laut.de-Kritik
Dem 'würdigen letzten Album' steht die Band selbst im Weg.
Review von Kay SchierEtwas rast- und ratlos wie nach langer Fahrt stehen sie auf ungewohnt unbeweglichem Boden um einen zur Ruhe gesetzten Oldtimer herum, über ihnen der Rhein, das graue Band ihres Lebens, der weiter fließen wird, so oder so. Es ist Zeit, etwas anderes zu machen. Die Entscheidung scheint unvermeidlich, die Entscheidenden unschlüssig. Alles, was wichtig ist, erzählt dieses wunderbare Cover. Die Musik kann damit nur bedingt mithalten.
Hin- und hergerissen zwischen einem "Die Show Muss Weitergehen"- und einem "Trink Aus"-Gefühl präsentieren Die Toten Hosen ihr Album, mit dem sie die letzte Phase der gemeinsamen Karriere zu einem selbstbestimmten Ende führen wollen. Es ist deswegen etwas awkward geworden. Sie klingen auf "Trink Aus! Wir Müssen Gehen" wie eine Band, die das pflichtschuldige Gefühl hat, noch einmal etwas sagen zu müssen, weil sich das halt so gehört für einen "runden Abschluss", obwohl sie und wir wissen, dass eigentlich alles Wichtige spätestens im vorletzten Jahrzehnt schon gesagt war und alles danach eine ausgedehnte, künstlerisch bisweilen ausgedünnte Ehrenrunde.
Dabei macht der Anfang und "Hier Sind Die Hosen" Hoffnung, dass das letzte Album so wird, wie man es sich als langjähriger Sympathisant dieser Truppe vorgestellt hat: Selbstreferentiell den Werdegang rekapitulierend, aber im Pathos angemessen, mit Piano, Spieluhr und Farin Urlaub am Gesang musikalisch einfallsreich sowie mit einer augenzwinkernd melancholischen Tiefe ausgestattet, die sich gegen Ende hin zur breit krachenden Stadionrock-Soundwand aus den Allheilmitteln Gitarre, Bass, Drums hinaufsteigert.
"Wir Waren Nie Weg" ist ein energetischer, durch und durch routinierter Punkrocktrack, zu dem man die Plastikbecher auf Kommando durch den Moshpit fliegen sieht. Dennoch befremdet hier nicht zum letzten Mal der inhaltlich unklare Fokus. "Falls ihr euch fragt, wo wir so lange war'n": Ich bin mir recht sicher, dass sich das in Bezug auf Die Toten Hosen absolut niemand jemals gefragt hat, und das ist nicht mal despektierlich gemeint. "Kamen eines Tages mit der Sonne hoch / im Morgenrot / und so wie sie gehen wir auch unter" ist eine schöne Zeile, der im Outro mit "Wir gehen nicht weg" umgehend widersprochen wird. Ein eindeutig unentschiedener Song. In ähnlicher Manier provoziert "Die Show Muss Weitergehen" schon durch den Songtitel die naheliegende Frage nach dem Wieso, die der Song musikalisch trotz einprägsamer Melodie und inhaltlich mit seinen Durchhalteparolen nicht wirklich beantwortet.
Auf der Mission "würdiges letztes Album" steht sich die Band immer wieder selbst im Weg dadurch, dass sie das Altbier in einer großen Geste austrinkt und es gleichzeitig festhalten will, bis es schal wird. Dass nach "Was Früher Einmal War" unmittelbar "Nur Nach Vorn" kommt, grenzt an Satire. Bilder wie "Als Johnny Thunders vor uns stand mit Gitarre in der Hand / und ob die Zukunft jemals kommt war uns egal" verlieren einiges an emotionalem Gewicht und mitreißendem Potential, wenn sie meinen, direkt ein "Oooohhhhh-hooooo hab in mir diese Hoffnung / alles kommt in Ordnung" nachschieben zu müssen. Am meisten geht mir Campino immer auf den Sack, wenn er den gereiften Moderator macht, der einmal ein respektvolles Telefonat mit Angela Merkel geführt hat. Ähnlichkeiten zwischen der Leadgitarre im Intro von Letzterem zum Gesang in der Hook von Ersterem gehen zudem dann doch etwas zu weit, dass man sich nicht ein wenig verarscht fühlt, wenn diese Songs direkt nebeneinander stehen.
