laut.de-Kritik

Herzlichen Glückwunsch, du Bastard.

Review von

Auf dem Intro "Bayern Go High" rappt Tream die Zeilen: "Übergeb' mich, dann provozier' ich die Medien" und "Wer wird gecancelt von jedem zweiten West-Berliner?" Wenn irgendeine Line auf diesem Album zutrifft, dann diese.

Reden wir nicht drum herum: Ich bin so unglaublich getriggert. Nicht nur, weil ich die Idee, Rap und Schlager und Après Ski-Musik zu vermischen, grundsätzlich verwerflich finde. Nicht nur, weil Tream, bayerisches Rich-Kid, diese Kultur nutzt, um sich als der Underdog zu inszenieren und um darüber zu rappen, wie geil betrunken Autofahren oder der Steuerbetrug seiner Eltern oder der gefeaturte mutmaßliche Frauenschläger doch sind.

Nein, selbst, wenn wir uns auf dieses hassenswerte Tream-Universum maximal einlassen, selbst wenn wir sagen: 'Okay, heute setzen wir uns ins Bierzelt und viben mit dem Bayern-Swag', selbst dann ist dieses Album der liebloseste, kalkulierteste, brutal unfähigste Haufen Scheiße, den ich je für laut.de hören musste.

Ich kann euch das direkt mit dem Intro belegen. Wahrscheinlich hat Tream sich das als einen liebevollen Akt des Lokalpatriotismus vorgestellt: "Bayern Go High" samplet den "Böhmischen Traum" und, fair enough, das ist eine coole Idee. Trotzdem: Ich lade euch alle ein, euch einmal die Simmerinka-Version dieses Lieds anzuhören. Klingt ziemlich schön, oder? Beachtet vor allem die Leichtigkeit und den Rhythmus, der das Stück frühlingshaft klingen lässt, wie einen Tanz.

Jetzt hören wir uns den Tream-Flip davon an: Nach dem etwas verlangsamten Intro schmeißt er einen Berg plastikiger FL Studio-Preset-Percussion drauf und ertränkt die Tuba in einem wirklich hässlichen Synthbass. Verglichen mit dem Groove und der Leichtigkeit des Originals droppt dieser Beat, als würde man ein Eichhörnchen mit einem Backstein abwerfen. Rest in Peace. Die perfekte Basis für einen unsympathischen Lappen, um sich über Cancelings aufzuregen. Die er sich wahrscheinlich einbildet. Wofür will er bitte gecancelt werden? Für reine Wackness?

Willkommen in der Welt von "Stammtischparolen", und, glaubt mir, wir kratzen noch an der Oberfläche von beschissenen Lines, amateurhaften Vocal-Performances und irrsinnigen Songkonzepten. Aber um nicht zu jedem Song 'Ach, übrigens, der Junge kann weder singen noch rappen' dazusagen zu müssen, klammern wir dieses Thema einmal vorneweg aus: Dieser Junge ist wahrlich ein wertloser Vocalist. Unter den Leuten, die in Deutschland je kommerziellen Erfolg hatten, rangiert er locker im untersten Prozent, und das will etwas heißen.

Tream versucht oft, seine Unfähigkeit, irgendeine Note zu halten, mit Geschrei zu kompensieren. Wohl in der Hoffnung, dass das Vocal-Editing ihn schon retten kommt. Nicht jeder gute Artist muss technisch gut singen können, geschenkt! Aber selbst jenseits dessen, dass Tream keine Töne trifft, hat er keine gute Stimmfarbe, eine hilflose Delivery und absolut kein Charisma.

Hört euch bitte einfach nur seine Gesangspassagen auf "99 Luftballons" an. Ab 0:46, damit ihr noch mitgenießen dürft, wie er vor der Hook mit dem Wegfallen der Drums augenblicklich jedes Gefühl von Takt verliert und es niemals wiederfindet, bevor er in die wahrhaft grässliche Gesangseinlage übergeht.

Ach, ja: Wenn er sich mal zum Rappen durchringt, suckt Tream auch darin. Dazu kommen dann unglaubliche Lyrics wie "Ich berühr' dich an Orten, die du nicht kennst / Ich bin das, was die Inder Kamasutra nennen" dabei heraus. Es ist nicht der einzige Moment, in dem man fassungslos die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte.

So. Der Rest der Review wird einfach nur aus Beschreibungen einzelner Songs bestehen, woraufhin ich mit den Armen wedeln und fragen werde, ob Tream und jeder einzelne in seinem Team völlig den Verstand verloren hat.

Wenn wir schon dabei sind: "99 Luftballons" erspart sich dankbarerweise das offensichtliche Sample. Dafür kriegen wir aber zur all-time-beschissenen Gesangseinlage eine Hook, die es schafft, den titelgebenden Nena-Song nicht zu verstehen: "Ich mach' eine Schachtel für dich auf / Darin sind neunundneunzig Luftballons / Ich weiß genau, du willst es auch / Wir beide kriegen nie genug davon." Der nicht gerade unbekannte Track, der offensichtlich diesen Song inspiriert hat, handelt ja von vielem, aber wie wenig Leseverständnis muss man haben, um Zeilen wie "99 Jahre Krieg ließen keinen Platz für Sieger" zu hören und zu denken: Ja man, das gehört in meinen Song darüber, dass ich der Kamasutra-Mann bin?

