laut.de-Kritik

Paranoide Eule und der Weltraumschwindel.

Review von

Selten haben mich Lyrics so ratlos zurückgelassen:

"Ey yo Wladimir Putin, ich sag's dir im Guten / mich einschüchtern probieren brauchst du gar nicht versuchen / des Deutschen Freund war schon immer, wer von slawischem Blut ist / es sind die anderen die zu viel wollen vom germanischen Kuchen / wo sie wirklich stehen muss ich selbst rausfinden, ich / frag mich schon, warum machen sie beim Weltraumschwindel mit."

Ich versuche mir vorzustellen, wie der germanische Kuchen aussieht, was da wohl reinkommt, Hefe, Baumrinde, abgestandenes Bratwurstfett, pulverisierte Psychose, und frage mich, was Kollegah aka Felix Blume unter dem "Weltraumschwindel" versteht. Bezieht sich das auf die Mondlandung? Denkt er, der Weltraum als solcher ist eine Lüge? Ist er ein Anhänger der aristotelischen Kosmologie? Wer sind "sie"?

Keine Ahnung, wie man das noch sinnvoll kommentieren soll. Wer sich derart inhaltlicher Kohärenz verweigert, kann eigentlich nicht damit rechnen, dass das Gesagte als in irgend einer Form ernst gemeint ankommt. Dieser Kommunikationsmodus kann andererseits auch nicht als Ironie bezeichnet werden, denn dafür klingt das alles zu, naja, ernst gemeint.

Fest steht, dass dieses Zitat aus dem Song "Killuminati" von Felix Blume nicht die einzige Stelle auf seinem neuen Album "Alpha DNA" ist, in der er kurz vorm expliziten Abhitlern ist. "Außer Kanye West spucke ich auf Ami-Rap", heißt es auf "Blume Island". Das ist, anders als die Sache mit dem Weltraumschwindel, in mehr als einer Hinsicht aufschlussreich. Wenn man sich die Beats auf "Alpha DNA" anhört, kann ich mir beim besten Willen schwer vorstellen, dass die Musik von Kanye West in irgend einer Form Spuren in ihm hinterlassen hat, denn dann wären sie nicht so hirnabtötend langweilig.

"Eure Beats klingen wie Hausaufgaben von der SAE" beschreibt es ziemlich gut. Johnny Illstrument macht ermüdende 20 Tracks lang Dienst nach Vorschrift, und die Vorschrift war offensichtlich lange nicht so kreativ, wie das Wort "Vorschrift" suggeriert: Drumpatterns aus der Vormoderne, plump dramatische Streicher aus der Konserve, immer wieder Frauenchöre, die mystisch vor sich hin vokalisieren. Kennt ihr "Rotlichtmilieu"? Guter Track. "Alpha DNA" klingt wie "Rotlichtmilieu" in nicht gut, darüber hinaus haben wir auch nicht mehr 2010. Kollegahs musikalische Entwicklung hat sich von diesem Sample aus dem Soundtrack von Akte X nie wieder erholt.

Es liegt deswegen bei einem Typen, der was vom slawischen Blut und vom germanischen Kuchen faselt, nahe, davon auszugehen, dass ihm imponiert hat, wie Kanye West vor nicht allzu langer Zeit durch rechte Talkshows getingelt ist und verkündete, dass er Adolf Hitler toll findet. Mir kommt es, wie bei Kanye, nicht so vor, als stünde dahinter eine konkrete rechtsextreme politische Agenda, denn dafür ist das dann doch alles etwas zu wirr. "Germano-Cyborg wie Arnie in Terminator / Komm mit Alphagenetik, ihr kommt halbaffenähnlich" ("Ratatata") ist dermaßen lachhaft, das ich kaum glauben kann, dass es darum geht, jemanden zu agitieren. Lachhaft, und nicht lustig, weil es trotzdem Nazi-Gelaber ist.

