laut.de-Kritik
Widerhall aus der Hölle.
Review von Emil Dröll1983 kroch "Show No Mercy" aus dem Keller der amerikanischen Metalgeschichte – und mit ihm eine Band, die dunkler, schneller und böser war als fast alles, was die Szene bis dahin kannte. Slayer sind wahrscheinlich nicht das berühmteste Viertel der Big Four, aber mit Abstand das gefährlichste. Zwei Jahre und eine EP später stand "Hell Awaits" auf der Matte, und wer gedacht hatte, schlimmer könnte es nicht werden, wurde eines Besseren belehrt.
"Hell Awaits" ist das Scharnier in der frühen Slayer-Diskografie, das Album, auf dem die Band noch nicht ganz angekommen war, aber bereits ahnte, wohin die Reise geht. Merklich mit mehr Budget aufgenommen als das Debüt klingt es wie ein Höllenbaby zwischen dem rohen Erstling und dem Meilenstein "Reign In Blood": experimenteller als alles, was Slayer in den Folgejahren wagen würden, und gleichzeitig hungriger, als es eine Band mit einem fertigen Konzept je sein könnte. Die Songs sind lang, manche nähern sich der Sieben-Minuten-Marke, und sie mäandern in Dunkelheit, bevor sie zuschlagen.
Das Remastering der 40th Anniversary Edition gehört tatsächlich zu den sinnvolleren seiner Art. Das Original rumpelte ordentlich durch die Gehörgänge, als wäre die Produktion selbst eine Form von Körperverletzung. Das Remaster öffnet den Klangraum, gibt dem Schlagzeug Tiefe, den Gitarren Schärfe und bewahrt dabei das Wesentliche: die Rohheit, die Unerbittlichkeit, das Gefühl, dass hier niemand um Erlaubnis gefragt hat.
Der Titeltrack beginnt mit rückwärts eingespielten Stimmen, die murmeln, beschwören und einladen, nach einer Minute bricht das Schlagzeug ein. Die Gitarren folgen. Für das, was Slayer hier entfalten, braucht es keine Einleitung, keine Erklärung, keinen Kontext. Es reicht, dass es passiert. Das Remastering gibt diesem Moment eine räumliche Wucht, die auf dem Original nur angedeutet war.
"Kill Again" führt den endlosen Spiegel menschlicher Verkehrtheit vor Augen: Tom Araya singt Dinge, für die man in anderen Kontexten Erklärungen abgeben müsste, und Kerry King schreddert dazwischen alles kurz und klein, mit der Präzision eines Mannes, dem Präzision vollkommen egal ist.
Bei "At Dawn They Sleep" hallt es bei Slayer noch mehr als sonst, die Hölle ist eben nicht nur für ein Quartett ausgelegt, sie hat Widerhall. Auch "Praise Of Death" wird remastered, was das Zeug hält, und klingt trotzdem noch absolut roh. Töten, Bluten, Zerstören: nur einige der Schlagworte, die einem hier ins Gesicht geschrien werden, passend zum steil gehenden Bassspiel und den noch steiler gehenden Gitarren. Ist man erst einmal im Rausch, will man nichts anderes mehr hören.
"Necrophiliac" verstört mit der Selbstverständlichkeit einer Band, die nie gelernt hat, sich zu schämen. "Crypts Of Eternity" ist ein Riffmonster in Mid-Tempo-Prügelei, sechs Minuten, die wie zwei vergehen. Und "Hardening Of The Arteries", der Abschluss, lässt überraschend deutlich Gesellschaftskritik durchschimmern.
Zum 40. Geburtstag gibt's noch 18 Live-Tracks, die hier zum ersten Mal veröffentlicht werden. "Hell Awaits" schallt aus keiner geringeren Metal-Metropole als Bochum – und was soll man sagen: Es klingt absolut beschissen. Die Gitarren matschen umher wie in einem schlecht kopierten Bootleg, das Schlagzeug prügelt irgendwo im Hintergrund vor sich hin, der Gesang kämpft sich überraschend klar nach vorne. Aber gut: Das Geld war knapp, die Technik war schlechter, und trotzdem: Slayer in Bochum, 1985, auf dem Weg nach oben, mit "Captor Of Sin" und "Evil Has No Boundaries" im Gepäck, das ist Zeitdokument genug, um darüber hinwegzusehen, dass man mehr Rauschen als Riffs hört.
