laut.de-Kritik
In der Vergangenheit lebt es sich eigentlich ganz angenehm.
Review von Sven KabelitzGleichgültig, welche Vergehen sich Musik zuschulden kommen lässt – getrieben von Nostalgie und der Neugier einer neuen Hörerschaft kehrt sie stets an den Tatort zurück. Darin unterscheidet sie sich nicht von allen anderen Straftäter:innen. Kein Genre findet dauerhaft Sicherheit im Nebel der Zeit. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass selbst Nu Metal in den letzten Jahren ein Comeback erlebt und sich mit allen altvertrauten Veteranen in den vertrauten Klängen suhlt.
Evanescence stießen damals etwas verspätet zum Zirkus. Als ihnen mit "Bring Me To Life", "My Immortal" und dem Debütalbum "Fallen" ein Hit gelang, war Linkin Parks "Hybrid Theory" bereits fast drei Jahre alt und der Erfolg des Genres begann langsam zu bröckeln. Sie selbst waren irgendwie HIM, sie waren irgendwie Linkin Park, sie waren irgendwie Nightwish, sie waren Tokio Hotel und sie waren nichts von alledem. Was sie vor allem aber waren, war furchtbar traurig, und das sollte jeder wissen.
In der von Beginn an cineastischen Musik fühlte sich Amy Lees immer mit einem opernhaften Touch ausgestattete Stimme wohl, kletterte zwischen dezenten Opernanleihen und Schreien auf und ab, ließ aber weitere Nuancen oft vermissen. Bis heute kennt sie zumeist nur Vollgas.
Nach dem frühen Ausstieg von Gründungsmitglied Ben Moody wurde aus ihr der Robert Smith des Nu Metal. Das Gesicht einer Band, die immer wieder eben jenes wechselte. Auf den gerade einmal sechs Alben ("Sanctuary" bereits eingeschlossen), die seit 2003 entstanden, tummeln sich neben ihr elf weitere Musiker:innen. Zuletzt stieß 2022 Bassistin Emma Anza hinzu, die es nun zum ersten Mal auf einen Longplayer schafft.
Mit dem Produzententeam Jordan Fish (Bring Me The Horizon, Poppy, Babymetal) und Zakk Cervini (Yungblud, Bring Me The Horizon, Spiritbox) sowie Nick Raskulinecz (Korn, Foo Fighters, Rush), mit dem Lee bereits auf "Evanescence" und dem missglückten Vorgänger "The Bitter Truth" zusammenarbeitete, gibt es zwar hier und da ein paar ansatzweise moderne Anleihen. Im Wesentlichen kommt man sich aber von der ersten Note von "Beautiful Lie" bis zur letzten in "Wide Open Heart" so vor, als wäre man mit einer TARDIS im Jahr 2003 gelandet. So nah wie auf "Sanctuary" waren Evanescence "Fallen" noch nie.
Ein nicht unwesentlicher Teil der neu gefundenen Wut speist sich aus Donald Trumps Wiederwahl. Ihren Zorn auf die politische Entwicklung in ihrer Heimat ließ Lee direkt in ihre Lieder fließen: "Schaltet man die Nachrichten ein, kann man sich leicht zu einem wütenden Rocksong inspirieren lassen, besonders als Frau. Es ist nur wirklich schwer, weil ich nicht politisch bin", erklärt sie in einem Kerrang!-Interview. "Ich will das absolut nicht, aber ich will mich der Situation stellen. Wir haben keine Wahl. Wir wurden in diese Lage gezwungen, und wenn wir nicht unsere Stimme erheben und uns gegen Tyrannei, Menschenrechtsverletzungen und Bombenanschläge wehren, sind wir die Nächsten."
Bereits der Start mit "Beautiful Lie" könnte
Mit orchestralen Synthesizern, dröhnenden Gitarreneinschlägen, tickernden Beats und über all dem Lees vertrauter Stimme kaum theatralischer ausfallen. "Your words have no meaning / Is that why you're screaming so loud?" fragt die Sängerin in dem gelungenen Song über falsche Versprechungen und verzerrte Wahrheiten, der einerseits als Bild einer toxischen Beziehung und anderseits als Beschreibung der weltpolitischen Lage gelesen werden kann. Jedoch stellt sich schnell heraus, dass Lees Texte nach Relevanz und Tiefgang streben, doch zwischen Pathos und Plattitüde einen Teil ihrer Wirkung schnell verlieren.
"Who Will You Follow" stellt sich der Frage, wem man in einer Zeit voller widersprüchlicher Informationen und lauter Stimmen überhaupt noch vertrauen kann. Musikalisch könnten Evanescence mit diesem Song kaum mehr auf Nummer sicher gehen, bedienen die eigene Formel fast schon zu gekonnt.
"Afterlife" und "Sanctuary" bilden das Zentrum des Longplayers. Hier funktioniert die Band wie aus dem Effeff. Während im düsteren "Afterlife" Verlust und Sehnsucht im Mittelpunkt stehen, bündelt der Titeltrack die zentralen Themen der Platte in aller Deutlichkeit. Mit einem verzerrten Spoken-Word-Intro baut das Stück eine bedrohliche Atmosphäre auf. Aus apokalyptischen Bildern entwickelt sich das abwechslungsreiche und eingängige Highlight des Albums: "This is for the ones who gather strength in silence / It isn't over / This is for the ones who rise against your violence / It isn't over. /.../ It doesn't scare me / I'm with you all the way down / Changed by the pain, we know who we are."
Die beiden Balladen "How Do I Heal" und "Forever Without You" bedienen das "My Immortal"-Schema mit Klavier, Streichern und Kitsch mal besser, mal schlechter. "Rapture" kippt zwischen düsteren Strophen und einem strahlendem "I saw the light"-Refrain, bevor die tiefsten Einschläge und seltsamsten Sounds des Albums den Song unter sich begraben. Spaßig.
Man muss schon einen gewissen Hang zur Theatralik mitbringen, um "Sanctuary" und Evanescence an sich etwas abzugewinnen. Hat man sich nach dem ersten brachialen Schock auf Grund des hoffnungslos gestrigen Sounds erst einmal wieder in der Vergangenheit eingefunden, lebt es sich hier eigentlich ganz angenehm. Die Hoffnung auf irgendeine Art von Innovation sollte man jedoch begraben. Der melodramatische Sound und die oft zu formelhaften Songs feiern auf die radikalste Weise das Gestern. Dennoch verwaltet sich die Band hier nicht einfach selbst, sondern will sich spürbar wieder etwas beweisen.


2 Kommentare mit einer Antwort
Verstehe nicht, wieso hier ständig vom "Gestern" gesprochen wird. Gerade ausgestattet mit diesen jetzt eher corelastigen Riffs und der bassbetonten Standartproduktion, fügt sich das wunderbar in alle zeitgenössischen "heavy" Spotify-Playlisten ein, und es fällt nullkommagarnicht auf, dass diese Band 23 Jahre auf dem Buckel hat. Das soll kein Lob sein, ohne den Namen wäre dieses Release in einer Woche vergessen.
Auch mit dem Namen wird es nicht viel länger dauern.
Diese lauwarme Corebrühe bekommt also eine Rezension und Einar Solbergs zweites Soloalbum nicht?