Wenn Tream übrigens nicht gerade sehr unüberzeugend versucht, den strammen Max zu spielen, der gecancelt wird, besteht dieses Album zu großen Teilen aus Songs über sein Liebesleben. Die wiederum sind genau so erniedrigend, wie ihr euch das vorstellt. Der schlimmste dürfte "Knutschfleck" sein. Da singt Tream schlecht und in sehr unbeholfenen Bildern darüber, wie viel er rammelt. Von gar romantischer Liebeslyrik wie "Für 'nen Moment bleibt die Erde um uns stehen" oder das wunderbar klobig formulierte "Doch ich will mehr, nicht nur hin und weg / Selber Ort, selber Stern unterm Himmelszelt" geht er dazu zurück, darüber zu reden, was für ein Player er sei, der auch andere habe. Rührend. Alles subsummiert in einer Hook, in der eine (wahrscheinlich lieber) nicht namentlich genannte Frau über Bussis und Knutschen singen darf. Wahrlich, ein Song wie eine Körperverletzung.

Wenn er schon dabei ist, geht Tream mit seinen Brüdern auch auf "Hasenjagd", wo er ein bisschen den Lyricism aufdreht: "Sind nicht Mallorca, doch wir hab'n 'nen voll'n Ballermann", oder: "Drum zieh'n wir Shots, Shots, Shots wie die Kameras" - die brauchen vielleicht ein bisschen.

Trotzdem ist das nicht der beschissenste Schürzenjäger-Song auf dem Album. Diese Ehre geht an "Südafrika". Ich muss hier wirklich noch einmal durchatmen und ausholen, weil ich mir ehrlich nicht sicher bin, ob ich verbal wiedergeben kann, wie absolut gottlos beschissen dieser Song ist.

Also: Das Konzept fußt auf der Line "Auf Safari wie in Süd-, Süd-, Süd-, Südafrika". Dazu kriegen wir einen Beat, der vage afrikanisch klingende Weltmusik schlecht samplet, so dass Tream wirklich maximal klingt, als stehe er gerade mit Tropenhelm in der Steppe. Dann folgen Lines wie "Lauf' durch den Dschungel, find' mich wiеder an der Bar / Hab' dich erkannt von Wеitem, gutes Material / Dein Arsch ein Pfirsich, ich rieche die Melonen" oder das fast schon dadistische Couplet "Zwei, drei, ich weiß, du willst auch / Geldregentanz / Mein Mädchen fuchtelt umher, Elefant". Guys, what are we even doing? Gegen diesen Song sehen die dunkelsten Bierkönig-Deep-Cuts der Achtziger klug, lyrisch und woke aus?!

Glaubt mir, ich könnte noch eine ganze Weile so weitermachen. Dabei haben wir noch nicht einmal über den absolut schamlosen Gebrauch von offensichtlichen Fame-Samples gesprochen. Oder über die Inklusion von Gzuz.

"Stammtischparolen" ist wahrlich der ultimative Blumenstrauß allen schlechten Geschmacks. Es ist ein unerträglicher Hurensohn von einem Album. Es hat keinen Geschmack, kein Können und keine Ambition. Jeder Track findet neue Wege, maximal irritierend und schwer zu hören zu sein. Ich sags euch wie es ist: Ich bin jemand, der "A Serbian Film" geguckt hat, und "The Act Of Killing". Nichts hat mich jemals so betroffen gemacht wie dieses Album, das ich nur unter größtem Widerstreben in schonenden Zehn-Minuten-Abschnitten zu mir nehmen konnte.

Sollte Tream diese Review jemals zu lesen bekommen, wird er vermutlich aus dem Grinsen nicht herauskommen, weil er sein Ziel erreicht hat: Der Feind wurde getriggert. Wirklich jedes Fundament meiner Leidenschaft von Musik fühlt sich von diesem Album zutiefst offended. Herzlichen Glückwunsch, du Bastard.

Trackliste

  1. 1. Bayern Go High (Intro)
  2. 2. Frauenprobleme (Kenn Ich Nicht)
  3. 3. Saunakontakt
  4. 4. Eisenbahn (feat. Bausa)
  5. 5. Wunsch Frei
  6. 6. TB
  7. 7. Hasenjagd
  8. 8. K2 (feat. Blümchen)
  9. 9. Knutschfleck
  10. 10. 99 Luftballons
  11. 11. Apres Ski (feat. Gzuz)
  12. 12. Südafrika
  13. 13. Koko Braun
  14. 14. Boirische Partie
  15. 15. Psycho
  16. 16. Allerletzte Fahrt

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2 Kommentare

  • Vor 36 Minuten

    Ui. Wenn Yannik zum Neinnik wird ...
    Schade, daß ich die Rezi gelesen habe. Ich hätte später gern gesagt, ich hätte von nichts gewußt.
    Gruß
    Skywise

  • Gerade eben

    Tream ist Wolle Petry oder Mathias Reim für jetzt - und eben genauso gut. Schöne Schlager-Techno-Banger, poppige Melodien mit Hang zur Melancholie. Es hat seinen Grund, warum Reim und Petry immer ein bisschen besser, intensiver und weniger peinlich waren als die Epigonen. Mit Rap hat das natürlich nichts zu tun. 4/5.