laut.de-Kritik
"AfD, CDU, fick das ganze ABC."
Review von Elias RaatzWenn in Deutschland politisch irgendwas brennt, steht PTK nicht mit dem Feuerlöscher daneben, sondern kippt Benzin in die richtige Richtung. "Aus Aktuellem Anlass" heißt sein neues Album, und selten klang ein Titel weniger nach Floskel. Das hier ist kein Haltungs-Rap für Menschen, die "Antifaschismus" in die Instagram-Bio schreiben, aber SPD wählen. Das ist linksradikaler Hip Hop: "Wenn ich mit Friedrich [Merz] reden müsste, wüsste ich schon wie, denn alle 16 Stunden fallen Schüsse in Berlin." PTK rappt aus der Gegenwart heraus, mitten in die Gegenwart rein – Musik von unten gegen die da oben.
Die Platte überzeugt nicht nur, weil die politische Haltung stimmt. Ein guter Standpunkt macht noch kein gutes Album. "Aus Aktuellem Anlass" funktioniert vor allem, weil PTK hier raptechnisch und musikalisch auf einem sehr hohen Level unterwegs ist. Die Beats drücken, die Flows sitzen, die Reimketten knallen, die vielen Features bringen Abwechslung. Das Album hat Druck, Aktualität, Wut, Haltung – und, fast noch wichtiger: Es hat musikalisch genug Ideen, um diese Wut nicht nach 20 Minuten stumpf werden zu lassen.
Der erste Track eröffnet mit klassischem PTK-Sound, intensiver Einstieg, guter Flow, ein Beat, der nicht höflich anklopft, sondern die Tür direkt mit dem Stiefel öffnet. "Ich bin nicht happy, letztes Album voll mit Depri-Scheiße", rappt er, und schon in dieser Zeile steckt im Grunde die Bewegung des Albums: (zumindest anfangs) weg vom inneren Zusammenbruch, rein in die politische Konfrontation. Der Schmerz bleibt, klar, aber "Nach Dem Schmerz Kommt Die Wut".
Mit "Merzfeinde (feat. Erzin)" landet PTK dann endgültig im Hier und Jetzt. Friedrich Merz' Originalzitat über die deutsche Bevölkerung, die angeblich fast drei Wochen im Jahr krank sei, wird reingeschnitten und anschließend so zerlegt, wie man marktwirtschaftliche Menschenverachtung eben zerlegen sollte. "Keine Familie verdient so ein Vater Staat", ist eine dieser Zeilen, die in ihrer Einfachheit sitzen, weil sie nicht so tun, als müsste man soziale Kälte erst noch in 27 Talkshow-Minuten ausdiskutieren.
"Facharbeiter" legt nach und zeigt PTK in Bestform. "Ich rede nicht mit Faschos, dafür fehlt mir die Geduld. Wenn ich mit Faschos reden möchte, wähl' ich 110." Für solche Zeilen bekommt man (trotz krassem Flow) im bürgerlichen Feuilleton natürlich keinen Applaus, aber den adressiert er auch nicht. Schließlich gelten schon deutlich unkontroversere Lines wie "Marktwirtschaft und sozial, ja das passt so überhaupt nicht" in Deutschland wahrscheinlich als Linksextremismus, sobald man sie lauter als Zimmerlautstärke ausspricht.
Für "ABC (feat. Dahabflex)" nahm sich PTK den Internettrend 'we listen and we dont't judge' als Inspiration, nur judget er sehr wohl: "AfD, CDU, fick das ganze ABC." Dahabflex bringt noch mal eine andere (radikale) Energie rein, das Feature ballert. PTK beweist erneut sein ziemlich gutes Gespür dafür, aktuelle Phänomene nicht nur zu benennen, sondern sie in seine eigene Sprache zu überführen – und dann einen Text wie eine geballte Faust auf die Fresse zu liefern.
"Deutschland, Was Los?!" beantwortet seine eigene Frage im Grunde schon durch den Druck, mit dem der Song reinkommt. Gesellschaftspolitisch aktuell, textlich direkt, und der Beat von JEZUZ ballert so krank, dass man fast vergisst, wie deprimierend der Anlass dafür ist. Genau das kann PTK auf diesem Album immer wieder verdammt gut: Er macht aus politischer Ohnmacht keine bleierne Theorieveranstaltung, sondern Rap als Wut-Übersetzer. Nicht immer differenziert bis in den letzten Germanistik-Seminarraum, aber dafür mit einem Puls, den man spürt.