Es ist angemessen und im Kontext der Bandhistorie konsequent, dass sie auf ihrem letzten Album auf das zu reagieren versuchen, was in ihrem Selbstverständnis nach linksliberalen Publikationen wie der Zeit auf unfassbar ekelhafte Weise mitunter "vibe shift" genannt wird. Ich hätte sehr gerne einen weniger verklausulierten Satz geschrieben, wie etwa "Es ist angemessen und im Kontext der Bandhistorie konsequent, dass sie im Angesicht der Faschisierung von Politik und Gesellschaft klar antifaschistisch Haltung beziehen". Dafür ist das, was hier passiert, aber ehrlich gesagt nicht ganz ausreichend. "Schlechte Nachbarn" macht in Tempo und Energie durchaus Spaß, aber die zahme Ironie, mit der hier das Rechtsbürgertum beschrieben wird, das sich um die "Hüpfburg von der AfD" versammelt, zündet nicht wirklich, wenn besagte AfD in Sachsen-Anhalt bei 40 % steht. Zwar richten sie ihre Anklage in eine produktive Richtung, nämlich nicht gegen den stereotypen Nazi-Hool, sondern in die eines Milieus, das sich von demjenigen linksliberaler, bürgerlicher Zeit-Leser:innen in vielen Punkten nicht wesentlich unterscheidet. Hier wäre aber trotzdem mehr drin gewesen. Man hätte sie weitaus deutlicher formulieren können.
"Kein Blatt Zwischen Uns" ist musikalisch einer der weniger guten U2-Songs aus der Feder der Toten Hosen. Hier passiert wirklich einfach nicht viel außer Hintergrundgeräusch für Pathos. "Der Kampf gegen Windmühlen strengt an / doch das hier ist alles aus Liebe / und ja, wir stehen zusammen" klingt natürlich erst einmal gut, so lange man sich darauf verlässt, das wir unter dem Kampf gegen Windmühlen alle das Selbe verstehen. "Wir stehen hier gemeinsam / Seite an Seite / kein Blatt zwischen uns" funktioniert vielleicht als Stadionrock, vernachlässigt aber, dass der Kampf eben nicht gegen Windmühlen, sondern gegen politische Gegner geführt werden muss.
Einen sehr unbefriedigenden Nachgeschmack hinterlässt "Was Ist Mit Uns Los". Man kann im Zweifel für den Song argumentieren und davon ausgehen, dass sich die Band bewusst ist, das es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit AfD-Wähler gibt, die Die Toten Hosen hören, und dass sie das richtiger Weise als Chance begreifen. Es erscheint schlüssig, da eine empathische Ansprache wählen zu wollen. "All ihr Müden und ihr Schwachen, ihr Außenseiter und ihr Freaks" übertreibt es zwar ganz schön ordentlich mit dem Bibelmotiv, aber wie schon auf "Schlechte Nachbarn" stimmt zumindest die Richtung.
Doch Zeilen wie "Du sagst, du willst dein Land zurück, ich versteh' nicht was du meinst / das Dritte Reich von Hitler oder Deutschland in zwei Teilen" erscheinen auf ziemlich hilflose Weise naiv, und das ist einer der weniger ärgerlichen Stellen auf einem Song, der sich im bedeutungsschwangeren Powerballadenmodus behäbig dahinschleppt. "Dieses Land, von dem du dauernd sprichst, ist nur ein Traum, der dich verwirrt", das wird sicherlich alle überzeugen, die eine Realität vor Augen haben, in der sie von ihren gewählten Volksvertretern gesagt bekommen, dass sie sich nur noch ein bisschen mehr den faulen Arsch für das Bruttosozialprodukt und die Profite der Panzerfabrik aufreißen müssen, dann dürfen sie vielleicht schon mit 70 in Rente gehen.
