laut.de-Kritik

Der Anfang ist gemacht.

Review von

Kaum ein deutscher Rapper ist heutzutage so sehr Opfer seines eigenen Einflusses wie Azad. Mit seinen ersten beiden Alben prägte der Frankfurter maßgeblich das Vokabular von deutschsprachigem Straßenrap - und zwar so nachhaltig, dass Buzzwords wie "Block", "Asphalt" oder "Beton" heutzutage als unkreative Klischees belächelt werden. Der immense Impact beraubt Azad letztlich seines Markenzeichens. Was also tun?

Dass er auch 25 Jahre nach seinem Debüt noch den Drang verspürt, sich weiterzuentwickeln, bewies Azad bereits 2024 mit "Komboz": Trap-Beats und eine junge Garde an Rap-Kollegen lockten den Bozz aus seiner Komfortzone. Dass er auch für sein neues Album bereit ist, diese zu verlassen, macht bereits der Opener klar und wirft zusätzlich die Frage auf, wieso vorher noch niemand darauf gekommen ist, dass sich "Roberto Carlos" auf "Sergio Ramos" reimt.

Auch auf "Apex" und "OG" sowie im hinteren Teil des Albums geht der Frankfurter fleißig in die Offensive und wagt sich dabei behutsam, aber konsequent in für ihn neue Formen des Textens vor. Hier mal kurz der Hashtag-Flow, da mal eben ein Wie-Vergleich - immer stets wohldosiert, niemals aufgesetzt. Revolutionär ist das alles nicht. Dennoch wird Azads Stil dadurch frischer denn je.

Im Mittelteil befinden sich mit "Survivor", "Hard Knock Life", "Prayer" und "Kaisom" jedoch gleich mehrere Songs, die gerne tiefgründig wären, doch einfach nicht unter die Oberfläche gelangen. Es geht um "Ups and Downs", um "Pain", um "psychische Schäden", um "Hustle", um "das wahre Leben", dazu - natürlich - gerne ein Piano. Da sind sie wieder, die Stereotypen aus der Frankfurter Rap-Fibel. Dabei hat mittlerweile auch FFM unter Beweis gestellt, dass Rap mit Tiefgang durchaus möglich ist.

Jeder Creative-Writing-Workshop droppt schon innerhalb in den ersten 30 Minuten die Weisheit "Show, don't tell". Bei Azad, aber auch seinen Kollegen Muntu, Jeyz und Jonesmann erfahren wir aber herzlich wenig über ihre Auslöser des Schmerzes, über ihre inneren Kämpfe, über ihre mentalen Krisen - abgesehen von ihrer behaupteten Existenz.

Die einzige Ausnahme bildet das als Outro fungierende "Azadi", auf dem Azad sich knapp zwei Minuten lang ohne Hook mit seinem Verhältnis zu Kurdistan auseinandersetzt. Auch hier wechseln sich Detailaufnahmen mit poetischen Passagen ab, doch zumindest wird - leider erst zum Ende der Platte - erstmals deutlich, was unseren Protagonisten denn nun eigentlich so plagt. Wenn Azad für sein nächstes Album noch eine lyrische Herausforderung sucht: Es sind die deepen Songs und nicht die Battletracks. Der Anfang ist bereits gemacht.

Trackliste

  1. 1. Roberto Carlos
  2. 2. Apex
  3. 3. Tales From The Hood
  4. 4. OG
  5. 5. Survivor
  6. 6. Hard Knock Life
  7. 7. Prayer
  8. 8. Kiasom
  9. 9. Soulbrother
  10. 10. Illest Ever
  11. 11. Requiem
  12. 12. BMF
  13. 13. Still Standing
  14. 14. Modus Rap 2
  15. 15. Azadi

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Azad

Azads Hip Hop-Roots lassen sich bis ins Jahr 1988 verfolgen. Als kurdisches Flüchtlingskind findet er schwer Anschluss in den kalten deutschen Landen.

Noch keine Kommentare