4. Juni 2026
"Unsere Musik sagt einem nicht, wie man sich fühlen soll"
Interview geführt von Ben SchiwekDeath Cab For Cutie haben uns einen Turm gebaut. Nicht nur einen Turm aus mittlerweile fast 30 Jahren an genredefinierenden Indie-Rock-Songs, sondern auch den Turm, um den es im neuen Album "I Built You A Tower" geht.
Hintergrund ist hier allerdings das Ende von Ben Gibbards Ehe, viel Frust und Liebe, die man jahrelang ins Aufbauen einer großen Geste gesteckt hat. Bei all dem Schmerz: Machen Death Cab For Cutie überhaupt traurige Musik? Die Arbeit am morgen erscheinenden "I Built You A Tower" ähnelte wieder den ganz frühen Tagen der Band; zudem haben Death Cab For Cutie nach über 20 Jahren ihr Major-Label Atlantic verlassen. Sind sie denn nach all den Jahren mit ihrem Erfolg zufrieden? Das haben wir Bassist und Gründungsmitglied Nick Harmer gefragt.
Mit dem neuen Album habt ihr euch dazu entschlossen, wieder zu einem Indie-Label zu wechseln. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Wir waren am Ende unseres Vertrags mit Atlantic angelangt. Durch einige personelle und führungstechnische Veränderungen strahlte das Label mittlerweile einen ganz anderen Charakter und eine andere Atmosphäre aus als früher. Anstatt den Vertrag zu verlängern, hatten wir das Gefühl, es sei an der Zeit für frische Energie, neue Gesichter und neue Perspektiven – und glücklicherweise befanden wir uns in einer Position, die es uns erlaubte, uns umzusehen.
Generell waren wir begeistert von der Aussicht, zu einem etwas kleineren Label zu wechseln; einem Label, das zudem eine Riege von Bands unter Vertrag hat, von denen wir selbst Fans sind. Es war uns ein echtes Anliegen, Teil einer Gemeinschaft zu werden: nicht nur einer Gemeinschaft von Bands auf einem Label, das uns begeistert, sondern auch einer Gemeinschaft, in der wir mit Menschen zusammenarbeiten können, die sich offensichtlich mit großer Begeisterung für unsere Band einsetzen und die Musik lieben.
Ah, wer ist denn noch auf eurem neuen Label Anti?
Fleet Foxes, Neko Case, MJ Lenderman ... Tom Waits ist bei Epitaph unter Vertrag; das ist sozusagen die größere Schwester von Anti. Dazu kommen Slow Pulp und The Beths, mit denen wir schon etliche Male getourt sind. Mir gefällt auch das neue Album von Sean Solomon ausgesprochen gut. Die stellen da wirklich einen tollen Kader zusammen; sie veröffentlichen derzeit äußerst fesselnde Musik und scheinen ihren Fokus ganz klar auf die Künstler:innen selbst zu legen.
Es hieß, euer Schreib- und Aufnahmeprozess sei auch wieder mehr wie in den Anfangszeiten gewesen. Inwiefern?
In den allerersten Tagen von Death Cab for Cutie wurde das Songwriting immer maßgeblich von Ben vorangetrieben. Er steuert einen Großteil der musikalischen Ideen bei und definitiv sämtliche Texte und Melodien. In dieser frühen Phase der Band war er es auch, der das Material weiter ausgearbeitet hat. Nach "Thank You For Today" und "Asphalt Meadows", nachdem wir Zac [Rae] und Dave [Depper] in die Band aufgenommen hatten, waren wir aber an einem Punkt angelangt, an dem wir plötzlich über eine ganz neue Schlagkraft verfügten: durch das zusätzliche Bandmitglied und eine völlig neue musikalische Sprache, die wir gemeinsam mit ihnen erkunden konnten.