"Stoppt den Krieg gegen die Wahrheit / kommt aus den Echokammern raus": Dann sag halt auch mal die Wahrheit, du Vogel, zum Beispiel, wer am Krieg gegen die Wahrheit eigentlich verdient. "Was ist mit uns los", Kapitalismus im immer konsequenteren Endstadium ist los. Weniger davon wäre gut. Mehr Sozialismus wäre gut. Das ist in the big twenty six kein arkanes Wissen zerstreuter Professoren mehr, sondern eine Meinung, mit der sich Wahlen gewinnen lassen. Scheiß' doch mal dem Boss ans Bein anstatt dem Arbeiter zu predigen, dass er lediglich verwirrt ist. "Uns're Würde unantastbar / ist das für uns nur noch ein Witz": Ja, gute Frage.
Über "Lass Mal Nicht Machen" soll hier der Mantel des Schweigens ausgebreitet werden. Er klingt nicht so, als hätte er noch dringend aufs letzte Album gemusst. Eventuell ist das ein besonders cleverer Metagag. Ich weigere mich zudem zu akzeptieren, dass eine Band, die seit den 80ern im Geschäft ist, einen Song über ihren Proberaum auf ihr letztes Album packt, der klingt, als wären sie maximal 19, nur um es zu verlängern ("Keine Macht Den Proben").
Dabei gibt es die drängenden Songs hier durchaus. "Augen Zu (Es Regnet Blumen)" ist so einer. In einem akustischem Arrangement, dass wie eine bittersüße Mischung aus "Summer Wine" und "Ain't No Sunshine" klingt, ebenso traurig wie tröstend warm, spielt Campino seine große Stärke als Texter aus, nämlich in Momenten seine Rolle als cooler Onkel der Nation zu vergessen und ehrliche, ungefilterte Worte dafür zu finden, wie es ist: "Noch einmal mit dir sprechen / auch wenn wir's nur mit den Augen tun / wie schön das alles mit uns war / haben gedacht nichts bringt uns um." Das ist ergreifend, weil brutal und dabei gleichzeitig zärtlich. Der Schmerz muss lyrisch auch einmal als das, was er ist, stehen gelassen werden, damit der Song ihn verarbeiten kann.
"Düsseldorf" ist reinster Fanservice, aber als solcher gehört er hier auch hin. Man hätte durchaus den Fakt verhandeln können, dass es die kulturellen Freiräume, in denen die Band damals entstanden ist, in der Stadt in dieser Form nicht mehr gibt, geschweige denn einen Ernst zu nehmenden Technoclub, aber diese Komplexitäten wurden vermieden. Ich hätte mir das gut als sphärisch-psychedelische, "Champagne Supernova"-artige Komposition vorstellen können, in der als einzige Lyrics "Und in mir brennt diese Sehnsucht / habe das Wasser vom Rhein in meinem Blut" vierzig Mal wiederholt werden, aber es ist ein Toten Hosen-Song, deswegen ist es ein Eckkneipenschunkler. Nichts anderes will er sein und alles andere wäre im Endeffekt auch Unsinn, unabhängig davon, was irgendwelche seelisch verwahrlosten Ästhet:innen in Berlin-Kreuzberg oder Leipzig-Ost davon halten. Für die Spieldauer von "Ich Will", dem obligatorischen Zweiminüter des Albums, verbindet sich die knisternde Euphorie, die sie auf ihren Zweiminütern erzeugen können, wenn sie wollen, mit dem Thema eines Heiratsantrags, zu dem beide gleichzeitig Ja sagen.
