laut.de-Kritik
Eine Beleidigung für echte Musik.
Review von Elias RaatzEs gehört eine gewisse Dreistigkeit dazu, so etwas "Weltklasse" zu nennen und es dann Menschen als Musik anzudrehen. Dieses Album ist das akustische Äquivalent zu Mogelpackung und Etikettenschwindel: Olaf Malolepski alias Olaf der Flipper liefert eine Dreiviertelstunde konsequenten (und grottenschlechten) Beweis dafür, dass man auch ohne Idee, ohne Charakter und mit minimalem Aufwand ein maximal verwertbares Produkt herstellen kann. Übrigens ein Produkt, bei dem die Hälfte nicht einmal neu ist, sondern alter Rotz einfach wiederveröffentlicht wurde.
"Weltklasse" klingt nicht nach Musikmachen, sondern nach kreativer Arbeitsverweigerung in Stereo. Als hätte jemand gesagt: "Wir brauchen noch schnell ein paar Tracks, damit die Kasse klingelt", und dann wurde der nächstbeste Baukasten-Schlager über einen Four-on-the-floor-Teppich geschoben, bis es irgendwie nach "Song" klang. Alles ist billig, alles ist glatt, alles ist so lieblos zusammengeklebt, dass man fast Mitleid mit den einzelnen Tonspuren bekommt. Dieser 'Musik' können doch nur Menschen unironisch lauschen, deren Hörgerät seit fünf Jahren einen massiven Defekt aufweist.
Der Titeltrack klingt wie die unbearbeitete erste Antwort von ChatGPT auf den Prompt "Generiere mir einen fürchterlichen Schlagersong" – nur ohne den Charme, dass man darüber wenigstens lachen kann. Auch nach mehrmaligem Hören ergibt sein Inhalt einfach keinen Sinn. Ich verstehe jedes Wort, ich verstehe auch jeden Satz, aber in der Aneinanderreihung ergibt das alles … nichts: "Die Nacht wird zum Tage, bis morgen früh. Heute ist jeder gut drauf. Wir feiern Fiesta Mega, wenn wir um die Ecken zieh'n. Doch das Beste kommt jetzt, wie immer zuletzt und zum Niederknie'n. Sowas hat man noch nie gesehen, das ist Weltklasse!" Der erste Song und ich ertrage es bereits jetzt kaum noch.
Danach beginnt "No Problemo" mit der unfreiwillig komischsten Zeile des Albums: "Hey, mein Freund. Warum ist das Leben so schwer für dich?" Olaf, ich schwöre, ich wollte wirklich nicht, dass mein Leben schwer wird, aber dann musste ich dein neues Album hören. Wenn sich ein Track wie dieser anhört, als wolle er dich aufmuntern, während er dir gleichzeitig die letzten Hirnzellen einzeln aus dem Kopf kratzt, ist das schon eine spezielle Form von Performancekunst. Leider eine, die hier vermutlich nicht beabsichtigt war.
"Hey Hey Marina" ist dann tatsächlich so etwas wie einer der besten Songs des Albums. Und ja, die Messlatte liegt so tief, dass man sie eher ausgraben als überspringen muss. Aber immerhin: Eine Strophe baut auf die nächste auf und der Song handelt von einer zusammenhängenden Thematik. Das ist im Albumkontext schon fast progressiv. Textlich bleibt es trotzdem in der Kategorie "man kennt's, man braucht's nicht". Aber wenigstens wirkt es wie ein Lied und nicht wie eine zufällig zusammengewürfelte Wortliste: "Du bist cool, dein Body heiß, tausch Bikini mit Designerkleid. Du hast Sex-Appeal und davon ziemlich viel."
Der nächste Song behauptet, "Das Kommt Von Herzen", was aber eher wie eine Marketingfloskel scheint. Neben "Zieh Dich Warm An" ist es der Track, der dennoch am ehesten so tut, als hätte er musikalische Tiefe und Abwechslung. Und genau deshalb wirken diese beiden Songs wie ein Fremdkörper. "Ganz Weit Oben" macht anschließend da weiter, wo dieses Album sich am wohlsten fühlt: billiger elektronischer Beat, keinerlei Inhalt, null Talent. Gemeinsam mit den Songs "Herz An Herz", "Du Drehst Mich Um Auf Sommerzeit" und "Unter Freunden" könnte es genauso gut ein einziger Track sein – ich kann zwischen diesen Nummern beim besten Willen keinen Unterschied erkennen, außer, dass die Minutenanzeige weiterläuft. "Der Perfekte Tag" lügt einem dann noch direkt ins Gesicht: "Alles, was kommt, wird noch viel schöner."
