laut.de-Kritik
I believe in autistic supremacy.
Review von Yannik GölzDas Wort 'autistisch' hat eine seltsame Karriere gemacht. In den letzten Jahren haben gefühlt noch ein paar mehr Leute vage verstanden, was diese Diagnose bedeutet. Momentan wirft man es um sich, als gäbe es kein Morgen. Mit dem erwartbaren Nebeneffekt, dass es eine neue Bedeutung erhält, in der quasi jedes latent nerdige Verhalten darunter gespannt wird. Tabletop-Rollenspiele? Autistisch. Am Computer sein? Autistisch! Sich für irgendetwas leicht intensiviert interessieren? Es kann nur eine Sache sein.
Autistisch genannt wird mehr oder weniger jedes Verhaltenspattern, das einen Halbschritt links am absoluten gegenderten Normalverhalten vorbeischrammt. Wenn der Autismus und seine positiven wie negativen Stereotype schon so viel Platz in unserer kollektiven Vorstellungskraft einnimmt, dann wäre es doch allerhöchste Eisenbahn, neben all der Küchenpsychologie auch mal ein paar Jungs und Mädels mit der tatsächlichen Condition das Mic zu geben, oder?
Full Disclosure: Kamimane hat vor einer Weile hier bei uns Praktikum gemacht. Ihr könnt jetzt losziehen und Reviews von ihm lesen, die seinen wirklich eigenartigen Musikgeschmack sehr gekonnt illustrieren. Ich wusste damals schon, dass der Mucke macht. Ich hätte aber nicht erwartet, jemals in die Verlegenheit zu kommen, sein Material hier auf der großen Bühne zu besprechen. Nicht, weil der nicht rappen kann. Kann er. Sondern eher, weil sein Material so bewusst und willentlich nischig ist, dass er an seinen eigenen Ansprüchen versagt hätte, wenn seine Mucke für irgendein Musikmagazin in Frage gekommen wäre. Bei aller Sympathie: Ich hätte mich hier nicht hingestellt und euch erklärt, was Lo-Fi-Phonked out Sigilcore ist. Es gibt Grenzen.
Glücklicherweise macht er jetzt mit Superproducer und MC Klang der Nudel etwas ganz anderes: "Autistokratie" ist ein Projekt mit sehr klarem Auftrag. Sie definieren beide für sich neu und klar, was es heißt, als autistischer Atze einen Platz in diesem Game zu haben. Als ich erst Cover und Titel gelesen habe, dachte ich mir noch, dass das bestenfalls ganz lustig und schlimmstenfalls mäßig belastender Meme-Rap werden würde. Ich lag so daneben. Dieses Tape ist eins der sorgfältig durchkomponiertesten und unerklärlich berührenden Kurzspieler, die ich im Deutschrap bisher so gehört habe. Es lässt mich ehrlich nicht los.
Die erste Hälfte von "Autistokratie" ist den Bangern vorbehalten. Intro "Autismus Anthem" macht den Südstaaten-Bläser-Hypebeat irgendwo zwischen Young Jeezy und Young Thugs "Hot" auf. Klingt nicht nur fett, sondern ist auch eines der besten Showcases für Kamimanes Stimme, die ich je gehört habe. Der Mann hat je eh ordentlich Bass, aber wenn er in der Hook das "es ist genetisch unmöglich für mich ein NPC zu sein" hittet, dann produziert das schon echt Glückshormone. Der Micpass zum Nudelmann macht einen schönen Stimmkontrast, die beiden klingen auf diesem Intro absolut on fire.
Dann gibt es zwei Tracks, die ein bisschen mehr wie das klingen, was ich erwartet habe. "Ichgehnüsse" klingt instrumental mit den BoomBap-Slice-Sounds ein bisschen wie ein Leftover von "Music To Get Rejected To". Das anonyme Geflexe spaltet sich in gute und nicht so gute Punchlines. Gut: "Du bist fucked up, ja, du hast dich hochgefickt". Schlecht: Alle Lines, die mit Schwangerschaften, Abtreibungen und Hitler zu tun haben. Jungs, ich brauche euch nicht auf dem Film, als wärt ihr die Reservebankspieler von Mehnersmoos.
Als Track drei dann durch war hätte ich das Intro als eine sehr positive Überraschung verbucht, dann aber erwartet, dass danach nicht mehr so viel Nennenswertes kommen würde. Und dann kommt die zweite Hälfte, die tatsächlich in die Materie und ins Storytelling reingeht. Und was soll man sagen: Damn!
"Sie Fragt Mich Wie Es Mir Geht Ich Sage Ihr Ich Funktioniere Innerhalb Normaler Parameter" (was ein Tracktitel) und "Basierte Götter" sind nicht weniger als magisch. Das Sample-Game ist unnormal und die Ehrlichkeit schonungslos. Ersterer Track hat eine entwaffnende Haltung darin, wie die beiden über Mobbing sprechen. Was es ihnen bedeutet, eine ganze Kindheit gespiegelt zu bekommen, absolut nicht dazugehören. Die Gesangshook endet mit einem "ich fick nicht mit normal". Das haut rein.
"Basierte Götter" ist der würdigste Schlusstrack. Quer über ein großartig geflipptes Sample der Cocteau Twins gibt es Bars in die Fresse. Ich liebe, wie hier Odd Future, Soulja Boy und Lil B als Vorreiter durchgesprochen werden. Ich liebe, wie Nudel seine Erfahrungen beschreibt. Und nicht nur ist Kamimanes Fazit "Ich bin ein fucking Autist und bin verfickt nochmal stolz drauf" ein wirklich wunderschöner Schlusspunkt - das Gesamtpaket dieses Songs ist einfach absolut dick. Die Breakbeats und das Gitarrensolo zum Finale nicht mal einbezogen.
"Autistokratie" ist so eine wahnsinnig gute EP. Es fühlt sich an wie ein Befereiungsschlag, eine Reclamation, ein Frontalangriff. Allen Diskurs, allen Inhalt beiseite: Hier hörst du zwei Rapper, denen du jede Sekunde anmerkst, dass sie etwas zu erzählen haben. Und if that's not what rap is all about?


3 Kommentare mit 2 Antworten
unskippable Titel / Albumcover Kombination. Irgendwo zwischen Moneyboy, Dexter, und JBB. Hat mich nicht so krass abgeholt aber kann man sich schon geben
ok ich bin die letzte stunde ein bisschen ins rabbit hole gefallen und bin jetzt fan
Dope!
Ey Klang der Nudel trägt mein Shirt
rauschi ich will dass du mir ein kind gebärst