laut.de-Kritik
Das ultimative Townsend-Album.
Review von Manuel BergerWer von "The Moth" ein klassisches Album mit einzelnen Songs erwartet, wird enttäuscht. Wem Devin Townsend schon immer zu dramatisch und drüber war, sollte die Finger davon lassen. Kann man dagegen den vielen verschiedenen Facetten des Townsendschen Œuvres etwas abgewinnen, dürfte "The Moth" Liebe aufs erste Ohr sein. Wir bekommen ein rund 70-minütiges, zusammenhängendes Werk mit Elementen aus (fast) allem, was Townsend in den über drei Jahrzehnten seiner Aufnahmegeschichte ausprobiert hat. So lange wie er bereits von "The Moth" sprach, musste es eigentlich etwas wie sein ultimatives Opus werden, um den Erwartungen gerecht zu werden – und das ist es tatsächlich geworden.
Weit über 100 Menschen waren an der Entstehung von "The Moth" beteiligt, neben klassischer Bandbesetzung vertraute Townsend auf Orchester und Chor in Form des Noord Nederlands Orkest. In deren Heimat Groningen brachte Townsend "The Moth" bereits 2025 erstmals auf die Bühne, allerdings mit noch unfertiger Musik. Nur die Orchesterparts standen damals aus logistischen Gründen bereits final, an den übrigen Teilen des Arrangements feilte der Kanadier später noch weiter. Wer sich für beide Versionen interessiert, findet in der Deluxe-Box des Albums sowohl das Live-Recording der Uraufführung ("The Moth – The War") als auch eine rein orchestrale Fassung ("The Moth – The Afterlife").
Im Hauptwerk kommt alles zusammen. Der "Semi-Prologue" beginnt sinfonisch, Townsend erklärt mit sanfter Stimme zwischen getragenen Streicher- und Bläsermelodien und romantischen Chorseufzern seine Liebe in opereskem Duktus, prophezeit zugleich aber schon kommende Probleme, die die anfängliche Harmonie bald auch musikalisch zersetzen werden: "I'm so in love with you / We'll find a way / Please don't leave me". Allein die dynamische Bandbreite dieses dreiminütigen Intros erzeugt bereits Gänsehaut.
Während der folgenden Passage "War Beyond Words" zieht Townsend seine Hörer:innen dann vollends in die Welt der Motte. Seine Leidenschaft für Musicals kommt ebenso zur Geltung wie die Vergangenheit als Progmetal-Nerd. Ein Metallica-Zitat jagt "Dune"-Reminiszenzen, Andrew Lloyd Webber bekämpft Extreme Metal-Monster. Zugleich nutzt Townsend mehr elektronische Elemente als je zuvor, deutlich hörbar etwa bei "Lexin". Wenn man nach Vergleichen für das irgendwo zwischen Musical, Oper und Progmetal-Sinfonie pendelnde Opus sucht, landet man am ehesten bei Ayreon, Townsends "Empath" und Ihsahns ebenfalls als Band- und Klassik-Version veröffentlichtem, selbstbetiteltem Album.
Formal unterteilt Townsend "The Moth" in 24 Szenen, die alle nahtlos ineinander übergehen und auch Motive miteinander teilen. Kaum einer der "Tracks" könnte für sich allein stehen (Ausnahmen wie die einst das gesamte Projekt einläutende Ballade "Home At Night" bestätigen die Regel), und muss es auch nicht. "The Moth" wurde offensichtlich als Komplettwerk komponiert und will als solches gehört werden. Tipp: Eine Folge "Game Of Thrones" dauert ähnlich lange, also vielleicht einfach die abendliche Serie nach Feierabend einmal kippen und stattdessen "The Moth" auflegen. Es passiert genug, um bei der Stange zu bleiben.
Trotz des ganzheitlichen Anspruchs stechen einige Momente besonders hervor. Da wäre zum einen das schon erwähnte "Home At Night", laut Townsend das Stück, mit dem das Projekt vor vielen Jahren erstmals konkretere Züge annahm und nun als Herzstück in der Mitte steht. Die Rockband tritt hier fast völlig in den Hintergrund, "Home At Night" ist Townsends Version einer Arie, performt vor nostalgischer Orchesterkulisse. Den Gegenpol dazu findet man bei den Parts "Prepare For War" und "The Big Snit", wo die extremen Metal-Elemente zunehmen, Ziltoid grüßt, proggy Suspense-Rhythmen, Harry-Potter-Arpeggio-Synths, Blastbeats und Screams spitzen sich zum dramatischen Höhepunkt zu. Die zuvor eine knappe Stunde vorbereitete Transformation des titelgebenden Insekts findet endlich statt: "We're slowly becoming The Moth!"
Für weitere Ankerpunkte im gebotenen Wahnsinn sorgen Duette mit Townsends langjähriger Wegbegleiterin Anneke van Giersbergen und der chinesischen Sängerin Lynn Wu, deren Band Ou Townsend vor einigen Jahren produzierte. Die Vocallines während "Covered By Causes" gehören in Zusammenspiel mit dem Orchester melodisch zum Besten, was Townsend in seiner langen Karriere geschrieben hat. Für seinen eigenen Gesang stellt "The Moth" zweifellos die auf Albumlänge vielseitigste Performance bisher dar, was bei seiner Historie einiges heißen will ... Wohl nur wenige andere Künstler:innen wären zu einem ähnlichen interdisziplinären Parforceritt in der Lage.
Und keine Sorge, auch Humor kommt Townsend-typisch nicht zu kurz: "Orion" eröffnet ein Furz-Sample, später gackert ein Huhn. Es gibt Choräle übers Wetter, einmal untermalt Townsend plakative Wehleidigkeit mit wunderbar arrangiertem "Boo-hoo-hoo" und die Conclusio lautet mehr oder weniger: "Hunde sind die besseren Menschen."
Wohin der künstlerische Weg für Townsend nach "The Moth" – an dem er immerhin über ein Jahrzehnt, solange wie an keinem anderen Projekt zuvor, gearbeitet hat – führen wird, ist noch offen. Zuletzt frönte er immer mehr seiner Leidenschaft für Ambient-Musik, sei es im Doppelschlag "The Puzzle"/"Snuggles", dem mehrteiligen Dreampeace-Projekt oder zuletzt auf "Seeker – Ban Khao Tao". Auf diese Arbeiten sei er am meisten stolz, erklärt er in Gesprächen. Man meint herauszuhören, dass sein Interesse an ähnlich sperrigen Werken wie "The Moth" oder auch früheren Opulenz-Eskapaden für die Zukunft eher gering ausfällt. Sollte es "The Moth" das letzte seiner Art gewesen sein, es wäre ein guter Abschluss.
Bleibt nur die Frage: Was wohl Ziltoid dazu sagen würde, wenn er erfährt, dass eine Motte ihm den Rang als Townsend-Wesen Nummer 1 streitig macht? Vermutlich würde er sogar seinen Kaffee kalt werden lassen, um schnellstmöglich Truppen zu mobilisieren. Vielleicht ist die Hevy-Devy-Transformation ja doch noch nicht komplett vollendet.


1 Kommentar
Sehr cool, ich freu mich drauf! Und noch ganz nebenbei gefragt: Wo bleibt eigentlich die Periphery-Rezi?