laut.de-Kritik

Unterhaltsame Smooth-Grooves mit vielen Features.

Review von

Von Reichen kann man sparen lernen und womöglich auch Lotto spielen. Tausendsassa Shaggy eröffnet die "Lottery", denn er hat laut seinem neuen, dynamisch fetzenden Tune "Gotta Work" "bills to pay": "As a child I had big plans / grown-up to be a rich man (...) nothing don't come for free - gotta go for job number three." Shaggy gehört zu den wenigen Glücklichen im Musikbiz, die Rechnungen gewiss aus der Portokasse begleichen können. Dafür brachte er wenig mit, außer der Chuzpe, Genre-Grenzen frech zu missachten und interessant-nölig statt schön zu singen und zu shouten. Orville Burrell alias Shaggy machte sich mitsamt offenem Bekenntnis, keine Noten lesen zu können, Anfang der 90er nach seiner Armee-Zeit mit dem trockenen Raggamuffin "Oh Carolina" und dem smarten Jeans-Reklame-Song "Mister Boombastic" einen Namen. Schon recht bald ließ er sich für eine DVD beim Chiemsee Reggae Summer filmen.

So wie er "In The Summertime" von Mungo Jerry abermals an die Charts-Spitzen vieler Länder führte, gibt er heute auch zwei Klassikern von Bill Withers eine neue Ummantelung. Angesichts der weltweiten Flut von Withers-Samples und Interpretationen darf man da grundsätzlich skeptisch sein. "Lovely Day", neu als "Lookin' Lovely ft. Robin Thicke", würde in dieser Aufnahme auch auf ein Mary J Blige-Album passen. Kostprobe aus dem Text: "Soft kisses while hugging you (...) showing you how much you mean to me. - Auch "Ain't No Sunshine" handelt er in aller Kürze ab, kompakten 2 Minuten 22, gleichwohl davon wohl niemand noch ein weiteres Cover benötigt.

Covern aber weckt Erinnerungen und lässt daher die Kassen klingeln. Diese Lehre zog der Künstler mit dem unerschütterlichen Selbstvertrauen aus mehreren Stationen seiner Karriere. "Lottery" ist abseits von einem üppigen Weihnachtsalbum, seinem süßen wiederum covernden Sinatra-Tribute und einer EP nun das erste wirklich reguläre Studioalbum seit dem ambivalenten "Wah Gwaan?!" vor exakt sieben Jahren. Und rasch wird klar, dass es sein bestes seit "Boombastic" ist.

Es folgt dem bewährten Konzept von "Shaggy And Friends", beheimatet haufenweise Duettpartner. Dabei setzt der Meister auf einige, mit denen er konstant seit Jahren, Jahrzehnten oder schon öfter erfolgreich zusammen arbeitete, Leuten aus seiner Bubble: Rayvon, Sting, gleichwohl man diesen auf "Til A Mawnin' ft. Sting" beim Hören niemals identifizieren würde, Mutabaruka, Beres Hammond, der im Klangfeuerwerk von "Dancehall Nice ft. Beres Hammond, Dexta Daps" ein wenig untergeht, ferner Schmusesänger Anthony Hamilton und Noah Powa.

Andererseits beteiligen sich durchaus jüngere Dancehaller, Aidonia und der im Juli beim Summerjam auftretende Dexta Daps, der sich vor knapp zehn Jahren mal bei einer Deutschland-Tour vorstellte. Als ich Shaggy nach seinem Chart-Mega-Erfolg mit Sting interviewte, betonte er, drittmeist gestreamter Reggae-Artist weltweit zu sein und bedachte seine jüngeren Mitbewerber mit deutlicher Wortwahl. Sie könnten ihm eh nicht das Wasser reichen, außer Shenseea, welcher er zu einem Vertrag mit Interscope verhalf. Nun hat er sich wohl besonnen. Nach dem Motto 'Drei Jungs bewundern ein Mädchen' kümmern sich Shaggy, Aidonia und Akon um dieselbe wandelnde Schönheit. Im Lob auf deren "Boom Body ft. Akon, Aidonia" folgen sie Major Lazer im Verschmelzen von Pop, Stakkato-Dancehall und einem Schuss 90ies-Eurodance, in dieser Mixtur inzwischen vertrautes Terrain. Eher unbeschriebenes Blatt, durch die europäische Brille betrachtet, ist der jamaikanische Newcomer und Instagram-Star 450, auch genannt Chorus Gad. Das gemeinschaftliche "We Love Di Gal Dem ft. 450" groovt smooth als ungetrübter Party-Tune.