Worauf Ben beim Schreibprozess für dieses neue Album unbedingt wieder zurückkommen wollte, war ein Gefühl der Einfachheit. Die Idee war, dass jeder in jedem Song eine klare Aufgabe übernehmen sollte, und dass wir nicht versuchen würden, alles zu überproduzieren und mit unzähligen Spuren zu überlagern. Wir strebten vielmehr nach einer destillierten Erfahrung dessen, wie es sich anfühlt, wenn wir fünf gemeinsam in einem Raum musizieren. Das erinnert stark an unsere erste Phase, als Ben ebenfalls eine Menge Demos erstellte und viele unserer Alben im Grunde genau das widerspiegelten: "So klingen wir vier, wenn wir zusammen spielen." In diesen Geisteszustand zurückzukehren, war für uns erfrischend, sogar befreiend, sich einfach auf das Wesentliche zu konzentrieren. Man entwickelt eine musikalische Passage und spielt sie dann einfach. Und das genügt vollkommen.
Mein Lieblingssong auf dem Album ist "How Heavenly A State", der vermittelt wirklich dieses Gefühl, direkt mit im Raum zu sitzen. Und das war ja auch der Song, bei dem du am meisten deine Finger im Spiel hattest, oder?
Ja, Dave und ich haben den musikalischen Teil davon geschrieben. Der Song entstand während "Asphalt Meadows". Wegen der Pandemie konnten wir nicht gemeinsam in einem Raum proben, also entwickelten wir diese Art des gemeinschaftlichen Songwritings: Jeder von uns brachte an einem Montag eine Idee ein und reichte diese dann im Laufe der Woche an die anderen Bandmitglieder weiter. Bis zum Ende der Woche hatten wir dann einen fertigen Song. Genau so entstand auch dieses Stück: Ich begann an einem Montag damit; ich hatte einen ziemlich komplexen Part geschrieben, an dem ich den ganzen Tag lang gefeilt hatte. Und ich dachte mir, das würde musikalisch bestimmt richtig interessant sein und bei allen in der Band gut ankommen. Dann machte ich eine Pause, kehrte später am Tag dazu zurück und mir wurde klar, dass es völliger Müll war.
Da wurde ich wütend auf mich selbst, weil ich all diese Zeit damit verbracht hatte, zu versuchen, etwas so klingen zu lassen, als wäre es intellektuell fundiert. Dabei wollte ich doch eigentlich nur, dass es von Herzen kommt. Und so ließ ich all diese Frustration unmittelbar in genau diese Idee einfließen. Ich wollte unbedingt einen greifbaren, physischen und emotionalen Moment erzeugen – einen Ausdruck der Wut, die ich auf mich selbst empfand. Diesen Impuls gab ich dann an Dave weiter, und er verstand es, daraus etwas musikalisch Ausgefeilteres zu formen. Als das Stück schließlich bei Ben ankam, fügte er einige der stärksten Liedtexte des gesamten Albums hinzu. Mir gefällt ganz besonders dieser Kontrast: auf der einen Seite die rohe, instinktive Energie der Musik und darübergelegt ein sehr philosophischer, nachdenklicher Text. Dieses Stück entstand auf jene Weise, wie wir früher oft als Gruppe gemeinsam komponiert haben; davon gab es auf diesem Album allerdings nicht allzu viele Beispiele. "Trapdoor" ist ein weiteres.
Du fängst also selten damit an, Songs zu schreiben?
Ich versuche es schon. Der Bass ist ein interessantes Instrument, um den Grundstein für einen Song zu legen. Er ist so ein Begleitinstrument, weswegen mir meine besten Bass-Ideen meistens erst später kommen, nachdem ich bereits die Struktur des Songs gehört habe. Dann kann ich herausfinden, wie ich das Ganze mit einer Bassline zusammenfügen kann. Aber dies war eben einer dieser seltenen Momente: Ich konnte etwas kanalisieren, das musikalisch eigenständig genug war, damit man darauf einen ganzen Song aufbauen konnte – und nicht umgekehrt.
Hast du eine Lieblings-Death-Cab-Bassline?