Ich sehe ihn nicht einer faschistischen Organisation wie der AfD oder irgend einer herkömmlichen politischen Organisation oder Strömung oder ganz generell irgend einem Kollektiv nahestehen. Ich sehe ihn eher als eine ziemlich einsame, paranoide Eule, die ihre Bahnen durch die eigene geistige Finsternis zieht und Sachen wie "Beyoncé hat sich in den Baphomet verliebt" ("Blume Island") in die Nacht kreischt. "Ich lehn Rapfeatures ab, scheiße auf die Missgeburten / bleib da auch ein bisschen stur, denn leider taugt ihr nichts, ihr Huren", heißt es reichlich verbittert auf "Totempfahl", dass man sich automatisch fragt, wer da wen abgelehnt hat. Wer würde sich nicht darum reißen, mit diesem Mann Zeit im Studio zu verbringen.

Des Weiteren löst Stirnrunzeln aus, dass Felix Blume auf "Alpha DNA" ausgiebig Elitenkritik übt: Er will eins gegen eins mit Merz machen, er bezeichnet Mark Zuckerberg als Reptiloiden (fair), auf "Blume Island" ergeht er sich in ausgiebigen Gewaltfantasien unter anderem gegen die Clintons, die Royals, Jay-Z und, warum auch immer, Marina Abramović. Auf der anderen Seite kultiviert er immer noch das Image des alleinigen Weltbossmonarchen, weil ihm halt in den letzten 20 Jahren nichts anderes eingefallen ist, und spricht von seiner "Kanzleraura wie Adenauer". Da nach Logik zu fragen, ist von diesem Album zu viel verlangt. Gegen Ende auf "Imperium" macht er dann den Sack zu, was den Weltraumschwindel angeht: "NASA gibt uns CGI, erzählt uns was von Kugelform / macht doch einfach mal ne Livestreamcam an bei nem Flug zum Mond". Mir dämmert zunehmend, warum es mit Features dieses Mal nichts geworden ist.

Es gibt vereinzelt Momente auf dem Album, die einen daran erinnern, warum man vor langer Zeit mal Kollegah gehört hat: Seine komisch krummen langen Sätze kann er in unnötig komplexe Reimketten verpacken und in hoher Geschwindigkeit rappen, bis die Sonne schwarz beziehungsweise die Erde rund wird. Es gibt einen primitiven Teil meines Gehirns, der das nach wie vor goutiert, auch wenn seine Stimme auf dem Album immer wieder im Kontrast zum Inhalt ziemlich drucklos klingt. Wenn "Alpha DNA" eine EP bestehend aus "Intro", "Blockbuster" und "Schlangenledergolfsets" wäre, könnte man sich das gut an einem verkaterten Sonntag anhören.

Aber schon damals hat Kollegah unterschwellig immer wie jemand gewirkt, der im Rap eigentlich ein Fremdkörper ist und das bei aller ausgestellter, unterhaltsamer Verweigerung von Authentizität auch weiß und deswegen etwas zu kompensieren hat. Wir reden über einen Typen namens Felix Blume, der jahrzehntelang die Öffentlichkeit darüber in die Irre geführt hat, dass er in Wahrheit nicht "Antoine" mit zweitem Vornamen heißt und wahrscheinlich auch nicht wirklich Halbkanadier ist. Der Mann kommt aus einem Dorf in Rheinland-Pfalz. Er hatte schon immer ein zentrales Problem, gerade in einem Genre, in dem es zentral darum geht, wo man herkommt, wer man ist und wohin man will.

Mittlerweile ist er, wie so viele Pfeifen vor ihm, die innerlich aus dem Nichts kommen und ins Nichts gehen, darauf gestoßen, dass er Deutscher ist, weil ihm sonst nicht viel bleibt. Das kann man, wie "Alpha DNA" als Album, erschreckend oder traurig oder lächerlich finden. Für mich ist es definitiv ein bisschen von allem.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Alpha DNA
  3. 3. Killuminati
  4. 4. Nephilim
  5. 5. Staatsmann
  6. 6. Vito Genovese
  7. 7. Blockbuster
  8. 8. 300 SL
  9. 9. Lichtgestalt
  10. 10. Totempfahl
  11. 11. Pluralis Majestatis
  12. 12. Old Money
  13. 13. Schlangenledergolfsets
  14. 14. Outlaw
  15. 15. Blume Island
  16. 16. Ratatata
  17. 17. Offenes Visir
  18. 18. Imperium
  19. 19. Aura Eiskalt
  20. 20. Baphomet

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