laut.de-Kritik

Lächeln ohne Zähne zeigen.

Review von

Ein Album namens "Smile" hat ein kleines Problem: Es zwingt einen erstmal in diese unangenehme Situation, in der man sich fragt, ob da gerade ein echtes Lächeln kommt - oder nur dieses freundlich einstudierte, das man auch beim Zahnarzt aufsetzt, wenn er sagt: "Und jetzt einmal bitte Zähne zeigen." Bei Madsen ist es natürlich nicht Letzteres, zumindest kann man die Band schlecht der Kaltherzigkeit bezichtigen. Wirklich "Zähne zeigen" tun sie auf ihrem zehnten Studioalbum ebenfalls nicht. Trotzdem passt der Titel ziemlich gut: Dieses Grinsen ist stabil, professionell, routiniert – aber selten so entwaffnend, dass es einem wirklich mal die Luft nimmt.

"Smile" ist ein ordentliches Rock-Album von einer routinierten Band, die genau weiß, wie man Songs baut. Madsen können Strophen so anlegen, dass du schon vor dem Refrain merkst: Gleich kommt die Hook, die dich zumindest bisschen mitnimmt. Sie wissen, wann Gitarren drücken müssen, wann es einen kleinen Synth-Schimmer braucht, wann das Schlagzeug einmal aufmachen darf, damit der Song kurz größer wird. Und sie haben – das betont auch das Label – vieles in echter Do-it-yourself-Manier selbst gestemmt, vom Produzieren bis zur ganzen Band-Maschinerie.

Genau diese Routine ist hier Fluch und Segen zugleich. "Smile" klingt wie Madsen, klar. Aber eben auch oft wie Madsen nach Bauplan – massenverträglich, radio- und playlist-tauglich, schön glattgezogen, ohne die eine Kante, an der man hängen bleibt. Es ist ein Album, das sehr gut funktionieren will. Und das tut es bei Fans der Band sicherlich auch. Nur passiert dabei zu selten etwas, das man nicht schon kennt.

Der Titeltrack "Smile" ist – Überraschung! – ein Song über dieses kleine Alltagslächeln, das manchmal wirklich Wunder wirkt. Musikalisch spielen Madsen ihren Indie-Rock so geübt herunter, dass man nicht meckern kann. Es klingt stark, es fließt, es hat diesen feinen melancholischen Faden unter der Leichtigkeit. Aber es ist eben auch der Auftakt zu einem Album, das sich danach sehr oft in seiner Komfortzone einrichtet. Denn "Achterbahn", "Neue Erinnerungen", "Hasta La Vista" und "Rauch Im Wind" sind in erster Linie klassische Madsen-Songs. Das ist nicht mal als Vorwurf gemeint – eher als Zustandsbeschreibung. Wer Madsen liebt, bekommt hier genau das, was man bestellt hat: hymnische Refrains, mal ordentlich Druck, mal ein bisschen Melancholie, auch ein bisschen Aufbruch. Nur ist da eben nichts, das einen mal überrascht, nichts, das einen kurz stolpern lässt. Ein bisschen fühlt sich das Hören an wie eine Achterbahn zu fahren, bei der man jede Kurve bereits auswendig kennt.

Positiv raus sticht "Pass Auf Dich Auf", weil der Song sich mehr Zeit nimmt und fast schon in Richtung Rock-Ballade kippt. Plötzlich wirkt das Album weniger wie "wir müssen jetzt die nächste Hook abliefern" und mehr wie "wir meinen das gerade wirklich". Aber ja, simpel bleibt es inhaltlich trotzdem: "Pass auf dich auf, denn ich liebe dieses Leben mit dir."

"1995" drückt dann wieder mehr nach vorne und macht Nostalgie zur Pose: "Wir sind jung und wir sind Punk. Es ist das gottverdammte 1995." Das hat Drive, aber es entlarvt auch ein bisschen das Dilemma der Platte. Wenn man mit über 30 Jahren Abstand ein Lied darüber schreibt, wie rebellisch man mal war, sagt das eben auch, dass man es heute nicht mehr ist. Wenigstens klingen Madsen hier, als wüssten sie das selbst.

Eine herbe Enttäuschung hält "Auf Die Barrikaden" bereit. Der Song beginnt stark, hat gute Strophen, plötzlich ist da Feuer, da ist eine Gitarrenmelodie, die nicht nur begleitet, sondern wirklich führt. Inhaltlich reibt das: Nicht alles schlucken, sich gegen die Obrigkeit auflehnen. Und dann – zack – löst sich diese Rotzigkeit in eine sehr runde Message im Refrain auf: "1, 2, 3, lass die Liebe frei, keine Macht dem Hass, das ist unsere Zeit." Musikalisch klingt das wie eine Mischung aus Schlager und Kinderlied. Eine verpasste Chance: Aus dem kämpferischen Song wird ein sehr umarmender. Man kann das als Hoffnung lesen – oder als bequemes Weichzeichnen einer eigentlich richtig guten Vorlage. Musikalisch passiert hier immerhin am meisten, gerade zum Schluss, wenn der Song mal bricht und die Gitarre kurz mit Schlagzeug soliert. Da blitzt auf, wie viel mehr Spaß das Album machen könnte, wenn es sich öfter etwas trauen würde.

"I Don't Give A Fuck" bringt danach tatsächlich Härte rein, ein bisschen Punk, ein bisschen "wir können auch anders". Schön, dass Madsen diese Farbe noch im Kasten haben – nur leider wirkt sie selbst hier etwas blass. Doch wenigstens etwas Farbe ist besser als gar keine, was einen bei den beiden nächsten Songs "Love Is A Killer, Pt. 2" und "Jeder Berg Bewegt Sich" erwartet.

"Ein Licht" macht am Ende das, was Abschluss-Songs dieser Band oft machen: Er will groß sein, verbindend, hoffnungsvoll. "Ein Licht, das niemals erlischt. Da ist ein Licht, für dich und für mich." – das ist nicht nur kitschgefährdet, sondern auch dreist gelogen, denn "Smile" hat definitiv viel weniger Licht- als Schattenseiten.

"Smile" ist kein schlechtes Album. Es ist stabil produziert, okay geschrieben, gut gespielt. Aber es ist auch eines, dem das Besondere fehlt – der Moment, in dem du kurz mit offenem Mund dastehst, weil da gerade etwas passiert, das nicht nach Madsen-Regelwerk klingt. Dieses Lächeln hier ist echt, ja, aber müde. Und eben selten so schief, so dreckig oder so überraschend, dass man es nicht wieder aus dem Kopf bekommt.

Trackliste

  1. 1. Smile
  2. 2. Achterbahn
  3. 3. Neue Erinnerungen
  4. 4. Hasta La Vista
  5. 5. Rauch Im Wind
  6. 6. Pass Auf Dich Auf
  7. 7. 1995
  8. 8. Auf Die Barrikaden
  9. 9. I Don't Give A Fuck
  10. 10. Love Is A Killer, Pt. 2
  11. 11. Jeder Berg Bewegt Sich
  12. 12. Ein Licht

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Madsen

Die fünf Jungs von Madsen sind eigentlich keine Newcomer mehr: Schon seit 1996 musizieren die Gebrüder Sebastian und Sascha Madsen mit Nico Maurer als …

1 Kommentar