Ich mag die Bassline von "Summer Skin" unheimlich gerne. "Black Sun" ist eine, die richtig Spaß macht. Und dann natürlich "I Will Possess Your Heart". Ich glaube, sowohl ich als auch Ben verfolgen beim Komponieren einen sehr melodischen Ansatz für den Bass. Mir hat es schon immer sehr gefallen, dass wir versuchen, Basslinien zu finden, die mehr sind als eine rhythmische Grundlage, die lediglich die Akkordwechsel stützen soll.
Bei "I Will Possess Your Heart" ist der Bass ja das Herzstück, um das sich alles dreht.
Absolut. Genau so ist das Ganze entstanden. Ben hatte ein Demo, auf dem nur er selbst mit etwas Klavier zu hören war. Diese Bassline kam mir dann als Idee, um einen roten Faden quer durch die gesamte Musik zu ziehen. Mir gefällt dabei diese hypnotische Wiederholung, das unterstreicht auch das Thema des Songs sehr gut.
"Es erfordert Mut, all das nach außen zu tragen"
Eure klangliche Ästhetik hat sich im Laufe eurer gesamten Karriere gewandelt. Bei "Something About Airplanes" und den frühen Alben klang das Ganze noch sehr DIY und war stark auf die Band fokussiert. Mitte der 2000er ging es dann eher in Richtung einer saubereren Produktion mit Indie-Charakter. Später wurde der Sound elektronischer. Jetzt klingt das neue Album wieder stärker nach einer klassischen Band. Oder wie würdest du selbst die Ästhetik dieser neuen Ära beschreiben?
Da hast du die klangliche Entwicklung sehr treffend nachgezeichnet. Wir haben ja eine Übergangsphase durchlebt, als Chris Walla die Band verließ, um "Kintsugi" (2015). Mittlerweile sind Zac und Dave seit über zehn Jahren Teil der Band und wir haben uns wirklich als Einheit gefestigt. Wir haben herausgefunden, worin jeder von uns gut ist und welche Rolle jeder Einzelne in dieser Band spielt. Mit diesem Selbstvertrauen und dieser Sicherheit können wir im Umgang miteinander deutlich entspannter sein – etwa nach dem Motto: "Hey, ich muss bei diesem Song gar nicht unbedingt mitspielen." Anstatt dass jeder krampfhaft versucht, sich zu beweisen, haben wir nun einen angenehmen inneren Frieden gefunden.
Wir haben genügend Live-Shows gespielt, wir haben genug Material gemeinsam geschrieben – so klingt diese Band nun einmal. Und so fällt es uns sehr leicht, ins Studio zu gehen und diese Essenz einfach so erstrahlen zu lassen, wie sie ist, ohne viel Schnörkel. Ich bin wirklich froh darüber, dass wir da endlich angelangt sind. Ich glaube nämlich, dass man diesen Punkt nur mit der Zeit erreicht – durch den Aufbau von Vertrauen und einer musikalischen Beziehung zueinander. Für mich fühlt es sich daher so an, als sei "I Built You A Tower" bislang das wohl aussagekräftigste Statement dafür, wie diese spezielle Besetzung der Band klingt und was sie leisten kann.
Das neue Album enthält ziemlich hoffnungslose Themen, oder? Oder vielmehr extreme Emotionen?
Ich war schon immer sehr stolz auf Ben und die Art und Weise, wie er an das Schreiben seiner Texte herangeht. Er verstand es stets meisterhaft, jede einzelne Lebensphase lyrisch zu verarbeiten. Wir in der Band waren aber regelrecht überrascht, als die neuen Texte bei uns eintrafen. Mir fällt in unserem gesamten Repertoire kein anderes Album ein, das derart stark von Selbstprüfung und Selbstreflexion geprägt ist. Auf diesem Album findet eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ich statt, was ich für bemerkenswert halte. Denn eigentlich war Ben immer ein Meister darin, über Beziehungen, über andere Menschen und über Dinge zu schreiben, die er als Beobachter erlebt hatte.
