laut.de-Kritik

Roh, ungefiltert, unangepasst und laut.

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Roh, ungefiltert, unangepasst und laut: Erst vor wenigen Wochen zündeten The Pretty Reckless auf der großen "Rock am Ring"-Bühne ein beachtliches Rock-Feuerwerk ab. Mit der Veröffentlichung ihres fünften Albums "Dear God" beweist die Band um Frontfrau Taylor Momsen erneut, dass sie auch unter Studiobedingungen zu amtlichen Branchentaten in der Lage sind. Vor allem immer dann, wenn der Vierer alle Regler nach oben zieht, sperrt der Fan von energiegeladenen und hooklastigen Modern-Rock-Sounds begeistert die Lauscher auf.

Über allem thront das fabulöse Organ von Frau Momsen, das in punkto Power und Ausdruck mindestens genauso beeindruckt wie das der Damen Lzzy Hale, Maria Brink und Dorothy. Der Opener "For Am I Death" setzt sich sofort in den Gehörgängen fest und beweist, dass sich die Band auch bezüglich des Songwritings immer weiterentwickelt. Das Spiel mit der Dynamik funktioniert mindestens genauso gut wie der treibende Refrain.

Das sich immer wieder aufbauende Zusammenspiel zwischen Taylors kratziger Stimme und der Gitarrenarbeit von Ben Philips zählt nun schon seit Jahren zu den Trademarks. Der konstant nach vorne treibende Rocker "When I Wake Up" würde sich auch gut auf einem Danko Jones-Album machen und komplettiert den nahezu perfekten Einstieg ins Album.

Mit dem schleppenden Klagefetzen "Love Me" treten The Pretty Reckless dann abrupt auf die Bremse. Das folgende "Dragonfire" teilt sich in drei Kapitel auf. Der Song startet mit einer akustischen Gitarre und Mommsens rotzigem Timbre. Im Mittelteil stößt der Rest der Band dazu. Knapp zwei Minuten vor dem letzten Tusch entlädt sich alles in einem noisigen Ganzen. Das Wah-Pedal von Ben Philips übernimmt das Kommando. Kurz vor Schluss nimmt auch die mittlerweile nur noch schreiende Frontfrau noch einmal Fahrt auf. Ein Song wie eine wilde Achterbahnfahrt.

Mit dem nahezu alle Emotionsebenen abdeckenden Titeltrack präsentieren The Pretty Reckless ein dickes Ausrufezeichen, das bis zum Ende des Albums auch nicht mehr übertroffen wird. Das poppige "About You" gerät eine Spur zu kitschig. Der Filler "Spell On You" kommt mit einem wuchtigen Riff daher, hat aber sonst nicht viel zu bieten. Auch die Ballade "Rollercoaster Of Life" kann man sich getrost schenken – leider. Es hakt jetzt immer mal wieder.

"Eye Of The Storm" beginnt ähnlich dünn und ausdruckslos wie der Vorgänger. Kurz vor dem Refrain rückt aber wieder mehr Verzerrung in den Vordergrund. So erhöht sich nicht nur der Druck. Auch die Leidenschaft und die Spielfreude kehren wieder zurück. Und dann klappt es irgendwie doch noch mit einer nachhaltigen Ballade, die beim Hörer emotionale Spuren hinterlässt ("Devil In Disguise (Michelle's Song)". Geht doch.

Zum Abschluss taucht Taylor Momsen noch einmal ein in ihre Rolle als Wandlerin zwischen den Genres ("Dark Days"). Ein bisschen Rock, ein bisschen Goth, eine Prise Herzschmerz und ein Hauch Dramatik: So wickelt sie den Hörer nur allzu gerne um den Finger. Das klappt zwar nicht immer. Aber wenn der Plan aufgeht, dann zeigen alle verfügbaren Daumen nach oben.

Trackliste

  1. 1. Life Evermore Pt. 2
  2. 2. For I Am Death
  3. 3. When I Wake Up
  4. 4. Love Me
  5. 5. Dragonfire
  6. 6. Dear God
  7. 7. Life Evermore Pt. 3
  8. 8. About You
  9. 9. Spell On You
  10. 10. Rollercoaster Of Life
  11. 11. Eye Of The Storm
  12. 12. Devil In Disguise (Michelle's Song)
  13. 13. Dark Days
  14. 14. Life Evermore Pt. 1

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