laut.de-Kritik
Das beste Metal-Livealbum aller Zeiten?
Review von Stefan JohannesbergIst "Madness Reigns From The Gutter (1990)" das beste Metal-Livealbum ever?
Im Jahr 1990 stehen Metal und Savatage jedenfalls am Scheideweg. Musikalisch drängen der Alternative Rock, das Hardcore-Mindset und die Rap-Beats in die Kultur, während Savatage sich in Richtung progressiv-theatralischem Metal entwickeln. Zum Zeitpunkt des Konzerts fallen die Würfel jedoch gerade erst, Fans und Musiker genießen noch den Schwebezustand zwischen irren Leads von Criss Oliva, Reibeisen-Gesang von Bruder Jon, Caffertys harten Riffs und einer super tighten, fast aggressiven Rhythmus-Maschine auf der einen und stimmig eingebundenen orchestralen Arrangements auf der anderen Seite.
Diese Originalbesetzung konnte sich schon im Studio mit den Größten der Großen messen. Ihre zum Zeitpunkt der Tour aktuellen Alben - "Hall Of The Mountain King" und "Gutter Ballet" - gehören in wirklich jede ernstzunehmende Top 50 Liste. US-Power-Metal der ersten Generation - also alles vor "Keeper Of The Seven Keys II" - hatte nichts mit der federleichten, melodischen Version der späteren Phase zu tun. Savatages Sound war schwer und walzte fast bluesig-rockig von Florida aus durch die Szene zu MTV. Live legen die fünf Wahnsinnsmusiker jedoch noch ein bis drei Briketts nach.
Das Album "Madness Reigns From The Gutter (1990)" dokumentiert nun ein komplettes Konzert aus jener Phase, genauer gesagt vom 29. Juni 1990 aus dem "Hollywood Palace" in Los Angeles. Der Mitschnitt für den Radiosender KNAC kursiert als Bootleg seit einigen Jahren unter dem Titel "Hollywood Babylon". Allerdings in bedeutend schlechterer Qualität. Manche der Tracks befinden sich auch schon auf "Ghost In The Ruins – A Tribute To Criss Oliva" von 1995. Diese setzt sich jedoch aus diversen Shows der damaligen Touren zusammen. Ein ganzes Konzert mit allen Zwischenrufen, der Dramatik der Playlist und dem immer stärker abgehenden Publikum entfaltet jedoch seinen ganz eigenen Charme.
Savatage wählen mit "City Beneath The Surface" zum Warmwerden einen Track aus den rohen Anfangsjahren. Aufgenommen für die "The Dungeons Are Calling"-EP 1984 legt der Song gleich Nacken und Kopf in Hot Rotation. Jon Oliva gibt mit dem klassischen "Time to kick some ass" den Startschuss. "Blood, Blood, Blood"-Shouts und Criss' Soli lassen keine Zeit zum Luftholen. Doch damit nicht genug, Savatage' schnellster Track führt bereits nach kürzester Zeit zu Asthma-Anfällen im Mosh-Pit. "White witch white witch / Coming For you", wer hier nicht mitgerissen wird und wild die Fäuste schüttelt, dessen Leben ist ein komplettes Desaster.
Nach dem Hexen-Inferno folgen drei Tracks von "Gutter Ballet". "Of Rage And War", "She's In Love", "Mentally Yours". Jon Oliva agiert nun wesentlich vielseitiger. Er singt, spricht, leidet, schreit und verführt die Zuschauer wie der Rattenfänger vom Harlem. Wies "Hall Of The Mountain King" bereits erste Ansätze von Bombast auf, so wagen sich die "Gutter"-Stücke stärker in rockigere Gefilde, verlieren dabei aber nicht an Härte und Intensität. Teilweise kann man nicht glauben, wie gut die Musiker zusammenarbeiten. Im Klavier-Intro zu "Mentally Yours" zum Beispiel transformiert Jon den Hollywood Palace in ein Musical, um dann direkt wieder loszubrettern. "
Nach dem Ausflug ins Ballett steigen Savatage wieder hinab in die Halle des Bergkönigs. "24 Hrs. Ago", "Legions" und "Strange Wings" halten die Spannung oben. Überhaupt schaffen es am Ende nur fünf Tracks, die nicht von diesen Klassikern stammen, in die Setlist. Die unbeliebte und offensichtliche Anbiederung an Poser-Metal "Fight For The Rock" wird ganz verschmäht.
Und dann, nach weiteren Hits, folgt die Jahrhundert-Hymne "When The Crowds Are Gone". Die Emotionen des erfolgreichen, aber einsamen, mit sich ringenden Künstlers dringen live noch tiefer in das Innerste der eigenen Seele. Selbst Jahrzehnte später zittert man am ganzen Körper, wenn Jon am Ende mit letzter Kraft in die Nacht "I never wanted to know / Never wanted to see / I wasted my time 'till time wasted me / I never wanted to go / Always wanted to stay / Cause the person I am are the parts that I play" hinaus ruft.
So könnte die Albumkritik verdientermaßen noch Track für Track noch endlos weitergehen, statt dessen beantworten wir lieber die Frage zu Beginn.
Ja.
Dieser Mitschnitt steht in einer Reihe mit Motörheads "No Sleep Til' Hammersmith" und hält jeden Vergleich mit Iron Maidens "Live After Death"-Größenwahn locker stand.


1 Kommentar mit einer Antwort
laaaame
Einspruch, mein Herr, das Album ist nicht schlecht.
Wobei 5/5 aber doch etwas übetrieben ist.