So viele der Texte hier widmen sich nicht mal unbedingt nur seiner eigenen Selbstwahrnehmung, sondern jenem Prozess, den jeder Mensch durchläuft: Dem Moment, in dem man beginnt, die eigene Rolle in Beziehungen und Lebenssituationen kritisch zu hinterfragen, und versucht, sich selbst gegenüber absolut ehrlich zu sein – was die eigenen Schwächen, Zweifel und all das emotionale Chaos betrifft, das unweigerlich zutage tritt, wenn man sich selbst schonungslos auf den Prüfstand stellt. Das erfordert, finde ich, eine Menge Mut, all das nach außen zu tragen und sich auf diese Weise verletzlich zu zeigen. Deshalb war ich wirklich sehr erfreut, als die ersten Songtexte eintrudelten. Da dachte ich mir: "Wow, Ben geht hier wirklich aufs Ganze!"
Auch die Turm-Metapher fand ich sehr interessant. Das Albumcover soll wahrscheinlich das darstellen, oder? Eine Person, die in einem Turm sitzt.
Ja, oder einfach nur vor dieser formlosen Leere. Diese Leere in der Mitte des Albumcovers kann ein Spiegel sein. Sie kann etwas sein, das du erschaffen hast. Sie kann eine Projektion sein. Es kann deine Vergangenheit sein, deine Zukunft. Es ist eine so visuelle Metapher dafür, sich angesichts des Werks deines Lebens klein zu fühlen. Ich liebe, wie sich das mit einigen Texten verknüpft.
Insbesondere dieser Turm war eine so starke Metapher von Ben. Er hat darüber gesprochen, dass die Bewegung durchs Leben eine Art der Unterteilung verlangt: im Umgang mit den eigenen Gefühlen, Erfahrungen, mit allem. Es ist schon kurios: Man baut sich diese Abteile, versucht, sein Leben im eigenen Herzen und Verstand so gut wie möglich zu ordnen. Doch je weiter das Leben voranschreitet, desto mehr erkennt man, dass viele dieser Abteile mit der Zeit versagen, zerbrechen, und das Leben schlichtweg chaotisch wird. So sehr man sich auch bemüht: Es findet innerlich ein ständiges Neuordnen statt, während man sein Leben lebt und Erfahrungen sammelt. Ich glaube daher, dass dieses Album aus der Perspektive eines Menschen erwächst, der gerade erkennt, wie herausfordernd es ist, sein Leben in solchen Schubladen geordnet zu halten. Und gerade dann, wenn man glaubt, man sei in der Lage, mit einem gewissen Maß an Qual, Herzschmerz oder Ähnlichem umzugehen und dies an einem bestimmten Ort im eigenen Leben zu verorten, taucht es plötzlich wieder auf. Und zwar auf eine Weise, mit der man überhaupt nicht gerechnet hat.
Besonders, weil ein Turm eine so klare Struktur ist. Und das Leben hat offensichtlich nicht immer eine klare Struktur.
Genau das. Und so dreht sich die Vorstellung, die er in diesen Liedern thematisiert, im Grunde genau darum: dass er diesen Turm errichtet hat, doch dieser nicht standhält. Es ist ein sinnloses Unterfangen.
Warum habt ihr den Song "I Built You A Tower" in zwei Tracks aufgeteilt?
Es handelte sich um zwei verschiedene Songs. Ben hatte "Tower A" geschrieben, und uns gefiel diese Demo sehr. Später im Entstehungsprozess hatten wir dann als Band dieses andere Experiment entwickelt: "Tower B". Ben war vor allem neugierig darauf, herauszufinden, ob er einige der Textzeilen aus "Tower A" in "Tower B" in einen neuen Kontext setzen könnte. Dabei ging er davon aus, dass es wohl nur bei einem einzigen Song bleiben würde. Erst nachdem er diesen Prozess abgeschlossen hatte, hörten wir uns beide Stücke an und stellten fest: Diese beiden sind miteinander verwandt, aber dennoch eigenständig genug, dass sie in ihrer Gesamtheit wie ein vollkommener Gedanke wirken. Betrachtet man hingegen nur das eine oder das andere für sich allein, fühlen sie sich irgendwie unvollständig an.
