laut.de-Kritik
Wie man Deutschraps stabiler Onkel wird.
Review von Yannik Gölz"Fünfzehn Jahre lang die Zeche geprellt / Bring uns das gleiche nochmal" - so klingt das, wenn Audio und Yassin etwas tun, das sie bisher noch nicht getan haben: Auf "Immer Noch Zwei Herrengedeck, Bitte" ziehen sie Bilanz und kulten sich selbst ab. Nicht auf eine Battlerap-Art, nicht cheeky, sondern so richtig aufrichtig und mit reichlich Pathos. "Heute jedes Album Top Ten und das alles nur mit Platten / Hab'n mehr Rapper überlebt, die auf dem Juice-Cover war'n / Als gute Rapper auf dem Juice-Cover waren", sagt Audio dann und verdient es sich. Aus zwei Company Flow-versessenen Oddballs fünfzehn Jahre später eine alternative Deutschrap-Intuition gemacht zu haben, darauf kann man ruhig mal richtig stolz sein.
Und trotzdem ist "Immer Noch Zwei Herrengedeck, Bitte" auf seine Art ein schüchterner Track. Immerhin stand das Duo so lange für Saurerübenstimmung und Antihaltung, dass man sich auch selbst nur verhalten auf die Schulter klopfen will. Und ebenso schüchtern fällt dann auch der Pitch aus, wie sie diese 15 Jahre so bewältigt haben: "Komm zum Battle ohne Reime, wir gewinn'n trotzdem / Packten Haltung in die Texte und ihr Müll in Deluxe-Boxen". Haltung und Battle-Rap, also. Kommt hin! Auf ihrem neuen Album rekalibrieren sie weiter die Frage, wie Haltung und Battle-Rap unpeinlich gealtert werden können. Und sie finden ein paar überzeugende Ergebnisse.
Dabei starten sie ein wenig auf dem schwachen Fuß. Sowohl Opener "15 Jahre" als auch "Bis Ich Nicht Mehr Atme" sind halbgare Experimente im Sound, die um Fremdhooks gebaut sind, die nicht so recht in ihr Soundbild passen wollen. Besonders Schmyt auf seinem abstrakt-aber-sexy-Film, der von schwarzen Wägen und Rummachen im Weltuntergang sinniert, ist dieser typische deutsche Pseudo-Indie, den ich wirklich nicht auf einem Audio & Yassin-Album brauche.
Beide Songs ringen auch ein bisschen darum, der Intro und der Tonesetter für das Projekt zu sein. Der eine albern und nostalgisch, der andere kämpferisch und melancholisch. Nicht, dass die beiden Seiten der Band nicht vereinbar wären, aber man spürt schon, dass "Zeit Zu Sterben" keinen besonders ausgeprägten roten Faden hat. Manche Tracks arbeiten sich nüchtern am Ernst des Lebens ab, manche sind quatschige Battle-Tracks, die hoffen, wenn man nur demonstrativ Merz und Menners zur Zielscheibe macht, könnte man vielleicht wieder damit davonkommen, ein edgy Frechdachs zu sein.
Und das klappt manchmal ("Kazoo" ist ziemlich stark), aber nirgends ist dieses Album weniger überzeugend als da, wo es zu sehr auf gefällige Ziele schießt. "Betrunkene Männer" sollte so ein guter und wichtiger Track sein. Suffkultur und Männlichkeit ist ein Themenkomplex, auf den man bitte mit allem Schmackes dieser Welt draufhauen sollte. Aber die Feindbilder machen es so einfach: Dann geht es um die Schalala-singenden Fußballfans in der Wustermark, die die Kellnerin begrabschen, Therapie hassen und sich vor der Kneipe schlägern. Mag es zu Genüge geben. Aber die Menners sind so plakativ und drüber gezeichnet, dass sich nie und nimmer irgendjemand darin wiedererkennen würde.