Richtig unangenehm wird es bei "Drinking Wine Feeling Fine", weil dieser Song nicht nur musikalisch unterirdisch ist, sondern auch frechste Zweitverwertung. Das Ding war gefühlt schon überall, nur nicht dort, wo es hingehört, nämlich im Papierkorb. Und jetzt taucht dieser Track hier nochmal auf, der ursprünglich bereits als Single am 11. April 2025 veröffentlicht wurde – und zwar von Vincent Gross, nicht einmal von Olaf selbst, sondern nur mit ihm als Feature. Ende letzten Jahres war der Song dann ebenfalls auf Gross' Album "Prost!" vertreten, das ich damals (absolut zurecht!) als "eine musikalische Menschenrechtsverletzung" bezeichnete.
Dass diese Zweitverwertung nicht der einzige Fall bleibt, macht es nicht besser: "Mallorca Mallorca" (feat. Lorenz Büffel) quält einen dann mit diesem Four-on-the-floor-Ballermann-Schlager, bei dem ich mich am liebsten reflexartig in einem Sangria-Einmer ertränken möchte. Nur um es nochmal klarzustellen, beide Feature-Songs sind auf "Weltklasse" nicht als Remake erschienen, sondern eins zu eins in der bereits erschienen über ein Jahr alten Version. Muss man die Kunst wirklich so mit Füßen treten?
"Fang Das Licht" (feat. Pia Malo) ist dann der Punkt, an dem aus schlecht endgültig beleidigend wird – nicht nur für die Ohren, sondern auch für den deutschen Schlager und das Prinzip von Coversongs im Allgemeinen. Wenn man ein Original (wie hier aus dem Jahr 1985 von Karel Gott feat. Darinka) nimmt und daraus eine neue musikalische Komposition macht, kann das spannend sein. Hier ist es eher so: Man nimmt etwas, das mal funktioniert hat, und übergießt es mit Plastik-Sound, bis es sich anhört wie der billigste Artikel in der nächsten Nanu-Nana-Filiale aussieht. Über die im Vergleich zum Original unterirdischen Gesangskünste schweige ich an dieser Stelle besser, um das Wort "Kunst" nicht noch weiter zu strapazieren.
Und am Ende kommt "Wir Sagen Dankeschön – Version 2026": Der alte Brei der Flippers nochmal aufgewärmt, diesmal mit Techno-Beat drunter, ansonsten scheint das 2026 im Titel schon Innovation genug. Das wirkt beinahe wie Selbstparodie, aber ohne den Trost, dass sie wenigstens witzig wäre. Alles in allem eine Beleidigung für echte Musik.
"Weltklasse" ist kein Album, das einfach nur schrecklich klingt. Es ist eines, bei dem ich mich ernsthaft frage, wer hier wen für wie dumm verkauft. Diese Platte ist mehr als eine kreative Bankrotterklärung, Olaf der Flipper scheint mit seinen 80 Jahren längst künstlerische Insolvenz angemeldet zu haben. Es gibt Alben, denen gibt man einen Stern, weil man irgendwo noch ein bisschen guten Willen findet. Und es gibt Alben wie "Weltklasse", denen gibt man einen Stern, weil das Bewertungssystem leider keine Null zulässt.


7 Kommentare mit einer Antwort
Unerhört 5/5
Elias Raatz disqualifiziert sich selbst. Wer auch nur eine Zehenspitze in den Teich des Flipper-Lore getunkt hat, wird mit Olaf "O'Love" Flippers Album megaglücklich. Allein schon die Wechsel von Moll zu Dur... Gänsehaut.
Sag mal... Hast Du hier gerade klammheimlich einen Hosen(-Fan)-Diss untergebracht?
Ungehört aoty
Einer der größten Lyriker unserer Zeit.
Man gönnt sich ja sonst nichts
Olaf hat mal wieder seinen GOAT-Status bestätigt.