"Trink Aus" ist schließlich die Verbeugung vor dem fallenden Vorhang nach fast 50 Jahren Show, die einen, trotz allem, ziemlich versöhnlich stimmt. Trotz allem ist man wegen dieses Songs auch froh, dass sie sich die Plackerei noch einmal angetan haben. Mit ein wenig Tom Waits und ganz viel von sich selbst und was sie gut macht im Blut, führen sie sich schwankend, aber gegenseitig stützend zur Tür hinaus. Hier kauft man ihnen wirklich ab, dass sie glücklich über das sein wollen, was war, nicht traurig über das, was nicht mehr ist, obwohl es nicht leicht fällt, und man will es mit ihnen sein. Noch einmal sich von der Melancholie in die Euphorie hineinsteigern, wenn es heißt: "Trink aus, trink aus / sind fast am Ziel, sind bald Zuhaus".
Dann ist "Trink Aus! Wir Müssen Gehen" halt kein gutes Album. Die Kracher krachen, die Stinker stinken. Drauf geschissen. Zu beweisen gab es hier nichts mehr.


23 Kommentare mit 42 Antworten
Auf Nimmerwiedersehen!
Dieser Kommentar wurde vor einem Tag durch den Autor entfernt.
Haha, funny von dannen - nice!
Come on, coppola - Warum diese Selbstzensur?
Fand's sau lustig!
♥
Ich habe das Gefühl, der Autor fühlt sich von dem Album persönlich beleidigt.
Als hätte die Band ihm ans Bein gepinkelt.
Zur Platte selbst: Ich glaube, die Band hat sich keinen Gefallen damit getan, vor den Aufnahmen zu sagen, dass das die letzte Platte wird.
Dennoch nicht ganz so schlecht, wie es der Schreiber hier darstellt. 3/5
Hm. Interessant. Ich glaube, gerade WEIL sie gesagt hat, daß es das letzte Album sein wird, komme ich mit sehr vielen Sachen erstaunlich gut klar. Wäre es nicht so, würde ich mich an den ganzen Rückblicken ebenso stören wie an einigen thematischen Wiederholungen. So verstehe ich das Album gewissermaßen als eben diesen Schlußstrich - nochmal kurz über alles nachdenken, das "Wort zum Sonntag" mit einem Gruß zurück abschließen, und nochmal die Dinge zu bekräftigen, die ihnen irgendwie wichtig sind.
Ich glaub' nicht, daß das Album sich häufiger auf meiner Playlist rumtreiben wird, aber die 3/5 halte ich mittelfristig für realistisch. Gibt Interpreten, die haben schlechtere oder unglaubwürdigere Abschiedsalben hingelegt.
Gruß
Skywise
Was ich damit meinte, ist, dass sie sich dadurch selbst zu viel Druck aufgeladen haben. Vor allem Campino.
„Jetzt müssen wir abliefern.“
Wenn man dann die ARD-Doku zum Album schaut und sieht, wie die Zeit gegen Ende hin knapp wird.
Das erinnert dann ein bisschen an „Zurück zum Glück“ damals. So wirken manche Songs nicht ausgereift.
Sich ein bisschen mehr Zeit und weniger Druck zu geben, wäre vielleicht besser gewesen.
Nichtsdestotrotz kann ich mit dem Album leben und ich denke, nach über 40 Jahren, mit Mitte 60, kann man sich dann auch mal mit einer ordentlichen Tour verabschieden und Tschüß sagen.
100% Zustimmung. Die Selbstreferenzen schielen schon vorsichtig Richtung Onkelz, zum Abschluss lasse ich das aber durchgehen. Ansonsten hat die Rezi vieles wunderbar eingefangen.
"Lass ma nicht machen" hat neben der Zeile "Rammstein-Pullover am Weltfrauentag tragen" wirklich nix zu bieten.
Die textliche Inkohärenz ist nicht nur zwischen den Tracks gegeben, sondern auch innerhalb der Songs. Wenn im Proberaumlied im erst davon erzählt wird, was es alles so zu finden gibt (Liebesbriefe, Trikots, Kokain unterm Teppich) und es dann im Refrain heißt "Gitarre, Schlagzeug, Bass, für nichts anderes ist hier Platz", dann ist das irgendwie schief.
