laut.de-Kritik

Zwischen Datensee und Dancefloor: Die TRON-Welt lebt weiter.

Review von

Zum LP-Vinyl-Release holen wir dieses Remix-Album zu "TRON Ares" nach. Leider wurde der Film nicht den famosen Klängen der Nine Inch Nails gerecht und floppte hart am Box Office. Wer sich dennoch weiter im dystopischen Kosmos aufhalten möchte, dem sei "Divergence" ans Herz gelegt. Neben diversen Neuinterpretationen fügen die Männer aus Cleveland einige zusätzliche Stücke hinzu, die nicht auf dem Original Score landeten. Der Reigen beginnt mit "Converge", das einen düsteren Synth-Teppich ausbreitet und an Blade Runner bzw. Carpenter-Songs erinnert.

Generell merkt man den B-Sides ihre Herkunft an, bilden in diesem Remix-Konstrukt aber eine angenehme Abwechslung: "Godmode" kommt schrill und tanzbar daher, "A Framework" schlägt sanftere Töne an und gleitet elegant dahin, als würde man auf einem See von Daten schwimmen. Schrammelige E-Gitarren zu Techno-Bässen gibt es in "The First Betrayal", helle Synthie-Melodien auf schwermütig-brummenden Untergrund in "Terminal".

Durch das coole "Operand" flitzt eine Sirene unermüdlich zu hektischen Sequenzern, die sich in einen Rausch drehen. "Zero State" beherbergt zwei Hälften: zum einen eine nachdenklich-balladeske, flankiert von flauschigen Synthies. Zum anderen eine hektische, stressinduzierende, in etwas wie ein Wassertempel-Level aus alten Videospielen.

Genug der eigenen Beiträge, Vorhang auf für die Gäste. Neben namhaften Stars wie Chilly Gonzales, Arca oder Boys Noize (wenig überraschend nach "Nine Inch Noize") gesellen sich hierzulande eher nischigere Kollegen hinzu. Lobend zu erwähnen, dass sie sich größtenteils die kleinen Originale aussuchen und sich nicht vorwiegend an den Singles oder Hits abarbeiten, so entsteht ein differenziertes Bild mit unterschiedlichen Ansätzen.

Der alteingesessene Brite Mark Pritchard macht den Anfang und verpasst dem noisigen "I Know You Can Feel It" eine wesentlich zurückhaltende Note. Im Tonus verwaschen, nimmt er die Gitarre als Hauptthema und bricht dabei nie aus. Das Postpunk-Quartett Working Men's Club aus Manchester beschäftigt sich ebenfalls damit und bleiben sehr originalgetreu. Sie entwerfen austarierte Klangwelten und pressen den Song mit dem Nudelholz aus, entsprechend unauffällig klingt es auch.

Ebenfalls sehr britisch ertönt der Remix zum stylischen Cyberpunk "Infiltrator" von Jack Dangers, der die Laufzeit verdreifacht mit knarzigem Ambient, das in 90s angehauchtem 2-Step übergeht, die sexy Bassline beibehält sowie Vocals und Schlagzeug addiert. Eine komplett andere Idee lebt der Schotte Lanark Artefax aus. Das melancholische "Empathetic Response" verwandelt sich bei ihm in eine fancy Fingerübung aus Stutter-Electro samt gehäckselten Tonspuren. Das klingt schon echt cool.

Der Komponist Danny L Harle widmet sich dem verschrobenen Duett "Who Wants To Live Foever", verkürzt ihn um die Hälfte, würzt es mit pointierten Ausbrüchen und garniert es hinten raus mit einem Techno-Bass. Eines der großen Highlights kredenzt der US-Musiker The Dare, der "Shadow Over Me" streng genommen in French House überführt und die Vorlage für den Dancefloor vereinfacht. Eine knallende, spaßbringende Party-Variante.

Boys Noize darf sich als einziger dreimal austoben. Der neue BFF von Reznor und Ross induziert mehr Distortion, Bass und Druck in "A Question Of Trust" und streut noch ein ruhigeres Intermezzo ein. 80er-Synthwave haucht er dem betuhlichen "Ghost In The Machine" ein, behält den Kern bei und legt ihm einen schillernden Blazer über. Gen Ende perlen noch mäandernde Melodien entlang. Das geht nahtlos über in das Filter-verzerrte "What Have You Done?", das unmittelbar das Tempo vorgibt und tatsächlich die Betonung auf Re-Mix legt, sprich: kaum eigene Ideen, sondern das Original anders anordnen.

Seine Berliner Bunker-Kollegen Schwefelgelb sezieren das schwelend-kratzende "Forked Reality" und verpassen ihm einen pulsierenden Techno-Beat mit spannenden Rhythmusverschiebungen. Pianist Chilly hingegen nimmt sich natürlich das wehmütige Adagio "100% Expendable" zur Brust und musiziert daraus eine verspielte Klavier-Ballade mit Bläsern, Streichern sowie einer Harfe. Entsprechend orchestraler gedacht, sodass es einen erhabenen, liebreizenden Anstrich erhält.

Zu guter Letzt gibt es noch zwei Versionen der Leadsingle "As Alive As You Need Me To Be". Die US-Gruppe Pixel Grip besingen es selbst in einer weicheren Ausprägung, bei der Reznor gesamplet wird. Einer der weniger spannenden Beiträge. Umso besser und insgeheim der wohl interessanteste kommt von Arca. Sie entspinnt einen verträumt-märchenhaften Track, der sogar Chiptune einfängt und nach jedem Refrain weitere Sounds hinzufügt. Ein gar zauberhafter Closer!

"Divergence" fühlt sich letztlich wie eine gelungene Zugabe an. Die Gäste denken die Vorlage in unterschiedliche Richtungen weiter, während Reznor und Ross noch ein paar versteckte Winkel ihres digitalen Kosmos ausleuchten. Kein essenzieller Nachschlag, aber ein liebevoll kuratiertes Begleitstück für all jene, die sich nach dem Abspann noch nicht aus dem Raster ausloggen möchten.

Trackliste

  1. 1. Converge
  2. 2. I Know You Can Feel It (Mark Pritchard Remix)
  3. 3. Godmode
  4. 4. A Question Of Trust (Boys Noize Remix)
  5. 5. Operand
  6. 6. Zero State
  7. 7. Empathetic Response (Lanark Artefax Remix)
  8. 8. 100% Expendable (Chilly Gonzales Remix)
  9. 9. Who Wants To Live Forever (Danny L Harle Remix)
  10. 10. Infiltrator (Jack Dangers Remix)
  11. 11. A Framework
  12. 12. Ghost In The Machine (Boys Noize Remix)
  13. 13. What Have You Done? (Boys Noize Remix)
  14. 14. As Alive As You Need Me To Be (Pixel Grip Remix)
  15. 15. The First Betrayal
  16. 16. I Know You Can Feel It (Working Men's Club Remix)
  17. 17. Shadow Over Me (The Dare Remix)
  18. 18. Terminal
  19. 19. Forked Reality (Schwefelgelb Remix)
  20. 20. As Alive As You Need Me To Be (Arca Remix)

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