laut.de-Kritik

Deutschpop, der sich Mühe gibt.

Review von

Dass im deutschen Mainstream-Pop noch Luft nach oben ist, gehört inzwischen zu den traurigeren Naturgesetzen unserer Kulturlandschaft. Zwischen algorithmisch glattgezogenen Refrains, Gefühlen in Canva-Schriftart und Produktionen, die klingen, als hätte jemand "emotional, aber bitte nicht zu speziell" in ein Briefing geschrieben, vergisst man manchmal, dass Popmusik auch innerhalb ihrer kommerziellen Grenzen lebendig sein darf. Esther Graf erinnert auf "Wofür Es Sich Zu Leben Lohnt" immerhin stellenweise daran.

Das Album ist gut produziert, rhythmisch und melodisch variabler als vieles, was sonst gerade auf den Markt gespült wird, und besitzt zumindest genug eigene Momente, um nicht sofort im Einheitsbrei zu versinken. Es profitiert außerdem enorm von Esther Grafs Stimme. Die hat Wiedererkennungswert, kratzt an manchen Stellen genau richtig und klingt nicht nach weichgespültem Casting-Katalog.

Inhaltlich dreht sich dieses Album durchaus um mehr als toxische Beziehung, Party vorbei, Handy leer, Herz kaputt. Doch es bleibt trotzdem in einer sehr klar definierten Zielgruppen-Welt: junge Menschen Anfang/Mitte zwanzig, wahrscheinlich eher weiblich, irgendwo zwischen erster eigener Wohnung, WG-Flur, Selbstzweifel, Kippen auf dem Balkon und dem Wunsch, sich selbst endlich nicht mehr ganz so mies zu finden. Das kann man belächeln, wenn man nicht dazugehört. Muss man aber nicht. Denn "Wofür Es Sich Zu Leben Lohnt" besitzt auch eine positive Kraft, die nicht plump wirkt. Es geht um Selbstwirksamkeit, um kleine Hoffnungsschimmer, um dieses trotzige "Ich komme da schon irgendwie durch", das in einer Gegenwart voller Krisen vielleicht nicht die Welt rettet, aber wenigstens den nächsten Morgen. Und auch das ist ja schon was.

"Alle Stricke Reißen" bringt diese Grundhaltung direkt auf den Punkt: "Selbst wenn alle Stricke reißen, hab' ich immer noch mich selbst. Und wenn ich gerade so dran denk, dann würd' mir das irgendwie auch reichen." Klar, das ist klassischer Mainstream-Deutschpop, kein philosophischer Schlag in die Magengrube. Aber es hat eine Message, und diese Message funktioniert. Der Song erzählt von Stärke, die nicht daraus entsteht, dass plötzlich alles gut ist, sondern daraus, dass man sich selbst nicht komplett verliert, wenn es schwierig wird. Für ein Genre, in dem Empowerment auch gern mal wie ein Instagram-Kachelset mit Beat klingt, ist das schon eine der besseren Varianten.

"Pirouetten" zeigt ziemlich gut, wo Esther Graf am stärksten ist und wo sie sich selbst manchmal im Weg steht. In den Strophen kommt ihre markante Stimme gut durch, da entsteht Reibung, ein bisschen Eigenheit, ein bisschen Charakter. Dann öffnet sich der Refrain in Richtung Kontrast-Pop ohne Ecken und Kanten, und plötzlich hat man das Gefühl, jemand habe vorsichtshalber noch mal über alles drübergebügelt, damit auch wirklich niemand irgendwo hängen bleibt. Dabei wäre genau dieses Hängenbleiben eigentlich das Spannende.

"Kippenlänge" ist einer dieser Songs, bei denen man sich erstmal fragt, ob man selbst vielleicht einfach zu alt, zu männlich, zu nicht-mehr-auf-Studi-WG-Partys ist, um das komplett fühlen zu können. "Du hast noch eine Kippenlänge Zeit, um mich zu küssen" – das ist natürlich kein Satz, der in seiner literarischen Wucht die Erde aus der Umlaufbahn tritt. Aber er funktioniert als Bild. Man sieht diesen Balkon, diesen zu lauten Abend auf der WG-Party, dieses kurze Fenster, in dem große Gefühle entstehen können, bevor irgendwer die Bluetooth-Box wieder mit Ski Aggu verbindet. Und genau darin liegt eine der angenehmen Stärken dieses Albums: Esther Graf klingt hier nicht komplett totproduziert. In "Kippenlänge" steckt Lebendigkeit, ein kreativer Funke, sogar Liebe zur Musik. Der Text geht nicht in tiefste Tiefen, aber er ist konkreter, greifbarer und atmosphärischer als vieles, was vergleichbarer Deutschpop sonst als "ehrlich" verkauft. Man merkt: Da ist jemand nah an der Lebensrealität der eigenen Zielgruppe. Nicht jede Zeile trifft alle. Muss sie auch nicht. Pop darf spezifisch sein, und manchmal wird er gerade dadurch besser.