Ob man nun für jedes Familienmitglied einer eher schnulzige Ballade schreiben muss, kann am Ende nur Campino entscheiden. Langsam hat er alle durch und es ist natürlich ein bisschen sweet, wenn im Refrain seine Stimme so herrlich schief bricht, weil er schon immer besser brüllen als singen konnte. Hab dennoch das Gefühl, den Song schonmal von ihm gehört zu haben.
Habt Ihr gut beleuchtet hier in dem Faden. Das Bonusalbum hab ich noch nicht gehört, außerden Neubautensong, den ichrichtiggutfinde. Der Opener von Farin Urlaub gefällt mir und bis jetzt am besten von allen Songs. Es wird sicher kein Album sein, dass bei mir nochmal groß laufen wird, aber egal. Ist Schluss und gut dann. Das Cover ist super.
Farin Urlaub als Opener.
Vicky Leandros Duett (auf der Bonusplatte die hier nicht erwähnt wird)
Mehr braucht es nicht.
5/5 Danke
Die Lyrik ist wirklich Schauderhaft, weswegen ich mich konsequent weigere, dieses Album zu hören. Warum nicht einfach nochmal alles komplett anders schreiben/mitteilen am Ende? Wie kann man Campino so ungebremst das alles durchgehen lassen? Das Schönste, das für mich jedenfalls bleibt, ist der Sonnenuntergang irgendwann 1996 und wie ich mit meinem Fußball unter'm Arm durch die Nachbarschaft laufe - die übrigens großartig war, damals spielten Kinder noch auf der Straße bis Abends - und irgendwo bei anderen Eltern "Zehn kleine Jägermeister" aus dem Wohnzimmer trällert, selbstredend meistens von dem Nachbar, der Volkswirtschaft studiert hat und bei einer Großbank in Frankfurt am Main angestellt gewesen ist - no Front: die besten Kindergeburtstage fanden immer dort statt, schöner Garten, schönes Haus & die größte Süßigkeiten Abschiedstüte. Ich werd' dich immer fühlen, Campino und das hier am besten ignorieren, so gut es einfach geht. Der Verweis des Rezensenten auf die Volksvertreter, die uns zum Mehrarbeiten bewegen müssen, aufgrund der Zinslasten, die für die Reichen abgearbeitet werden sollen, ist endlich mal etwas, womit man Campino gehörig den Kopf waschen müsste. Vielleicht hätte auch er einfach die Arbeit liegen lassen sollen am Ende, um zu zeigen wie es im 21. Jahrhundert wirklich geht - das wäre das größte Geschenk an die (deutsche) Gesellschaft gewesen.
Ungehört Unsterblich 1/5
Eine letztes Album inkl. Doku - das weckt natürlich bei jedem Fan, Sympathisanten, selbst beim Kritiker, ein bisschen Hoffnung, genau dass rausziehen zu können, was ihm so zum personal Gusto passt. Und hoppla - diese Idee funktioniert wunderbar, denn die Doku ist schonungslos ehrlich und das Ergebnis zumindest für Kritiker nicht überlebensgroß.
Die Hosen sind 2026 eine Remiszenz an das, was einem persönlich am Ehesten von ihnen hängengeblieben ist: geiler Deutschrock von früher, unhumorige Ärzte-Konkurrenz aus Rüsselschroff, Partyrockband der 80/90er, Festivalhelden der großen RaR-Ära oder lame Befindlichkeitsrocker für Leute, die zur Hochzeit Sketchers tragen. Was sie heute nicht mehr sind - so wirklich relevant, hot, important to follow. Und wenn man sich die Doku ansieht, dann trieft das Selbstwissen über diese Adjektive auch aus den Poren der einzelnen Bandmitglieder und des Produzenten.