Gerade, wenn sie wenige Tracks später ihre eigene Geschichte mit dem Saufen (inklusive betrunkener Fahrer) fast ein bisschen abkulten, fragt man sich: Hätte man nicht auch einen Part über den betrunkenen Mann schreiben können, der man selbst einst war, der vielleicht viel genauer und detailreicher Sachen hätte outcallen können? Vielleicht auf eine Art, bei der sich manch einer sogar hätte ertappt fühlen können, statt nur leicht davon unterhalten zu sein, wie scheiße die anderen Männer™ sind?
Denn diese Art Storytelling findet sich auf "Zeit Zu Sterben" eigentlich zuhauf. Und Audio und Yassin sind hier am stärksten, wenn sie ein bisschen vom klamaukigen Punchline-Rap abrücken. "Nichts Als Die Wahrheit" ist ein Thementrack darüber, was es heißt, die Wahrheit in Beziehungen zu sagen - und über das eigene Verhältnis zu Lüge und Verklärung. "Beruhige meine Freunde wenn sie aus Liebe Kinder kriegen / Was auf der Welt so falsch läuft ist doch wieder hinzubiegen" ist eine einzelne Line, die reinhaut. Aber Yassins ganze Erzählung darüber, wie er seine Freundin über seine finanzielle Situation belogen hat? Das ist superstark erzählt, vor allem, weil es den Mut hat, ihn als Erzähler moralisch mindestens als grau hinzustellen. Der Part kommt nahe ans Leben, ist verwundbar und zeugt trotzdem von einer Menge emotionaler Intelligenz.
Apropos Yassin: Der hat in meinen Augen auch den besten Part des ganzen Albums auf "Ein Stück Hass". Da schildert er, wie er Ziel eines Polizeiraids wurde, von der Absurdität dessen, wie es sich anfühlt, wirklich ins Fadenkreuz von Staatsgewalt zu geraten. Ein Polizist outet sich als Fan und findet die ganze Situation wohl noch witzig, er selbst ist von der Erfahrung aber völlig aus dem Leben gerissen. Er endet mit diesen stark formulierten Lines: "Hat ein Jahr gedauert, bis ich wieder ganz zu mir kam / 1000 €, damit mich der Staatsanwalt vergisst / Doch das Jahr und meine Psyche kriege ich niemals zurück".
Ebenfalls stark finde ich Audio auf dem letzten Part des Albums, wo er das im deutschen Leftie-Rap relativ vielbearbeitete Szenario des Weltuntergangs interessant aufarbeitet: Er vergleicht immer wieder seinen Pessimismus mit dem Optimismus einer Partnerin und kommt Auge um Auge mit dem großen Kometen zur Erkenntnis, dass er gerade jetzt den Optimismus vermisst und gerne um sich hätte. Ein starker Moment und ein faszinierender Character-Arc für den sonst so ewigen Miesepeter.
"Zeit Zu Sterben" hätte ein richtig großartiges Album werden können, wenn es mehr Mut zu diesem Real-Life-Storytelling gehabt hätte. Offensichtlich haben die beiden lange gesucht, was es bedeutet, die Rolle der stabil antifaschistischen Onkel im Deutschrap einzunehmen. Und diese Tracks fühlen sich nicht nur echter, sondern auch substanzieller an. Der Punchline-Klamauk und die etwas zu offensichtlichen Anklageschriften sind alright und unterhalten schon solide weg. Aber man hat das Gefühl, dass wir die Band hier auf dem Weg in eine neue Evolutionsstufe hören - und der alte Klamauk noch ein wenig als sichere Bank dazwischenklebt.


3 Kommentare
Blödmannsgehilfen sind das
(grüße an Ampli)
Der Part auf dem letzten Track ist von Yassin, nicht von Audio
Gehe inhaltlich weitgehend mit der Review mit, vier Sterne hätte ich trotzdem gegeben. Aber stimmt schon, zwei bis drei von den Battletracks weniger und das Ding taugt zum Karrierehöhepunkt. Die Storyteller/Themensongs sind allesamt weltklasse.