Was bringt die 40th-Anniversary-Edition also unterm Strich? Sie erinnert an eine der großen Geburtsstunden des Thrash Metal und an ein Album, mit dem Slayer die Tür zur Legende aufstießen, um mit "Reign In Blood" hindurch zu treten. Das Remastering tut seinen Job, auch wenn die alte Version durchaus ihren schmutzigen Charme behält. Und die Livemitschnitte zeigen, was man eigentlich schon wusste: dass Slayer auch in schlechtester Soundqualität höllisch gut waren.


3 Kommentare mit 15 Antworten
Yes
Dieser Kommentar wurde vor 20 Tagen durch den Autor entfernt.
Sollte Rezensent Dröll sich einmal versündigen, kommt er in die Hölle. Das wäre dann die Dröllhölle. Dort liegt viel Gestein herum. Ein wahres Dröllhöllengeröll.
Ist ja dröllig.
Völlig dröllig! LÖL!
Auf ihn, mit Gedröll!
ALLE hier haben jetzt wirklich mindestens dröllfzehn Mal darauf hingewiesen, dass es keine wirkliche Combo ist, wenn jemand nur den pun des letzten Turn..s auf irgendwas reimt!
So kann mensch es machen, dann ist es aber dröllig spaßbefreit und es mangelt außerdem an stile, ähm STYLE!
Zwischen all dem Dröllhöllengeröll liegt vereinzelt auch Gölzgehölz.
Am Himmel zucken dort unten Kabelitze. Das ist Schier unerträglich dort. Rezensent:innen werden da ni fromm...
Dieser Kommentar wurde vor 17 Tagen durch den Autor entfernt.
Und selbst wenn man meint, dort endlich mal etwas Ruhe gefunden zu haben, um sich ein belegtes Brot zu machen, nehmen sie einem die Butterweck!
SKILLZ und STYLEZ und so und überhaupt, Alda: Ey, zieh dir ein, ey, Kratochwill, ey!
(props und shoutoutz gehen von dieser Stelle raus an den mushiflo, Scher und natürlich auch Ikko Frisch!
Nochmal Danke für die lückenlose Komplettabwicklung des gesamten D-Rap-Genres innerhalb eines schludrig aufgenommenen, aber immerhin mit Triangel-Beat inszenierten und vermeintlich an einem halben Nachmittag ma eben so hingerotzten Songs und zwar zu einer Zeit, während das Genre noch in seinem allerersten Kinderzimmer hauste, eine satirische Übersteigerung nicht nur bei Rapmusik noch möglich war und lange bevor mensch sich mit irgendwelchen nach Chemieabfall müffelnden Plastikrucksäcken aus der xten gedankenlos zusammengestellten und gleichsam hoffnungslos überteuerten Box-Editionen diverser meist verkaufender Szeneclowns davon ablenken sollte, dass der ewig gleiche Genrebrei inzwischen von den allermeisten dieser "mit Herzblut" Beteiligten noch lieb- und lustloser aufgewärmt, produziert und und vor allem eingerappt wird, als es diese 3 zum Karrierebeginn offensichtlich dröllig Genrefremden in ihrem einen und einzigen Genremeilenstein je hätten faken können.
Nach „Show no mercy“ war ich damals mit „Hell awaits“ etwas überfordert. Das erste Album hatte kurze Songs mit prägnanten Refrains. Hell awaits eher wie ein langer Song. Einzelne Parts funktionieren nicht. Muss man sich am Stück geben.
Mittlerweile eins meiner Favoriten.
Remaster wird auf jeden Fall gehört. Obwohl ich schon finde, dass der mittige Sound super passt.
Mal sehen, wer hier wieder von „Ausverkauf“ schwadroniert.
Die Metal-Polizei lauert an jeder Ecke.
War in meinem Leib- und Magengenre auch mal so, hat sich aber über die Jahre hinweg amortisiert. Wie groß ist denn die Masse der Menschen, die sich über das Remaster einer 40 Jahre alten Platte echauffieren müssen?
Keine Band habe ich öfter live gesehen. War immer ein sicherer Wert. Auf den folgenden Rängen waren es wohl Massive Attack, Sepultura und die Dub Pistols.
@Hellish
Hatte noch nie etwas von den Dub Pistols mitbekommen und mal reingehört. Richtig toll
Danke für den Tipp!
Gerne
Never gets old.