Wenn Campino auf'm Sofa sitzt und ächzend versucht, noch irgendwas 'spaßiges' aus der Birne in sein Leitz-Büchlein zu kritzeln, wenn er Ideen wie 'Oktoberfest' verfolgt, weil man nach Eigenaussage halt 'Material braucht', dann erklärt dass viele Autsch-Aspekte des neuen Albums. Und wenn Vom, Kuddel und Breiti vom überlebensgroßen Kreativ-Gatekeeping des selbst so unkreativen Sängers gefrustet sind, dann zeigt sich der wahre Grund, warum es nun doch besser ist, aufzuhören: weil da gemeinsam nichts neues mehr entstehen kann. Der Satz des Pythagoras ist aufgestellt, und egal welchen Buchstaben man random in die Gleichung einfügt, it's still the same algebra. Die Hierarchie ist eindeutig, das Ziel ist gesteckt, Neuland betritt hier keiner mehr. Auch nicht der, der grade den Sprechball in den Händen hält oder seine Riffs vortragen darf.
The Laufzeit in your enemy - und bei der doch etwas schwachbrüstigen Entstehungsgeschichte ist dieses Album logischerweise eher Stückwerk ohne lyrische Stringenz, ein Wollknäul voller Knoten, welches jetzt auch keiner mehr entwirren will. Da folgt ein 'Wir sind zurück' auf 'Schön wars, good bye', da hat man in einem Song noch den gesellschaftlichen Niedergang zu verdauen, dann geht's um den schönsten Moment im Leben, nur um danach endgültig am Totenbett zu versauern. Es ist, als wolle man jedem Fan noch ein mal einen Song für den persönlichen Moment geben. Eine schöne Grundidee für Fans, die auf Albumlänge diese Themenachterbahn ja schon von anderen Alben kennen - für mich persönlich ist es jedoch auch dieses mal wieder zu viel Kleister in allen Ecken. 'Trink aus' ist für mich die wirklich schon und ehrliche Nummer, die hängen bleibt. Und der Gedanke, ob eine Goodbye EP mit 5-6 komprimiert großartigen Tracks nicht geiler gewesen wäre.
Zu den Covers - naja, die Gästeliste ist fantastisch, doch auch hier stellt sich die Frage nach der Relevanz. Ist 'Komplett im Arsch' mit Campino echt ein Goodie oder kann dass weg? Muss er nun auch noch mit Marteria rappen? Fühlt sich das nicht zu sehr nach Scheiße-Tanztee an, wenn die Band am Cover zu 'Ich liebe das Leben' scheitert, weil es dafür mehr braucht, als weniger Lautstärke am Gitarren-Poti? Verneigung vor den großen Idolen und Musikerkollegen ist immer löblich, man ist ja Entertainment-Family, aber ein schöner Output ist aber auch da nicht garantiert. Die Coverplatte (25 Songs, 25!) bleibt für mich nicht mehr als ein Kritzelbild am Kühlschrank - nett gemeint, emotional schön aufgeladen, aber dauerhaft nicht wertvoller als das zehnte USB Kabel in einer Kruschtelschublade. Hätte man hier einen Hosen-Song in Campinos ach so bekanntem 'Live Aid' Format mit allen Gästen aufgenommen, es hätte die Sache nicht besser gemacht, aber abgekürzt.
Nach 3 Durchläufen und 6h 36min werfe ich das Handtuch in den Ring und muss feststellen, dass ich genug von DTH habe - und zwar für eine lange Zeit. Und auch wenn ich an Farin auf der Platte denke, wenn ich die Lyrics zu 'Wir sind die Hosen' lese und im Kopf mit seinem neuesten Output 'Happy 2BD' oder '999' kombiniere, dann wird mir um alles, was die nächsten Jahre aus Berlin (aus Berlin!) noch kommt, auch schon Angst und Bange.
Hätte man anstelle von Kolja und Marteria mal lieber Hendrik Bolz als Ghostwriter genommen.