laut.de-Kritik

O-ho, das Mädchen sagt die Namen von allen PornHub-Kategorien.

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Leute, ich sag's euch ganz ehrlich: Ich checke nicht wie Ikkimel so ein großes Faszinosum werden konnte. Weder im Guten noch im Schlechten. Ich verstehe nicht, wieso Männer sich weiter aufs Peinlichste so offensichtlich ragebaiten lassen. O-ho-ho, das Mädchen sagt die Namen von allen PornHub-Kategorien, so hat der liebe Gott das aber nicht gewollt. Schreibt ihr ganz viele Hasskommentare, das wird ihr eine Lehre sein. Doch auch wenn wir uns alle einigen, dass Ikkimels Haltung superstabil ist: Wird euch die Musik echt nicht langweilig? Nicht ein kleines bisschen?

"Poppstar" präsentiert Ikkimel als so etwas wie Trailerpark für Misandrie-Twitter. Sie ist der erste Edgelord auf der Seite des Guten. Und alles, was sie tut, tut sie im Dienste der Provokation. Klar, ich kann mir vorstellen, dass die schablonenhaften Bumsbeats aus ihrem üblichen Produzentenstall genug Energie für eine unterhaltsame Liveshow machen. Aber es führt doch kein Weg daran vorbei: Sie macht seit "Keta Und Krawall" konstant den genau gleichen Song. Sie macht auch seit "Keta Und Krawall" den selben Sound, den man wertneutral als woken Ballermann bezeichnen könnte. Und sie erzählt seit "Keta Und Krawall" genau den gleichen Witz.

Dazu kommt ein grundsätzliches Problem: Ich schwöre, ich habe diese Frau schon wirklich solide rappen gehört. Gerade auf dem Vorgänger "Fotze" gab es eine Menge Stellen, bei denen mir Ikkimel wie ein Artist mit sehr kohärentem Gefühl für ihre Craft vorkam. Natürlich erwarte ich keinen Nas- oder Rapsody-Level an Text bei einem verdammten Ikkimel-Song. Aber sie hat coole, interessante Pockets auf der Techno-Produktion gefunden, der Vocal-Mix war stimmig, immer wieder sind schöne kleine Referenzen und Details aufgetaucht, die mir das Gefühl gegeben haben, dass da jemand liebt, was sie tut.

"Poppstar" läuft eher auf der These: "Regel Nummеr zwei ist: Scheiß auf alles". Gerade die erste Hälfte des Projekts klingt rough. Die Vocal-Performances auf Tracks wie "Schere", "Kokosnuss" oder "Rechts Ran" sind grausam. Selbst im Direktvergleich zu ihren ersten Tracks wirkt das, als würden wir zehn Jahre alte Demos aus der Zeit hören, in der sie ihren Stimmeinsatz noch nicht gefunden hat. Sie geht volle Kanone in ihr schrillstes Register, der Gesang schief, der Flow ebenso simpel wie holprig. Sie klingt auf diesem Tape deutlich weniger, als könnte sie rappen, als auf dem Vorgänger.

Auch textlich bekommen wir eine Menge Momente, die man sich nur damit erklären kann, dass es ihr ehrlich scheißegal war. "Tipps Von Mir" textet simple Flows, trotzdem verstolpert sie konstant Pattern und reimt dabei so unsauber, dass es clunky und amateurhaft klingt. Und das, obwohl sie schon für irgendeinen Reim oft die Grammatik mit dem Fuß in die Leiste treten muss. Checkt diesen Vierzeiler: "Hell yeah, dann bisschen Arsch hier und Arsch da / Kurzer Rock ist Standard, weil sie hassen, wenn man das macht / Wichtig auch, schieb dir manchma' ein'n Dübel rein / Mit den Freundinnen kannst du reden emotional". Man checkt ja irgendwie, was sie hier sagen will, aber ihr könnt mir nicht erzählen, dass diese holprigen, awkward formulierten Lines nicht nach einem zweiten Draft gefleht hätten.

Und das wäre ja alles okay, wären die Tracks lustig oder clever. Und es gibt Momente: "Kink" bringt die meiste Energie - und das steht ihr gut zu Gesicht. Sie feiert sich für die Abriss-Liveshows ab und baut dann die Geschichte auf, wie sie einen verheirateten Familienvater in die submissive Degeneracy herabreißt, auf dass er nie wieder in die Kleinfamilie zurückkehrt. Das ist ziemlich lustig. "Who's Dat" ist der beste reine Punchline-Track, allein für "Nach sieben Wodka-Soda weiß ich nicht mehr, wie ich heiße / Aber du schon, du Hurensohn" kann man ihr nicht ganz böse sein.