"Hausverbot (feat. Dani Lia & yola)" gehört zu den besseren Tracks. Die Features funktionieren. Das klingt gut, hat Energie, macht in seiner Zusammensetzung Spaß und bringt noch mal eine andere Farbe ins Album. Auch hier zeigt sich, dass Esther Graf und ihr Team durchaus wissen, wie man Popsongs baut, die nicht nach komplettem Copy-and-paste-Verfahren entstehen. Es gibt Wechsel, kleine rhythmische Ideen, genug Bewegung, damit das Album nicht auf der Stelle steht.

Der Titeltrack "Wofür Es Sich Zu Leben Lohnt" formuliert dann die große Frage der Platte: Woran hält man sich fest, wenn draußen alles wackelt? "Glaub' ich vermiss grad gar nichts. Ich lieb dich, ich lieb alles" – und irgendwann eben auch sich selbst. Natürlich ist das Popmusik, die niemanden mit kryptischen Metaphern im Regen stehen lässt. Aber in dieser Direktheit steckt auch eine Funktion. In einer Welt, in der gerade besonders junge Menschen zuverlässig das Gefühl bekommen, dass alles immer schlimmer, teurer, heißer, kaputter und hoffnungsloser wird, ist ein Song, der sagt "Schau mal, im Kleinen gibt es noch etwas, woran du dich festhalten kannst" zumindest nicht nichts.

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt an "Wofür Es Sich Zu Leben Lohnt": Das Album behauptet nicht, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Es rettet nicht das Klima, senkt keine Mieten und löscht keine Kommentarspalten. Aber es kann für seine Hörer*innen einen kleinen Funken Hoffnung hinterlassen. Es erzählt davon, dass man sich selbst glauben darf, dass man genug sein kann, dass Glück manchmal nicht als großes Lebenskonzept, sondern als winziger Moment auftaucht. Das ist nicht besonders revolutionär, aber es ist spürbar ernst gemeint.

Und trotzdem: Der große Wurf ist "Wofür Es Sich Zu Leben Lohnt" nicht. Dafür bleiben zu viele Songs, die nicht explizit herausstechen, am Ende doch eher belanglos. Nicht schlecht, nicht peinlich, nicht zum Weglaufen – aber eben auch nicht so, dass man nach dem Hören unbedingt noch mal zurückspringen muss. Das Album hat viele gute Ansätze, aber selten diesen einen Moment, in dem ein Text plötzlich richtig weh tut oder eine Melodie so eigen wird, dass man sie nicht mehr loskriegt. Es ist zu oft solide, wo es besonders sein könnte. Zu oft schön produziert, wo es schmutziger, mutiger, kantiger werden dürfte.

Gerade weil Esther Graf hörbar mehr kann als viele ihrer Kolleg*innen im aktuellen Mainstream-Deutschpop, ist das ein bisschen schade. Ihre Stimme hat Charakter, die Produktion hat Qualität, einige Songs besitzen echte Idee und Haltung. Aber zu häufig entscheidet sich die Platte dann doch für die sichere, massentaugliche Lösung. Für den Refrain, der niemandem wehtut. Für das Gefühl, das leicht verständlich bleibt. Für die Oberfläche, die glänzt, aber nicht immer Tiefe zulässt.

Trotzdem ist "Wofür Es Sich Zu Leben Lohnt" wahrscheinlich Esther Grafs bisher stärkstes Album. Es ist kein Meisterwerk, aber ein gutes Pop-Album innerhalb eines Genres, das die Latte in den letzten Jahren selbst freundlich Richtung Keller getragen hat. Man muss nicht zur Zielgruppe gehören, um zu verstehen, warum das funktionieren kann. Man muss nur akzeptieren, dass auch kleine Hoffnung manchmal reicht. Und dass ein Album nicht die Welt verändern muss, um jemandem kurz das Gefühl zu geben, dass es vielleicht doch noch etwas gibt, wofür es sich zu leben lohnt.

Trackliste

  1. 1. Wie Schön
  2. 2. Dafür War Es Echt
  3. 3. Hausverbot (feat. Dani Lia & yola)
  4. 4. Kleinstadt Brennt
  5. 5. Nirgendwen (feat. NESS)
  6. 6. Sag Nichts
  7. 7. Was Ich Fühl
  8. 8. Das Sollte Ich Sein
  9. 9. Sicherheit
  10. 10. Darüber Schlafen
  11. 11. Pirouetten
  12. 12. Kippenlänge
  13. 13. Wofür Es Sich Zu Leben Lohn
  14. 14. Alle Stricke Reißen
  15. 15. Wenn's Am Schönsten Ist
  16. 16. Nachhause

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Esther Graf

Aus einem Kaff in Kärnten auf die ganz große Bühne: das ist die Geschichte von Esther Graf. Die Österreicherin gehört Anfang 2022 zu den gehyptesten …

Noch keine Kommentare