laut.de-Kritik
Das organischste Album des Wahlberliners.
Review von Toni HennigSascha Ring alias Apparat veröffentlichte vor sechs Jahren mit "LP5" sein letztes Studioalbum, das ein Jahr später eine Nominierung als Best Dance/Electronic Album bei den Grammys erhielt. Danach fiel er in ein kreatives Loch. Er musste sich laut eigenen Aussagen neu orientieren. Es folgte 2020 eine Serie überarbeiteter Soundtracks. Der Wahl-Berliner brauchte aber noch Zeit, um gegen seine Schreibblockade anzukämpfen.
Letztes Jahr fällte er eine Entscheidung. Er machte es sich zur Aufgabe, jeden Tag an einer neuen musikalischen Idee zu arbeiten, frei von jeglichem Druck und von jeglicher Perfektion. Irgendwann holte er die Ideen aus der Schublade und erkannte ein grundlegendes Motiv: Die Liebe, vor allem zu seiner Tochter. Die bündelte er zu "A Hum Of Maybe", das nun erscheint und das mit langjährigen Weggefährten wie Philipp Johann Thimm, der das Album auch mitgeschrieben und mitproduziert hat, sowie zwei Gästen entstand.
"Glimmerine" gestaltet sich mit tiefen Klaviertönen, Ambient-Sounds, sachten Drums und dem hauchzarten Gesang Rings zu Beginn noch als recht unauffällig, nimmt aber ab der Mitte eine tanzbare Wendung. Dabei kommen verspielt jazzige Töne nicht zu kurz. "A Slow Collision" gewinnt mit kreisenden Elektronik-Sounds und noisigen Einschüben nach und nach an Intensität, während intime Vocals den Track zusammenhalten. "Gravity Test" stellt ein kurzes, sphärisches Piano-Intermezzo dar.
In "Tilth" schmiegen sich die Stimmen von Sascha und Káryyn immer wieder genüsslich an. Obwohl das Organ der syrisch-US-amerikanischen Künstlerin in den Strophen mit allerlei Effekten daherkommt, klingt das Ergebnis immer organisch. Dieses Organische zieht sich wie ein roter Faden durch die Platte, gekrönt von einem dynamischen, lebendigen Mastering.
"Hum Of Maybe" versprüht mit kreisenden Drums und Pianotönen, flächigen Elektronik-Klängen, postrockigen Gitarren-Einsprengseln und luftigen Vocals Thom Yorke-Flair. "An Echo Skips A Name" steht ganz im Zeichen der Repetition und lässt sich zum Spannungsaufbau wieder einmal viel Zeit. Das Instrumental "Enough For Me" dringt schon fast in fluffige Chillhop-Sphären vor. Dabei hört man auch ein kurzes "Hallo, hallo" von Rings Tochter.
"Lunes" bildet eine R'n'B-artige Nummer, die dekonstruierte Töne und Glitches durchziehen. Trotz aller Experimentierfreude versprüht der Track durch die begleitende Akustik etwas Ruhendes und Fließendes. "Williamsburg" verbreitet mit Post-Rock-Klängen, ruhigen Klavierschlägen und brüchigem Gesang melancholische Mark Hollis-Stimmung.
"Pieces, Falling" mit Bi Disc erinnert zu Beginn an Koreless und hat etwas von elektronischer Kammermusik, die in der Mitte durch den Einsatz von Störgeräuschen und wilden, verschachtelten Beats aus allen Nähten zu platzen scheint. Das abschließende "Recalibration" fließt ätherisch vor sich hin, während der Wahl-Berliner mit seinen Vocals für beschwörend poppige Akzente sorgt.
Sascha Ring macht nicht grundlegend viel anders als auf den Vorgängern, verfeinert seine Musik jedoch an den nötigen Stellen. Die Songs haben im Vergleich zur Vergangenheit mehr Luft zum Atmen, sämtliche Details lassen sich präzise heraushören und die Gäste bringen etwas mehr Eigenheiten in den Sound. Am Ende steht Apparats bestes Album seit langem, wenn nicht gar sein bestes, gerade weil jeder einzelne Ton zutiefst durchdacht, aber auch offen, ehrlich und menschlich klingt. So viel Wärme findet man im Grunde kaum noch im elektronischen Bereich.


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