laut.de-Kritik
We Still Love You Skrillex Even If Ur Not Andy Warhol!! <3
Review von Franz Mauerer"SOMA" setzt an einem interessanteren Punkt an. Nach dem 2025er 34-Track-Koloss "Fuck U Skrillex You Think Ur Andy Warhol But Ur Not!! <3", den man schon im Titel als Selbstbeschimpfung, Befreiungsschlag und Chaos-Geste lesen konnte, wirkt dieses Skrillex-Album fast konzentriert und deutlich homogener. Dabei bündeln die 13 Tracks keine lineare Erzählung, eher eine lange gewachsene Vorratskammer aus Live-IDs, Singles, Clubtests und Kollaborationen, meine Herren, so viele Kollabos. Viele dieser Stücke klingen, als hätten sie lange in Sets, Festplatten, Chatverläufen, Backstage-Räumen und Flugzeugkopfhörern gegärt, meist in Ordnern mit Namen "Post-Dubstep". An allen Ecken und Enden stapeln sich Features, Szenen und kleine stilistische Grenzübertritte. Besonders auffällig ist der hohe Anteil an lateinamerikanisch geprägter Stimmen und Einflüsse: Feid, Young Miko, Taichu, MC Dricka, DJ 2K Do Taquaril, RHR, Anita B Queen — dazu Baile Funk, Reggaeton-Nähe, spanische und lusitanische Energie. Das ist jeweils mit solcher Verve durchexerziert, dass Skrillex den Eindruck "heute mache ich mal was Exotisches" komplett vermeiden kann.
Die besten Stücke auf "SOMA" klingen nicht so, als hätte Skrillex fremde Stimmen in fertige Tracks hineingestellt, sie wirken um diese Gäste herumgeschrieben. "Thistle feat. Randomer, Blawan & MC Dricka", "Tranki feat. Tracey, Taichu & Anita B Queen" und "Smoke feat. ISOxo, Cristale & TeeZandos" sind dafür die stärksten Belege. Das sind keine Schaufenster für Skrillex-Sounddesigns mit ein paar dekorativen Stimmen davor, sondern Tracks, die ihre Spannung aus dem Verhältnis zwischen Produktion und Performance gewinnen. Die Gäste sind hier nicht Accessoires, sondern architektonische Elemente.
"Thistle" rumpelt, bellt und reibt sich an Techno, Bass und MC-Druck, ohne je ganz in eine dieser Formen zu fallen. "Tranki" ist ähnlich stark, weil der Track nicht versucht, die Stimmen zu disziplinieren. Er lässt sie rutschen, springen, anstoßen, während die Produktion darunter eher wie ein überdrehter Motorblock arbeitet als als klassischer Beat. "Smoke" ist vielleicht der beste Beweis dafür, wie gut Skrillex inzwischen als Produzent um andere herumdenken kann: Rap, Bassdruck, Sirenen, Grime-Anmutung, metallische Kanten, alles drängt nach vorne, aber nichts erstickt sich gegenseitig. "La Noche 2 feat. Chris Lake & Anita B Queen" ist ein ketaminverstrahlter, sanfter 3-Uhr-Nacht-Traum, Anita B Queen wird perfekt eingewoben. Von diesen Tracks fällt nur das allzu leichte "Pente Rala feat. Dismantle, DJ 2K Do Taquaril & MC Dricka" stark ab, das der Wind irgendwo von Kalifornien gen Süden davonweht.
Skrillex scheint sich derzeit fast leichter zu tun, wenn er nicht ausschließlich Skrillex-Songs bauen muss. Wenn er um Stimmen und Produzenten herum arbeitet, bekommt seine Musik einen Widerstand. Dann dienen die berühmten Skrillex-Tricks nicht sich selbst, dann reagiert sein Trademark-Reagenz mit den Gästen, dass es zischt. Umgekehrt zeigen die schwächeren – aber nicht schwachen - Momente des Albums, was passiert, wenn dieser Widerstand fehlt. "Scut 2 feat. Rom" ist kein schlechter Track, aber er wirkt eher wie eine Grafikdemo: technisch blitzsauber, man hört, was die Maschine kann. Danach bleibt weniger hängen, als die Oberfläche verspricht. Ähnliche Momente gibt es auf "SOMA" immer wieder: kleine Sounddesign-Vitrinen, in denen Skrillex seine Fähigkeiten ausstellt, ohne daraus zwingend einen Song zu formen. "Anybody feat. ISOxo" hört sich gut an, aber eben nicht mehr. Die Grundidee des Tracks fließt glänzend durch die Hände wie Quecksilber. Stilsicher, aber nach dem Hören so arm wie vorher.
Der Tiefpunkt ist "Noche Without You feat. Feid". Der Track riecht nach sinnloser Kirmes. Zu glatt, zu ziellos, zu sehr auf einen halb euphorischen, halb generischen Nachtkirmes-Gestus gebürstet. Die atemlose Coolness eines "Duro", die irrwitzigen Dauerquerungen des unverschämt entspannten Closers "Diwali" überwiegen aber im "nur" 13 Tracks starken, aber doch proppenvollen Album deutlich. Skrillex bietet einfach so viele gute Momente an, dass der Ausschuss die Waage nicht bedeutend kippen kann. "É O Bonde feat. Chris Lake & RHR" vereint die beiden Herzen des Albums ideal – starker, housiger Track samt Skrillex-ID mit prägnanten Gäste. "SOMA" zeigt einen Skrillex, der seinen eigenen Stil nicht loswerden muss, weil er endlich wieder beweglich genug darin geworden ist.
Die lange Entstehungszeit war wahrscheinlich Fluch und Segen zugleich. Einerseits klingt vieles erprobt, gereift, durch Club- und Live-Kontexte auf Druckfestigkeit getestet. Andererseits fehlt manchmal der letzte albumhafte Zug, die zwingende Ordnung, die aus vielen sehr guten Aggregatzuständen ein wirklich unausweichliches Ganzes macht. Trotzdem ist "SOMA" deutlich mehr als ein bloßer Nachtrag zur späten Skrillex-Produktivität. Nach Jahren der relativen Albumstille und einer Phase fast überbordender, interessanter, aber teils fast trotziger Veröffentlichungen, zeigt diese Platte, warum Moore immer noch so interessant und relevant ist.


2 Kommentare
Ich mag ja komplexe Musik, die sich gerne gerne auch abstarkte Kunst tarnt. Aber hier fehlt mir irgendwie der Zugang. Dieses Dubstep Zeugs ist ohnehin noch nie so richtig an mich rangegangen, daher gibt es meist 2-3 Tracks mit denen ich was anfangen kann, der Rest ist dann irgendwie doch mehr Kunst, als Musik - für mich
Hört sich an, als hätte mein Computer Schluckauf mit Sprachfehlern