laut.de-Kritik

Hoffentlich der Anfang vom Ende.

Review von

"So Muss Man Gehen". Klingt, als wolle Farid Bang allmählich seine Rap-Karriere an den Nagel hängen. Andererseits lässt ihn die Musik wohl doch nicht so einfach los, weswegen die Platte, dem Cover nach zu urteilen, der erste Part einer zwei- oder gar mehrteiligen Albumreihe sein dürfte. Doch schon bei diesem Projekt bleibe ich skeptisch, ob dieses Unterfangen fruchten wird.

Erneut käut Farid seine üblichen Formeln wieder: Punchlines, Dissen, Representen, Straßenrap hier, Machogehabe da. Tatsächlich zählen die Momente, in denen der asoziale Marokkaner auf sein gewohntes Battlerap-Steckenpferd setzt, zu den belanglosesten. Wundert das überhaupt noch jemanden, außer diejenigen, die sich wirklich noch leidenschaftlich mit dieser Art JBG-Type-Rap befassen? Es ist so ausgelutscht, dass meine Kritik daran schon ausgelutscht wirkt. Außer die fast schon obligatorische KI-Zeile "Welcher deutsche Rapper ist der reichste, ChatGPT?" bleibt nichts Nennenswertes im Kopf.

Wenn es schon beim Hören nicht zündet, dann erst recht nicht, wenn ich dafür die Lyrics aufschlagen muss. Farid wettert wieder gegen die deutsche Rap-Szene und greift dabei die Usual Suspects an, zum Beispiel in "Zidane": "Rap braucht keine Eier, er muss Fotze haben / Er kommt nicht mehr von der Straße und klingt wie 'ne Popballade / Deutscher Rap, gefangen in 'ner woken Bubble / Feminismus in Deutschland heißt: Ich bin eine blonde Schlampe." Lines wie diese wirken umso merkwürdiger, wenn man bedenkt, dass Farid sich einerseits kürzlich Genre-Kolleginnen wie Ikkimel gegenüber verhältnismäßig friedlich gesonnen äußerte. Er fühle sich von deren Provokationen nicht angegriffen, sagte er da. Andererseits versucht er, sein Verhältnis zu Frauen mit Zeilen wie jenen auf "Glaub An Dich" zu relativieren: "Gegen Frauen hab' ich nie was gehabt / Ich hab' mehr von ihn'n geliebt als gehasst."

Auch wenn einige Farid durchaus zutrauen, dass er seine Art Battlerap wirklich nur sportlich und provokant, um der Provokation Willen, meint, wirkt es irgendwie inkonsistent und lächerlich pubertär, gerade für einen 40-Jährigen. Dazu kommt stetiges Gejammere über eine angebliche Cancel-Culture, gegen die sich Farid in Songs wie "Kein Zurück" mit Samra stellt. Was schade ist, weil dieser typische Straßenrap-Track tatsächlich schön in die Fresse geht. Aber dann sagt Farid am Ende: "Ihr könnt uns niemals canceln". Canceln? Ist das Echo-Thema immer noch nicht vom Tisch? Nach acht Jahren? Zur Erinnerung: Obwohl Farid die "Auschwitzinsassen"-Zeile droppte, kam sein Partner in Crime, Kollegah, in der öffentlichen Kritik langfristig schlechter weg, während der Banger sich mehr oder weniger rehabilitieren konnte.

Apropos: Kollegah ist auf dieser Platte ebenfalls mit von der Partie, und diesmal wirklich als Kollegah und nicht Felix Blume. Als ob das irgendeinen Unterschied machen würde. Es ist immer noch derselbe episch aufgemotzte, ewig recyclete Schund, natürlich nur echt mit den unnötigen Doubletimes und Wie-Vergleichen: "Eyo, c'est la vie, Bitch, ich bin back, immer noch relativ dick im Geschäft / Du beißt dir die Zähne aus an der Kante wie bei 'American History X'." Da sich Kollegin Dani schon umfassend mit dem Outro "Requiem" beschäftigte, bleibt mir an dieser Stelle nur eines zu sagen: Halt endlich die Fresse, Kolle.

Dennoch: Nicht alles ist schlecht auf dem Album, manches versucht zumindest, nicht schlecht zu sein. Zwischendurch gibt es einige deepere Nummern, auf denen Farid seine nun rund 20-jährige Karriere Revue passieren lässt. Mit gemischtem Ergebnis. "4:43", der vorletzte Track, gehört zu dieser Sorte: der beste Song auf dem Album. Farid klingt unüblich erwachsen und berappt dabei einen schönen jazzigen Boombap-Beat. Der Beat von "Glaub An Dich" ist recht solide und arbeitet mit einer Interpolation jenes Lonnie Liston Smith-Samples, das Jay-Z einst auf "Dead Presidents" benutzte.

