laut.de-Kritik

Disco Brutal im Bunker.

Review von

Stell dir vor, eine der größten Legenden des Industrial-Rock bietet dir eine Zusammenarbeit an. Zwar gehört Alex Ridha, a.k.a. Boys Noize selbst zu den großen Namen der weltweiten Techno-Szene, aber eine solche Einladung zu einer Remix-Arbeit nötigte auch ihm zunächst Demut ab. So viel sogar, dass Trent Reznor und Atticus Ross ihn erst ermutigen mussten, den Original-Score zu Luca Guadagninos "Challengers" mit gehörigem Selbstbewusstsein auf links zu drehen und ihn vollkommen ohne Druck nach eigenen Vorstellungen zu dekonstruieren.

"Erfüllend" sei die Arbeit mit Alex gewesen, und wenn ein stets grummeliger Reznor so etwas äußert, muss da was dran sein. Offenbar hat Ridha seine Aufgabe mit Bravour erfüllt, sonst wäre er nicht integraler Bestandteil der Peel-It-Back-Tour. Hier bekamen die Besucher bereits einen Vorgeschmack auf das, was nun Nine Inch Noize ausmacht: pulsierende Neubearbeitungen von Nine-Inch-Nails-Songs und eine Atmosphäre, die weit mehr an klaustrophobische Bunker-Raves erinnerte als an amerikanisches Big-Ass-Entertainment. Es wirkte wie eine Frischzellenkur für einen Trent Reznor, der Routine verabscheut und ständig neue Herausforderungen sucht.

Die Oscar-prämierten Soundtracks von "The Social Network" und "Soul" zeigten eine gereifte Seite des ehemaligen Provovateurs Reznor, aber gerät langsam auch zur Komfortzone - zusammen mit Alex Ridha,gönnen sich die älteren Herren nun einen Ausflug in die tiefschwarze Clubnacht. Wer das Coachella-Set der beiden an den vergangenen Wochenenden im Stream verfolgte, bekam bereits einen Vorgeschmack. Dieses Live-Gefühl möchten Nine Inch Noize auch auf dem Album reproduzieren. So bläst in den nervösen Jubel der Menge ein bassdröhnendes Intro - laut, brutal und wie ein letztes Alarmsignal, kurz bevor "Vessel" auf maximaler Lautstärke einschlägt.

Die fiese Industrial-Rock-Nummer "She's Gone Away" hingegen bekommt mit deutlich erhöhtem Techno-Einschlag einen anderen Charakter. Der Song war seinerzeit in der dritten Staffel von "Twin Peaks" zu hören und passte gut in die abgründige Albtraumversion einer Provinzstadt. Der langsame Gothic-Rock fühlte sich damals so surreal an wie der mystische Plot der David-Lynch-Serie. Die Neubearbeitung verlässt das Hinterland-Grauen und geht straight in die Rave-Kultur der Großstädte. Musik, zu der Vampire ihren Blutrausch auf der Tanzfläche feiern.

Die eigentliche Todesparty steigt mit „Parasite". Wieder ist es ein How-to-Destroy-Angels-Song, den Reznor, Atticus Ross und Alex Ridha, so lange unter Strom setzen, bis aus dem vormals langsamen Industrial-Rock-Track ein völlig neues Leben erwacht. Aggressiver Tech-House, Sirenensounds und Reznors böses Zischen sorgen für einen chronischen Stressfaktor. Hier wird die Vision einer langen Clubnacht greifbar, die behutsam aufgebaut wird und auf ihrem Höhepunkt in einem kollektiven Rausch endet. Die treibenden EBM-Remixe von "Copy of A" und "Me, I'm Not" halten die Mischung aus Anspannung und kompletter Eskalation weiter hoch.

Im gleichen Muster hätte "Sin" - damals der tanzbarste Song auf "The Downward Spiral" - perfekt gepasst; stattdessen übernimmt ein Cover von Soft Cells "Memorabilia" diesen Platz. Der visionäre Elektro-Synthpop war 1980 seiner Zeit weit voraus und beeinflusste auch "Pretty Hate Machine"; später übernahm er auf "The Downward Spiral" mit "Mr. Self Destruct" sogar einen Songtitel der britischen Synthpop-Ikone. Eine schöne Geste also, hier auf einen sicheren Brecher aus dem eigenen Œuvre zu verzichten und stattdessen nochmal eine B-Seite-Single aufleben zu lassen. Die "Nine Inch Noize"-Version verwandelt den schwitzigen, verruchten Pop des Originals in ziemlich fiesen Acid-Tech-House. Soft Cell-Sänger Marc Almond verkündete bereits auf Instagram, wie er großartig er diese Bearbeitung fand. Das 1994-Cover war mehr Experiment, eine bewusste Zerstörung von etwas Schönem, nun ist der Soft Cell-Track wieder zurück an seinen Wurzeln, im Warehouse-Club-Ambiente der hässlichen Arbeiterstadt Leeds.

