laut.de-Kritik
Die Crossover-Veteranen knüpfen an ihr Erfolgsalbum "Time To Move" an.
Review von Steffen EggertAnd that, kids, is how I met Crossover. Da müsste man natürlich noch "aus Deutschland" hinzufügen, da dieses beinahe in Vergessenheit geratene Genre seinerzeit schon einige Vorläufer*innen hatte, allem voran in den Vereinigten Staaten. Aufgeweckt und inspiriert von eben jenem skateboardenden Jungvolk, das einen quicklebendigen Querschnitt aus HipHop und Rockmusik im weiteren Sinne zu einem energetischen Cocktail zusammen rührt, gründen sich in Münster die H-Blockx. Mit "Time To Move" (1994) sind sie nach gefühlten Sekundenbruchteilen in aller Munde und vor allem auf immer größer werdende Bühnen. Mit viel songwriterischem Geschick und herausragenden musikalischen Skills erarbeiten sie sich den Status einer nicht mehr aus der Musiklandschaft wegzudenkenden Rockband. Period.
Als der Crossover-Stern sinkt, gehen sie mit der Zeit. Anstatt wie andere den Stiefel stumpf durchzuziehen, lassen sie einen sanften Wandel hin zum melodischen Alternative-Rock zu, werden aber im Laufe der Jahre ruhiger, ohne jedoch komplett zu verschwinden. Nach "HBLX" (2012) treten die Münsteraner immer mal wieder in Erscheinung, aber hörbare Endprodukte bleiben letztlich aus. Um so erfreulicher, dass man über eine komplette Dekade später, im Rahmen der Jubiläumstour des Debüts, ein Studioalbum ankündigt.
Kinder, glaubt es oder nicht, aber "FILLIN_THE_BLANK" setzt genau an der Stelle an, an der ihr gefeiertes Erstlingswerk endet. So widersprüchlich sich das jetzt auch anhören mag, aber es weht frischer Wind in einem lang ausgedorrten Terrain, und obwohl das berühmte Rad bewusst nicht neu erfunden wird, klingt alles neu und frisch. Möglicherweise hat die Labelheimat bei den immergrünen Knollmännern ihren Teil dazu beigetragen, aber es scheint, als sei die Zeit ohne Fraß an der Substanz vorbei gegangen.
"Straight Outta Nowhere", ballert passend betitelt mit einem unsagbar fetten Thrash-Riff aus den Speakern und hat einfach alles, was man sich von einer solchen Band wünscht. Die Produktion, die spürbare Spielfreude, Grooves, funkige Einlagen, Shouts und Rap-Parts. Es klingt als hätte es die Jahre dazwischen nicht gegeben. Gute Laune, Sommerfeeling, und nicht nur die tatsächliche Nennung, sondern auch klangliche Reminiszenzen an "Risin' High" transportieren die komplette Posse zurück ins Jahr 1994, in eine vergleichsweise unbeschwerte Welt.
Grooves und Raps dominieren nach wie vor große Teile des Geschehens, shout outs an die großen Beastie Boys und deren gerne schräge Elektro-Fills lassen sich kaum verhehlen. Songs wie "Lights Out" oder "Come Clean" hätten seinerzeit in den Five Boroughs ganz bestimmt keine schlechte Figur gemacht, wobei vor allem letzterer mit Stimmungswechseln in unterschiedlichen Parts arbeitet.
So ganz in der Vergangenheit bleiben die H-Blockx trotzdem nicht und lassen auch hin und wieder Ähnlichkeiten zu aktuellen Outfits wie etwa Turnstile erkennen, vor allem im aufgeweckten "Corns About 2 Pop", das sogar auf eine absolut nicht nervige Art mit Nu-Metal Anleihen spielt. Obwohl die Songs in der Spielzeit kaum über die Drei-Minuten-Marke gehen, bringen Rhythmus- und Tempiwechsel ausreichend Abwechslung und die durchgehend stimmige Atmosphäre lassen das ganze Konstrukt wie aus einem einheitlichen Guss erscheinen
Simple, an Samples erinnernde, aber geil eingesetzte Wiederholungen wie in "Beg To Differ (Bully)" oder dem leicht melancholischen, mit weiblichen Vocals versehenen "Desperado" schaffen Ohrwurmcharakter. Zudem fällt angenehm auf, dass wesentlich mehr klassischer Hip Hop in den Songs verbaut wurde, sehr selten leicht ungelenk wirkende, typische Crossover-Reime mit eben so typisch deutschem Flair. Einzig "What The Funk" und "Licky Licky" gehen ein wenig in die Richtung und wirken stellenweise etwa profan, stören aber den Glanz der restlichen Nummern nicht merklich.
Henning Wehland und Co. gelten schon seit je her als furiose Live-Band, und beinahe alle neuen Songs kommen wie für die Bühne geschaffen daher. Die vielleicht geilste Nummer des Albums, das punkige "Last Summer" geht easy als nachhaltiger Sommerhit durch. Die wirklich perfekte Symbiose aus kernigen Gitarren und einfach versiert eingebrachten Bass- und Drumparts erinnert an ewige Festivalheadliner wie Beatsteaks oder in Teilen an Bands wie Sum41.
Nachdem passend benannten, ebenfalls großartigen Funk-Rocker "Timeless" bleibt einiges zurück. Vor allem aber ein angenehmes Post-Party-Gefühl, angetretene Erinnerungen und irgendwie Bock auf alles, was da vielleicht wieder kommen mag.
Bisher die angenehmste Überraschung des Jahres!


6 Kommentare mit 3 Antworten
Ich find's unironisch gut.
Auf jeden... Mehr Hardcore-Vibes als wie bei Törnstyle
Deutsche Faith No More
Stimmt, wenn ich mir das anhöre, muss ich sofort an eine Midlife Crisis denken!
Der einzige Track, mit dem ich was anfangen kann, ist „Come Clean“.
Dann lieber mal wieder „Fly Eyes“ hören - das dritte Album der H-Blockx ist schön melodisch und ziemlich unterschätzt.
Absolut Geil die Scheibe, ich war total paff das die wieder so nen Geilen Sound machen. Hbe schon die einzelne Singles gesuchtet, das Album ist wirklich sehr gut geworden. Und es hat mier wieder aufgezeigt das die Jungs es in diesem Genre wirklich drauf haben.
Ich war schon vor Dir paff. Auch bevor es cool war.
Da hab ich mal wieder nicht uffgepafft.
Einfach nein. Wehland und seine Texte sind der Inbegriff von Cringe. Singles beide Fremdschamlevel 1000, mehr tue ich mir nicht an.
Common Lose:Lose-Situation:
https://www.youtube.com/watch?v=avUX3dFqZx8
Hab jetzt grad nochmal bei Wikipedia nachgelesen und bin tatsächlich etwas geplättet, denn: Henning Wehland ist ein deutscher Rockmusiker(!). Wer hätte das gedacht. Manche Dinge sind zwar irgendwie klar, aber wenn man sie schwarz auf weiß liest - oder mehrmals liest - klingen sie komplett verrückt.