Der Opener "B.A.N.G." hingegen macht im Intro Stimmung mit einer elektrisierenden Bassline, leiert dann aber in einen eher atmosphärischen Trap-Beat der öden Variante aus. Die Prehook klingt sehr lustlos gesungen, und die "Epicness" in der Hook klingt cheap umgesetzt: "B-A-N-G / Ich geb' immer noch keinen Fick, deutscher Rap ist meine Bitch / Ich war Gangster, da wart ihr noch kleine Kids / Sei dir sicher, in diesem Genre gibts nie wieder ein'n wie mich."

Trotzdem überzeugen ein paar der härteren Nummern. Neben dem bereits erwähnten "Kein Zurück" etwa der Track "Motto": Farid rappt die Parts im Triplette-Flow durch, während die Hook im Kontrast dazu sehr langsam und aufzählerisch kommt. Mein Lieblingsmoment auf der Platte, da Farid es so stumpf, aber effektiv einsetzt: "Autos, Waffen, Kahbas, Golduhr'n / [...], Drogas, Fast Life, Mocros / Dirham, Crypto, Dollar, Euros." Darauf folgt "Moros", ein schöner, multilingualer Posse-Cut, für den Farid zahlreiche marokkanisch-stämmige Rapper aus ganz Europa einlud. "Iz Da Pt.2" mit Xatar klingt passabel, kommt aber selbstverständlich nicht ans Original von 2015 heran. Dem verstorbenen Bira zu Ehren hätte ich den Track ohne Fortsetzung schlichtweg für sich alleine stehen lassen.

Wenn wir schon von Klassikern reden: Taktloss hat sich ebenfalls aufs Album geschlichen, um mit "Taktlo$$ Punshline Hotline Part 2" ein legendäres Skit aus dem 2000 erschienenen "BRP 3" neu aufleben zu lassen. "Herzlich willkomm'n zur Taktlo$$ Punshline Hotline 2.0. Für gefährliche Punchlines, drücke die Eins. Für Gerede von irgendjemand, von dem ich noch nie etwas gehört habe, drücke die Zwei." Ja, die Punchlines hinter der Zwei von Monet192, Ikkimel, Nina Chuba, LX, Kasimir1441, Sampagne, Ritter Lean und Paul von 01099 sind wirklich lahm. Aber für die Taste Eins hätte sich Farid vielleicht ein bisschen mehr mit seinem ganzen Punchline-Katalog befassen sollen. Zumindest mir fallen bestimmt mindestens ein Dutzend prägnantere Lines von ihm ein: "Mach' bei deinem Opa Benedikt, der in Rente ist, den Enkeltrick", oder: "Das mach' ich mit deiner Family die ganze Nacht / Und zum Schluss erkennen sie mich an mei'm Schwanzgeschmack."

Letzten Endes überwiegt doch das Negative, zumal die zweite Albumhälfte kaum noch Nennenswertes zu bieten hat. Das auf lustig getrimmte, dann aber doch nicht so unterhaltsame "Banger Management" scheitert unter anderem daran, dass Farid stellenweise erschöpft und ausgelaugt ins Mic rappt. Bei "Mocro Mafia" handelt es sich um dürftigen Gangster-Rap auf einem ganz netten, Synthwave-artigen Beat. Auf "Super Player" erfahren wir vom Obermacho: "In 'ner schlechten Woche leg' ich um die zehn Weiber flach / Acht von ihnen seh'n aus wie von AI gemacht / Drei davon kannst du im Heft von Playboy seh'n / Aber alle zehn von zehn sind zehn von zehn." *Seufz*. Will ich noch die beiden Songs mit Bobby VanDamme und Ego ansprechen? Nah, nicht der Rede wert. Wobei: Was zur Hölle brabbelt Ego da in der Hook? "Keine Aktien, ich kauf' nur Waffen von Rheinmetall." Die Opps werden den Tag hassen, an dem Ego mit einem Leopard 2 in der Hood aufkreuzt.

So will Farid also gehen, sofern dieses Album wirklich den Anfang seines Endes bedeutet. Ich wäre froh darüber. Dieser sinnlose, unnötig pompöse Battlerap-Schmonz seiner oder Kollegahs Sorte hätte schon längst das Zeitliche segnen sollen. Es macht schon seit Ewigkeiten keinen Spaß mehr. Andersherum könnte ich mir kein passenderes Ende für Farid Bang vorstellen.

Trackliste

  1. 1. B.A.N.G.
  2. 2. Zidane
  3. 3. Motto
  4. 4. Moros (mit La Fouine, Baby Gang, Morad & 3robi)
  5. 5. Kein Zurück (mit Samra)
  6. 6. Glaub An Dich (mit 1986zig)
  7. 7. Taktlo$$ Punshline Hotline Part 2
  8. 8. Banger Management
  9. 9. Iz Da Pt.2 (mit Xatar)
  10. 10. Mocro Mafia
  11. 11. Super Player
  12. 12. Show
  13. 13. Gohan & Vegeta (mit Ego)
  14. 14. 4:43
  15. 15. Requiem (mit Kollegah)

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Farid Bang

Selbst- und Außenwahrnehmung klaffen zuweilen weit auseinander. Während seine MySpace-Seite (ja, die Plattform galt einst als relevant!) Farid Bang …

Noch keine Kommentare