Etwas zu zaghaft gehen Nine Inch Nails & Boys Noize bei "Heresy" und "Closer" vor. Beide Klassiker bleiben bis auf ein paar neue Soundtupfer nah an den Albumversionen von 1994. Sie verlieren nichts von ihrer Qualität, doch eine neue Facette tritt nicht hinzu. Die schonungslose Dekonstruktion, die Reznor und Ross noch beim Challengers-Remix-Album einforderten, bleibt außen vor, als hätten alle drei doch zu viel Respekt vor dem eigenen Vermächtnis.

Dabei ist ja bemerkenswert, wie selbstbewusst Reznor seinerzeit den Herzrhythmus-Sound von Iggy Pops "Nightclubbing" für das Intro von "Closer" aufgegriffen hatte. Die "Nine Inch Noize"-Version arbeitet den gewaltsamen Schlagbohrer-Beat von "Closer" zwar weiter heraus, lässt den großen NIN-Klassiker ansonsten unangetastet.

"Heresy" wiederum verliert ohne seinen harten Metal-Anteil an Wucht und vor allem an Groove. Da können die drei die Lautstärke noch so sehr weiter erhöhen, diese Nachbearbeitung bleibt zu generisches Dance-Material. Subtilität ist natürlich auch nicht die Kernkompetenz von Boys Noize. Handbrakes, sein Projekt mit Mr. Oizo, oder Dog Blood, seine Kollaboration mit Skrillex, sind rein gar nichts für IDM-Ästheten oder Freunde minimaler Techno-Kunst.

Ridha ist neben seiner Produzenten-Tätigkeit auch ein DJ, der bei seinen Live-Auftritten die Crowd mit ständiger Trigger-Reizung in Bewegung halten muss, genau so verhält es sich auch auf "Nine Inch Noize". Die ruhigeren Tracks bekommen einen Muskelaufbau verpasst, mit dem sie den Überlebenskampf auf dem Dancefloor bestehen können; die ohnehin schon brachialen Industrial-Tracks verursachen nun einen noch heftigeren Faustschlag in die Magengrube. Das Trio gönnt sich absolut keine Ruhepol, feilt im maximalen Workout-Modus an der Adrenalin-Maximierung.

Den Auftrag, ein Inferno im Club zu entfachen, erfüllt trotzdem jeder Track auf "Nine Inch Noize". Diese perfekt produzierte Brutalo-Disco verdichtet Reznors düstere Atmosphäre und Ridhas unablässiger Impuls-Stimulierung zu einem äußerst kurzweiligen Album. Oder um Trent zu zitieren, der einst in die Liner Notes zu "Year Zero" schrieb: "You can dance to a lot of it / You can fuck to a lot of it". Keine Ahnung, wie brutal diese Art von Sex aussieht oder wie man die Hölle tanzbar macht, aber nach diesem Album findet man sich auf eine angenehme Art schmutzig.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Vessel
  3. 3. She's Gone Away
  4. 4. Heresy
  5. 5. Parasite
  6. 6. Copy of A
  7. 7. Me, I'm Not
  8. 8. Closer
  9. 9. The Warning
  10. 10. Memorabilia
  11. 11. Came Back Haunted
  12. 12. As Alive As You Need Me to Be

Videos

Video Video wird geladen ...

2 Kommentare

  • Vor einer Stunde

    War die Crowd-Noise wirklich nötig? Ich meine, schönes Set, aber ich hätte lieber die 18 oder 20 Songs von Tour und Coachella als Studiofassung gehabt. Na ja, kommt vielleicht noch.

  • Vor 9 Sekunden

    Reznor grummelig? Der Mann ist seit 20 Jahren sanft wie ein Lamm, und ein schüchterner, reflektierter Zeitgenosse in Interviews.

    Aber ne sehr schnieke Platte! Besonders die Tracks, die ich sonst eher geskippt habe ("The Warning", "She's Gone Away", "Me, I'm Not"), sind hier mit die besten.