laut.de-Kritik
Spoiler: Der Turm stürzt ein.
Review von Ben SchiwekBen Gibbard hat eine Scheidung durchgemacht. Das ist das Wesentliche, was man für "I Built You A Tower" wissen sollte, und auch ohne dieses Vorwissen kommt man beim Hören wahrscheinlich recht schnell drauf. Gibbard zeigt sich hier emotional nämlich ziemlich offen, so schonungslos, dass Bassist Nick Harmer mir im Interview erzählt: "Wir in der Band waren regelrecht überrascht, als die neuen Texte bei uns eintrafen. [...] 'Wow, Ben geht hier wirklich aufs Ganze!'"
Nun wollen wir mal nicht direkt zu Beginn schon übertreiben. Es gibt definitiv detailliertere Trennungsalben als dieses und auch Death Cab For Cutie selbst haben in der Vergangenheit schon niederschmetternder über die Liebe geschrieben. Worauf Harmer hinauswill, ist auch nicht das Maß an Schmerz, sondern eher die starke Selbstreflexion dieser Texte. Und dafür, was in ihm vorgeht, findet Gibbard hier wieder wunderbare Worte, mit seiner üblichen Mischung aus veranschaulichenden Bildern und direkten Gedanken. So heißt es etwa in "Riptides": "These days I say goodbye without opening my mouth / I just stare into the distance til you figure it out / 'Cause I feel as invested as a border guard / Who's seen too many people leaving to take it too hard".
In "Punching The Flowers" bezeichnet Gibbard sich selbst als einer, der mit "a voice like the sound of slamming doors" spricht. "Pep Talk" und "Stone Over Water" besprechen eher den Umgang mit dem persönlichen Unwohlsein. Auch wenn Gibbard ehrlich zugeben muss: "I'm trying to hold it together", merkt man diesen Songs einen Hauch an Hoffnung an. Da sie musikalisch nicht nach dramatischen Klavierballaden in Moll klingen, kauft man Gibbard ab, dass er versucht, sich aufzuraffen.
Der thematische Kerngedanke findet sich im Albumtitel: Oft versuchen wir im Leben, unsere Emotionen voneinander zu trennen, um als Mensch zu funktionieren oder Gefühle in etwas zu manifestieren – doch das klappt selten. Den titelgebenden Turm errichtet Gibbard als eine Manifestation seiner Liebe für eine Person; eine große Geste, in der er sich schlussendlich verliert. Um negative Gefühle und Trauer fernzuhalten, setzt er sich in seinen schützenden, scheinbar unzerstörbaren Turm, der ihn und die andere Person aber einschließt. Der Turm muss schließlich einstürzen. Eine zu unnatürliche, zu feste Struktur.
Um das zu verdeutlichen, trennen Death Cab For Cutie den Titeltrack in zwei übers Album verteilte Teile: Textlich sind sie fast exakt gleich, aber musikalisch konträr zueinander. Während "I Built You A Tower (a)" in der ersten Albumhälfte das Turm-Konzept vorstellt und musikalisch noch recht optimistisch klingt, ist "I Built You A Tower (b)" der aussichtslose Moment, in dem der Turm einstürzt. Gerade als letzter Track des Albums, als verzerrter und verzweifelter Rock-Song, ist das ein schön fieses Ende, nach einigen Songs, die teilweise doch noch Hoffnung versprüht hatten. Dieser Teil B funktioniert daher auch besser als Teil A. Die Idee der zwei Seiten einer Medaille ist gut, aber das Musikalische passt in Teil B viel besser zum Text. Dafür hätte man den ersten Teil entweder lyrisch noch etwas optimistischer oder musikalisch weniger uneindeutig machen müssen.
So laut, wie Teil B des Titeltracks gerät, klingen ein paar Stellen des Albums. Denn wer irgendwann unschlüssig wurde, ob man Death Cab überhaupt noch mit dem Begriff Rock bezeichnen könne, darf ihn bei diesem Album getrost wieder verwenden. "Punching The Flowers" etwa klingt wieder mehr nach Death Cabs frühen Einflüssen, nach Alt-Rock und Emo der 90er. Doch am besten funktioniert "How Heavenly A State": Wie lange ist es her, dass Death Cab For Cutie so einen aggressiven Song geschrieben haben? Nicht nur einer mit verzerrten Gitarren drin, sondern auch mit spürbarer Anspannung und Intensität? Der Song tanzt nervös umher, pausiert immer mal wieder für Lärm und schraubt die Unruhe immer höher. Sogar die plötzliche atmosphärische Bridge funktioniert fantastisch.
Direkt darauf folgt ein tolles Gegenstück: "Trap Door" zeigt, wie die elektronischen Death Cab in ihren besten Momenten klingen. Entspannt pulsieren Synths und lassen im Refrain wunderbar los, während Ben Gibbard singt: "There's a trap door in your heart / I wish I knew / And now I'm falling through". In diesem Moment scheint er fine mit dieser Falle zu sein, denn dafür ist die Liebe dieser Person zu anziehend, dafür schwebt dieser Song einfach zu schön.
Dass Death Cab wieder mehr solcher musikalischer Kontraste zwischen den Songs setzen, tut dem Album gut. Die letzten Alben, die einheitlicher und gemächlicher waren, ließen bei manchen Fans das gefürchtete Wort "langweilig" aufkommen. Auf "I Built You A Tower" probiert die Band wieder verschiedene Seiten aus. Klar, einige davon sind fluffig und verträumt wie viel Death-Cab-Material ab den späten 2000ern, ein paar auch etwas unspektakulär. Aber es wird hier nicht eindimensional. Gerade mit mehreren Hörgängen entdeckt man die schönen Atmosphären vieler Tracks.


1 Kommentar
Wenn das Ganze so klingt wie auf dem Video hier, ist es sicher ein Brett!