Seine gute Laune lässt Shaggy sich sowieso nicht trüben: Er blieb fortwährend im Modus der Hyperaktivität. Die Pandemie konnte ihn nicht aufhalten. Nachdem seine Zusammenarbeit mit diversen Majors weidlich ausgelutscht ist und er als Producer seltsame wie auch tolle Nebenjobs ausübte, versuchte er sich gänzlich independent und digital. Jetzt landet er wieder bei VP an, der Firma, mit der er bereits 2007 für seine achte CD "Intoxication" einen Deal schloss und die auch über die Lizenzen für sein zweites Werk "Original Doberman" verfügt.

Erwartbar waren auf dem neuen Werk weder Robin Thicke noch Vanessa Amorosi. "God Is Amazing ft. Mutabaruka, Vanessa Amorosi" taktet so dumpf wie atmosphärisch auf und bleibt angenehm geheimnisumwoben. Shaggy kreuzt hier Ragga mit Gospel. Mit seinem charakteristischen Näseln, das ursprünglich Kommandanten seiner US-Army-Zeit nachahmen sollte, knödelt er monoton, aber unterhaltsam durch die Strophen. Vanessa Amorosi und ein Frauen-Background-Chor (wohl mehrmals übereinander ihre Stimme) schwelgen beim Chorus dagegen in Melodie.

Neu ist auch die Zusammenarbeit von Mista Boombastic mit dem schon etwas vergessenen DefJam-Künstler Jeremih aus der R'n'B-Szene, den man zuletzt als Gast bei DJ Khaled vernahm. Rückkehrer Jeremih dockt an den mittlerweile angesagten pumpenden Basshall an. Zur "Lottery ft. Jeremih" symbolisieren sieben gelbe Lotto-Kugeln den Glücksspiel-Vibe auf dem Artwork. Verschmitztes Lachen inklusive, bestätigen sich die beiden Artists regelmäßig nach fast jeder Zeile gegenseitig, kommentieren oder quittieren mit "aha" das, was der jeweils andere gerade gesungen, skandiert oder getoastet hat.

Altmodisch im Stile von 50er-Jahre-Pop harmonieren Shaggy und sein vielfach erprobter Kollabo-Partner Rayvon in "In The Name of Love ft. Rayvon". Seit den frühen Neunzigern machen der gleich alte Kollege aus Barbados, bürgerlich Bruce Brewster, und der Mista Boombastic-tell-me-fantastic fast jedes Jahr ein gemeinsames Lied. Leider haben sie ihr Remake "If You Like Pina Coladas" (2025) keinem Album hinzugefügt. Entertainend ist die "Lottery"-LP in jedem Fall geworden. Shaggy klingt inspiriert und hört sich so wenig gealtert an, wie er ausschaut. Er bleibt der Crooner-faszinierte Charmeur, dessen lyrische Ichs immer noch grün hinter den Ohren bleiben, schwärmen und tagträumen.

Trackliste

  1. 1. God Is Amazing ft. Mutabaruka, Vanessa Amorosi
  2. 2. Lottery ft. Jeremih
  3. 3. Boom Body ft. Akon, Aidonia
  4. 4. Lookin' Lovely ft. Robin Thicke
  5. 5. Bun - She Loves Me
  6. 6. Dancehall Nice ft. Beres Hammond, Dexta Daps
  7. 7. Gotta Work
  8. 8. Ain't No Sunshine
  9. 9. We Love Di Gal Dem ft. 450
  10. 10. I'm Good ft. Anthony Hamilton
  11. 11. Sip By Sip ft. Noah Powa, Olaf Blackwood
  12. 12. In The Name of Love ft. Rayvon
  13. 13. Til A Mawnin' ft. Sting

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