Daher gehören beide Stücke auf das Album, denn sie wirken nicht zwangsläufig wie ein "Teil eins" und "Teil zwei". Es geht dabei um die unterschiedlichen Herangehensweisen und wie man sich tastend durch diesen Prozess der Unterteilung und der genauen Betrachtung bewegt. Und genau das gefällt mir daran: dass es nicht nur den einen, einzigen Weg gibt, dies zu tun. Es ist jedes Mal aufs Neue ein fast schon völlig anderer Prozess.
Der zweite Song klingt musikalisch viel negativer und dramatischer, und der erste ist eher hoffnungsvoll – dabei hat der Text ja wenig Hoffnung.
"Ich habe dir einen Turm gebaut", das klingt ja erst hoffnungsvoll. Aber dann funktioniert es nicht. Es hält nicht stand, alles bricht auseinander – auch wenn die Musik zunächst eine andere Sprache spricht. In der zweiten Version wirkt das Ganze dann viel chaotischer. Es steckt viel mehr Aggression und Frustration darin. Diesen Kontrast zwischen Licht und Schatten bilden die beiden Songs zueinander.
"Genau deshalb liebe ich The Cure"
Drückt sich die Hoffnung auf dem Album also in den Instrumentals aus? Denn einige davon klingen ja sehr Dur-lastig und hell.
Ich denke schon. Unsere Band hat es im Laufe der Jahre schon immer sehr geliebt, mit diesem Kontrast zu spielen: ein beschwingter Song in Dur und dazu sehr niedergeschlagene Texte; oder optimistische Texte in einer düsteren Moll-Tonart. Gegen die Erwartungen anzuspielen, das trifft es vielleicht am besten. Wenn man sich zum Beispiel "The Sound Of Settling" ansieht: Das ist ein eher beschwingtes, energiegeladenes Stück, und der Text handelt vom Älterwerden und Auseinanderfallen.
Interessant, denn ich wollte gerade sagen: Ich weiß nicht, ob ich Death Cab als eine hoffnungsvoll klingende Band bezeichnen würde. Die Musik wirkt auf mich schon immer so, als befände sie sich in einem Schwebezustand. Der Gesang ist selten super traurig oder aggressiv, er bewegt sich eigentlich immer dazwischen.
Ja, das ist ein ganz starker Aspekt an Bens Texten. Schon bei den Demos, wenn wir aussortieren, welche Songs uns wirklich ansprechen, achten wir darauf. Ich mag es, dass die Songs in beide Richtungen funktionieren können. Den Gefühlen in der Musik wohnt eine gewisse "Chamäleon-Natur" inne: Wenn man einen guten Tag hat und sich beschwingt fühlt, findet man genau diesen Bezug in den Texten und der Musik wieder; aber es funktioniert genauso gut an traurigen Tagen. Diese Flexibilität macht die Songs ein Stück weit formbarer; je nachdem, in welcher emotionalen Verfassung man sich gerade befindet. Es hat mir schon immer gefallen, dass unsere Musik nicht versucht, einem zu sagen, wie man sich fühlen soll. Wir versuchen, eine Stimmung und eine Reihe von Gefühlen und Fragen zu erzeugen. Aber es gibt viele Settings und Kontexte. Das wird nur dann ein vollständiges Bild, wenn der Zuhörer seine Gefühle mit einbringt; so wird es zu einem Moment.
Das ist wirklich lustig: Ich habe erst heute ein Video-Essay über "Millennial-Musik" gesehen, zum Beispiel das, was man als die "Stomp-Clap-Hey"-Ära bezeichnen könnte, Mumford & Sons etc. Und im Video hieß es, dass Millenial-Musik geradezu besessen von dieser Dichotomie war, die du ansprichst: hoffnungsvolle Klänge gepaart mit negativen Texten. Außerdem habe vieles davon seinen Ursprung bei Bands wie Neutral Milk Hotel. Und ich vermute, auch Death Cab könnte in dieser Hinsicht einen enormen Einfluss ausgeübt haben.