Mit "Firestorm (feat. Mal Élevé & Osy)" kommt dann einer der ersten großen Beweise dafür, wie viel Abwechslung dieses Album wirklich hat. Osy bringt einen englischen Refrain, Mal Élevé eine französische Strophe, 808swerve liefert eine Produktion, die PTKs Selbstbeschreibung als Gangster-Reggae und Marseille-Rap ziemlich treffend wirken lässt. Das hätte auch schiefgehen können, wie so viele 'Wir machen jetzt mal was Internationales'-Momente im deutschen Rap. Tut es aber nicht. Ein anderer Vibe, ein anderer Groove, ein organischer Perspektivwechsel.
Danach öffnet sich "Aus Aktuellem Anlass" noch stärker Richtung Feature-Album. "No Hook 361 (feat. 42)", "Anti Aus Prinzip (feat. Shacke One)", "Keiner Hat Uns Was Zu Sagen (feat. Saftboys)" und "Forbes List (feat. AERO161)" bilden eine ganze Strecke, in der PTK ein erstaunlich stabiles Line-up auffährt. "Access All Areas (feat. Sechser)" gehört zu den besten Feature-Momenten der Platte. Jedes Beitrag bringt eine eigene Farbe rein, mal über Stimme, mal über Flow, mal über Haltung. Das hält die Platte lebendig und verhindert, dass die politische Wucht zur Monotonie wird. Gleichzeitig bleibt bei mir trotzdem der Eindruck: Am stärksten ist PTK, wenn er allein am Mikro steht und die Gegenwart direkt an der Kehle packt. Die Feature-Tracks funktionieren, keine Frage. Aber seine Solo-Momente wirken oft noch näher an der Straße, näher am Zeitgeschehen, näher an dieser kämpferischen Dringlichkeit, die PTK so stark macht.
"Safe Space" ist dann nochmal ein anderes Kaliber. Krankes Storytelling, ein starker Beat, ein Song über den Kiez, Heimat, Identität und den eigenen Schutzraum. Den Track muss man hören, weil er in seiner Erzählung anders funktioniert als die vielen geraden politischen Ansagen davor. Hier wird PTK nicht weniger klar, aber persönlicher. Und gerade dadurch bekommt das Album nochmal Tiefe.
Gegen Ende wird es mit "FREE WORLD" ruhiger und nachdenklicher. Der Beat ist klasse, PTK nimmt den Fuß kurz vom Gaspedal, verliert aber nicht den Biss. "Ich guck' auf mein Leben, bin irgendwie durchgekomm'n. Doch wie alles im Leben, der Druck auf der Seele hat immer nur zugenomm'n. [...] In den News sind wir immer die Guten, ich seh' auf mein'm Handy grad Kinder verbluten. Siehst du nicht, was es macht mit uns? Ein Teil in mir ist so abgestumpft. Ein anderer Teil kriegt Knacks davon. Mein Herz, mein Kopf, die platzen davon." Das ist keine politische Parole mehr, sondern trifft einen Nerv. "Free world, free mich, ich hab' alles gegeben, ihr hört dabei zu, wie gerade mein Leben zerbricht." Das fühlt man. Weil genau darin eine Wahrheit steckt, die viele kennen: Man will nicht abstumpfen, aber manchmal ist Abstumpfen die einzige Schutzfunktion, die einem diese Welt noch übrig lässt.
"To The People" zieht zum Schluss nochmal ein kleines Fazit. "Ich war hier, ich bin hier und bleib' noch, aus aktuellem Anlass." Besser kann man ein Album mit diesem Titel eigentlich nicht beenden. PTK hält die Stellung, PTK hält dagegen, PTK macht Musik von unten für Menschen, die gerade verdammt nochmal Stimmen von unten brauchen. In einer Gesellschaft, die immer weiter nach rechts rutscht, in der autoritäre Kräfte lauter werden und bürgerliche Parteien teilweise so tun, als seien Brandmauern reine Dekoration, braucht es genau solche Platten. Nicht als Rettung. Nicht als Lösung. Aber als Gegenstimme.
"Aus aktuellem Anlass" ist stark produziert, abwechslungsreich, raptechnisch überzeugend, politisch wach und emotional nicht so eindimensional, wie man bei so viel Wut zunächst vermuten könnte. PTK liefert hier keinen Soundtrack zum gepflegten Diskurs, sondern einen zum Dagegenhalten. Und ganz ehrlich: Aus aktuellem Anlass ist das gerade verdammt notwendig.


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