"Giftmord" hat ein cooles Konzept. Aber auch hier: In der Pre-Hook geht sie in dieses Spoken-Word-Bit, als würde sie im inneren Monolog nachdenken, wie sie diesen Mann umbringt: "'ne Knarre? Nee / 'ne Axt? Zu altmodisch". Dieses Zwischenspiel kommt vor beiden Hooks. Vielleicht bin das nur ich, aber: Wäre es nicht offensichtlich der Move, dass wir vor der zweiten Hook andere, zunehmend absurde Mordwaffen an der selben Stelle bekommen würden, richtig? Einen Raketenwerfer? Cyankalikapseln? Aber nichts da, sie copy-pasted einfach den selben Skit vor beide Hooks. Es wäre der einfachste Punkt für ein bisschen liebenswürdiges Detail. Stattdessen spürt man gerade hier eine irritierende Faulheit. Und das Ding ist eine Single, verdammt nochmal.

Für ein Album, das so klamaukig klingt, ist "Poppstar" nicht besonders unterhaltsam. Objektiv sollte Ikkimels pubertäre Brand an Porno-Rap sich wirklich abnutzen. Sie rappt nicht mal wie jemand, der Erfahrung mit Sex oder Kink-Communities hat. Über weite Strecken textet sie, wie sich ein 15-jähriger Gutefrage-User Sex vorstellen würde. "Nеunundsechzig im Mondschein, Doggy im Beachclub / Sechsunddreißig Grad und er kommt auf die Titten"... 'ja, klar, der Sex, den habe ich viel und ständig. Die Gangbangs, die Doggystyles, die Cumshots, ja, ja, das ist mir alles gar nicht fremd'. Das ist alles so cartoonish und bescheuert.

Der schlimmste Offender dürfte definitiv "Schere" sein. Das ist Ikkis queere Sexjam. Und offensichtlich werde ich Keck mich jetzt nicht aufschwingen und beurteilen, was eine gute Inszenierung von WLW-Sexualität ist. Was weiß ich schon, vielleicht fanden sich Zeilen wie "Schere, Schere, Muschi reiben / Lesben-Sex mit Doppel-Titten" auch schon in der Poesie von Sappho. Irgendwo. In den Deep-Cuts. Aber was mir doch wirklich seltsam vorkommt: Der Track erzählt von queerem Sex in Abgrenzung zu Hetero-Sex. Schön und gut. Trotzdem spricht der Track quasi in jeder zweiten Line über Männer. Mir scheint die Idee befremdlich, dass zwei queere Frauen beim Sex miteinander konstant darüber nachdenken, wie sehr sie es damit gerade den Männern zeigen.

Aber das ist Ikkimel auf "Poppstar". Dieses ganze Album existiert nur, um maximal zu triggern. Die Themen sollen Männer triggern, der Sound soll Männer triggern, wahrscheinlich soll auch die Sloppiness Männer triggern. Sogar mit anderen Frauen zu schlafen, soll Männer triggern. Ist das dieses 'decentering men', von dem alle sprechen?! Und das Bizarre daran ist ja: An diesem Punkt verirrt sich wahrscheinlich kaum einer von ihren vielen Hatern überhaupt in dieses Album. Der emotionale Kern des Projekts ist es, dass man sich darüber freut, dass Männer sich richtig doll aufregen würden, wenn sie das hier zu hören bekämen. Wenn das denn so viel Spaß macht? Go off?

Aber das ist mir persönlich am Ende zu wenig. Ich glaube ehrlich, dass "Poppstar" unter Wert verkauft, zu was Ikkimel als Künstlerin in der Lage wäre. "Fotze" war auf so vielen Fronten zwei Schritte nach vorn, das hier ist drei Schritte zurück. Ikkimel bettet ein paar richtige und rechtschaffende feministische Parolen in lieblos zusammengeschmissenen, redundanten Klamauk. All die weibliche Wut, mit der das Album beworben wird? Ich höre sie kaum. Ich höre vor allem eine Menge forcierten, albernen Bullshit, der sehr doll hofft, ohne große Mühen viral zu gehen. Und mal allen Kulturkrieg beiseite: Das muss doch irgendwann langweilig werden.

Trackliste

  1. 1. Was Jetzt
  2. 2. Facesitting
  3. 3. Schere (feat. Pintendari)
  4. 4. Kokosnuss
  5. 5. Not Today
  6. 6. Tipps Von Mir
  7. 7. Kink
  8. 8. Rechts Ran
  9. 9. Wanderhure
  10. 10. Eier Legen (feat. Baran Kok)
  11. 11. Giftmord
  12. 12. Who's That
  13. 13. Mami
  14. 14. Country Girl

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