegenteil, nach der Befreiung mit dem zweiten Album wuchs das Selbstbewusstsein weiter an. "Redeemer" zeigt schon als Vorbote, wie wenig die Band Erwartungshaltungen erfüllen möchte, und nachdem man sich gerade erst an den Hip Hop-ähnlichen Ausflug von "Where's My Utopia" gewöhnt hatte, kommt nun ein schwerer Rock-Brocken, der an die Queens Of The Stone Age erinnert.
Sehr niedlich dagegen, wenn man den noch gewaltigeren Einstieg "Empty Pledges" nimmt. Ganze 20 Sekunden passiert erstmal gar nichts, bis der Track langsam, aber dann wie ein grollendes Unwetter an Fahrt aufnimmt. Oh je, eigentlich waren die Band aus Leeds bisher eher ironische Beobachter, aber jetzt gehen auch hier die Lichter aus. Ein stürmischer Nick Cave-Moment, in dem James Smith nahezu den Verstand über all die miesen Nachrichten, apokalyptischen Zustände und die Verhärtung der Menschen verliert. Eine Predigt inmitten der Hölle, in die wir uns alle erfolgreich und komplett eigenverschuldet mit voller Wucht und Freude hineinbefördern.
"By now you're either with us or you're not", stellt Smith gleich zu Beginn klar – sit down, shut up and listen, oder eben nicht: "Switch This Shit Off". Schluss mit dem Overload. Da hilft doch die britische Eigenart, alles mit Humor und Eigensinn zu nehmen. Der Vergleich mit Blur war sicherlich auf die Weiterentwicklung beider Bands bezogen, aber "New Beginnings" ist eine sehr spaßige Mischung aus traditionellem Britpop und dem Genre-Crossover von Damon Albarns Pop-Outfit Gorillaz. Und grundsätzlich ist jeder britische Pop-Song mit Bläsern großartig, damit das nun auch mal geklärt wäre.
Der andere Part von Blur war natürlich immer Graham Coxon, dessen schiefer Lo-Fi-Spirit in "Talky Talky People" einkehrt - passend, denn hier rechnet Smith im vorletzten Song des Albums mit den Menschen ab, die einfach nur rumschreien, aber nie zuhören. Ein später Widerhall des "sit down, shut up and listen" vom Opener. Auch hier gilt diese "Ich bin fertig mit dem Scheiß"-Gefühlslage wie schon bei dem wesentlich härteren Einstieg mit "Empty Pledges". Hier folgt ein entspannter Ausstieg, mit viel Stil und dem Wissen, dass außerhalb der Krawall-Netzwerke auch herrliche Ruhe herrscht. Was auch hier auffällt: Die Lust an neuen Sounds bleibt weiterhin fester Bestandteil, wird aber nun besser ins Songwriting eingeflochten. Noch besser ist, dass man auch hier das Gefühl einer Zwischenstation bekommt und nicht schon der absolute Peak erreicht wird, nach dem es nur weiter bergab oder in die Wiederholung gehen kann.
Yard Act sind immer noch auf der Suche, und das macht Spaß. Nicht alles funktioniert, wie die solide, aber nicht aufregende Talking Heads-Kopie "Fiction" zeigt, aber danach kommt mit "You're Gonna Need A Little Music" ein sehr schöner Disco-Song, der irgendwie auf eine schrullige, aber zum Glück tanzbare Art den Tom Waits in sich entdeckt und ihn auf die Tanzfläche schickt. Das Gute bleibt, dass man Yard Act einfach nicht mehr auf ein Label festlegen kann. Sie sind eine Quasi-Hip Hop-Crew in "Thrill Of The Chase" und plötzlich eine komplett verspulte Pop-Punk-Band in "Cherophobe Rock". Ein ständiger Überraschungsmoment kann natürlich irgendwann seinen Effekt verlieren, aber all diese Songs bleiben für sich einfach großartige Pop-Songs. Es gibt immer ein Element, das auch in den etwas nervösen und zappeligen Momenten durch den Song trägt.
In "Over The Barrel" ist ein Klavier, das schön fröhlich und etwas schief vor sich hin klimpert. Wie ein Haufen besoffener Matrosen singt die Band dazu im Chor, haut belustigt wild auf die Tasten und lässt den alten Kutter untergehen. Nein, es ist absolut nicht so nervig, wie man nun vermuten könnte. Ein toller, bekloppter Spaß. Wenn eh alles den Bach runtergeht, sollte man zumindest ordentlich einen sitzen haben und die Zeit mit guten Menschen verbringen. Was gerade alles auf diesem idiotischen Planeten passiert, lässt sich rational eh nicht mehr erklären.
Yard Act klingen auf "You're Gonna Need A Little Music" in manchen Augenblicken wirklich so, als ob sie ebenfalls den Verstand verlieren, und besinnen sich zum Glück wieder auf die Grundaussage ihres Albums: Wir müssen einfach mal alle ganz dringend wieder runterkommen, uns nicht von egal welchem Lager gegeneinander aufhetzen lassen und einfach gute Musik hören.


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