Bei uns ging ein Großteil unseres frühesten Songwritings und unserer musikalischen Identität aus der Musikszene Seattles der 90er hervor. Ich glaube, dass ein Großteil der Musik, die von dort auf der internationalen Bühne regelrecht explodierte, genau mit diesem Kontrast spielt. Bands wie Nirvana, Soundgarden, Pearl Jam – sie alle haben fetzige Musik mit wirklich traurigen und düsteren Texten.
Es gibt da eine Menge Gegenüberstellungen, die ständig hin und her wechseln. Und das waren Bands, die wir – da wir von dort stammten – schon als Heranwachsende vergötterten. Sicherlich spielte das auch für Punk-Bands wie Minor Threat eine wichtige Rolle: Sie arbeiteten mit einer Musik, die enorm treibend und aggressiv war, und setzten dem Texte entgegen, die nachdenklich und oftmals politisch oder anderweitig tiefgründig waren. Ich habe mich schon immer stark zu Musik hingezogen gefühlt, die genau mit diesem Spannungsverhältnis spielt. Genau deshalb liebe ich The Cure. Du hörst "Just Like Heaven" und es kann gleichzeitig das fröhlichste und das traurigste Lied überhaupt sein.
In einem Interview aus dem Jahr 2022 hat Ben gesagt, dass Death Cab sehr glücklich darüber ist, an einem Punkt angelangt zu sein, den ihr euch selbst geschaffen habt. Er meinte dazu: "Es geht weniger darum, noch einen weiteren Berg zu erklimmen, als vielmehr darum, den Berg zu pflegen, auf dem wir uns bereits befinden." Siehst du das auch so? Oder fühlte sich dieses Album wie ein neuer Berg an – wird es überhaupt wieder einen neuen Berg geben?
Ich glaube, wir reden uns manchmal ein, dass Musik ein Nullsummenspiel sei; dass Bands sich nicht über den Erfolg anderer Bands freuen könnten, weil das impliziert, es gäbe nur eine begrenzte Menge an Erfolg, die für alle zur Verfügung steht. Aber mir gefällt die Vorstellung, dass die Musikindustrie eine unendliche Bergkette ist. Es gibt Gipfel über uns – mit Bands wie U2, Foo Fighters, Coldplay und so weiter. Und es gibt Gipfel unter uns. Wir selbst stehen auf unserem eigenen kleinen Berg. Und das Ziel ist es dabei immer, zufrieden zu sein mit dem Berg, auf dem man steht. Zu versuchen, diesen Berg zu bewahren. Sich einfach um das zu kümmern, wo man gerade ist, und sich nicht darin zu verlieren.
Bei jeder Platte, die wir veröffentlichen, geht es nicht darum, einen neuen Gipfel zu erklimmen oder ein neues Ziel am Horizont anzupeilen. Es geht vielmehr darum, uns selbst herauszufordern und sicherzustellen, dass wir – je länger wir als Band aktiv sein dürfen – stets Musik veröffentlichen, auf die wir stolz sind. Musik, die wir als lebendig und relevant empfinden und die uns als Künstler fordert. Darum wird es uns so lange gehen, bis wir uns dazu entschließen, keine Platten mehr zu machen. Insofern glaube ich nicht, dass wir nach mehr Erfolg oder Ähnlichem streben, als wir ihn je zuvor hatten.
Wenn wir davon sprechen, unseren "Berg" zu bewahren, läuft es eigentlich nur auf die Frage hinaus: Haben wir das Beste getan, was wir tun konnten? Für uns selbst, von dem Punkt aus, an dem wir gerade stehen? Und solange wir diese Frage weiterhin mit "Ja" beantworten können, dann reicht das völlig aus.


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