laut.de-Kritik

Der Hypeman beschimpft Elon Musk in einem Dutzend Genres.

Review von

Genesis Owusu hat sich in den letzten Jahren als einer der wandelbarsten und zugleich charismatischeren Newcomer:innen erwiesen. Zudem ist er einer, der sich viele Visionen und Hüte aufsetzt. Er kann rappen, singen, sehr hypend rumblöken, er schreibt Texte und Instrumentals, er überlegt sich verspielte Albumkonzepte, er designt Mode, er scheint ein Dutzend Genres zu lieben und umsetzen zu wollen.

Auch wenn er all das bisher sehr gut gemacht und nur sauspaßige, mitreißende Alben abgeliefert hat, konnte man da immer noch ein paar Sachen bemäkeln, die bei all den hohen Zielen auf der Strecke blieben. Meckern auf hohem Niveau: "Smiling With No Teeth" war ein sehr vielversprechendes und herausstechendes Debüt – aber es war definitiv ein Debüt. So catchy und gekonnt die Genremischungen waren, so kreativ das Konzept mit den Black Dogs war, wollte das ganze Album doch etwas zu viel auf einmal. Ein paar zu viele Songs, von denen nicht alle musikalischen Ausflüge so gut wie andere funktionierten; als Konzeptalbum wirkte es dafür dann doch etwas unsortiert und wirr herumspringend. "Struggler" wiederum ging in die andere Richtung: Kürzer, musikalisch wesentlich klarer definiert und dennoch nicht auf ein Genre festgelegt; ein thematisches Konzept, das klar durchgezogen wurde – aber vielleicht etwas zu sehr. Zwar lieferte die Platte quasi nur Banger, aber am Ende schien doch jeder Song eine ähnliche Geschichte zu erzählen: Ich bin eine kafkaeske Kakerlake und struggle mich durchs Leben.

Wie sieht's nun bei "Redstar Wu & The Worldwide Scourge" aus? Der Titel riecht schon mal nach Konzeptalbum. Tatsächlich hat die Platte dieses Mal nicht so feste Tier-Motive und Konzepte wie die Vorgänger, aber Owusu konzentriert sich dennoch vermehrt auf bestimmte Themen. Statt um den persönlichen Struggles geht es um das, was in den 2020ern auf der Welt so vor sich geht: in Politik, in der High Society, im Internet, und wie all diese zusammenspielen.

So kriegen schon direkt in "Pirate Radio" in Ungnade gefallene Stars wie Elon Musk und Kanye West ihr Fett weg, da sie sich soziale Medien als letzte Bastion zunutze gemacht haben, um ihre hirnverbrannten Takes an die breite Masse zu vermarkten. Owusu manövriert das wie gewohnt bissig, aber nie zu ernst. Hörbare Abscheu trifft auf verspielte Referenzen, so etwa die Hook, die verdächtig an The Prodigys "Breathe" erinnert. In "Death Cult Zombie" haut er eine großartig memeworthy Disturbed-Anspielung raus, während er die in den Filterbubbles gefangenen Zombies verhöhnt – vielleicht ist David Draiman dabei ja bewusst mitgemeint.

Dass Genesis Owusu eine (noch) politischere Platte macht, lässt seine lyrischen Skills leuchten. Insbesondere "The Worldwide Scourge" sticht dahingehend heraus. Selten hat er sich so sehr die Seele vom Leib gerappt wie hier, und obendrein ist die Stimmung bedrückender und einnehmender als je zuvor. "A white woman walked towards me and our eyes locked to meet / Felt the fear inside the air as she moved to cross the street / Should I blame her for seeing me and picturing a threat? / Or the centuries of whipping that's keeping women in debt?"

Musikalisch ist die Platte wieder etwas diverser, hat aber ein paar Ausrutscher. Die langsameren und souligeren Songs zünden teilweise nicht so sehr. "See Ya There" oder "Song About Fishing" von den Vorgängeralben waren jedenfalls charismatischer als etwa "Situations" oder "Blessed Are The Meek". Letztere sind zwar unzweifelhaft gut produziert, aber schlicht nicht so packend komponiert. Insbesondere das Ende des Albums dümpelt dadurch etwas umher und ahmt seine Inspirationen nur noch nach. "Runnin Outta Time" ist ein enttäuschend langweiliger New-Wave-Alt-Rock-Pop-Song mit einer faden Metapher wie "What I'm seeing is guts on the timeline, I'm just following mine".

"4Life" ist das wohl überraschendste Experiment. Es will Internet-getönte Nostalgie erreichen, indem Owusu versucht, einen Yung-Lean-Song zu produzieren, dem er später ein paar Synths wie aus Aphex Twins "Selected Ambient Works Vol. II" beifügt. An sich ein spannender Versuch, aber die Atmosphäre kommt nicht so ganz auf; es klingt mehr klaustrophobisch als abgespaced. Zum Ende findet "One4All" dann einen okayen, optimistischen Abschluss auf einem Men-I-Trust-Typebeat.

Wenn Genesis Owusu hier aber kocht, kocht er verdammte Bretter. Die Singles gehen allesamt vorwärts und zeigen, wie physisch spürbar Owusus Delivery und Hooks reinknallen. "Stampede" ist einer der besten und most hype Songs des Jahres und reißt schlicht ab. "Life Keeps Going", "Pirate Radio" und "Most Normal American Voter:" spinnen den Sound von "Struggler" sinnvoll weiter. Das ist einfach eine Pocket, in der Owusu immer scheint: auf Beats irgendwo zwischen New Wave und Dance-Punk kommen seine Raps und Melodien immer energisch und catchy. Dass "Death Cult Zombie" das Ganze noch rockiger gestaltet, so als würden die White Stripes auf The Clash treffen, funktioniert ebenfalls.

So verhält es sich mit "Redstar Wu & The Worldwide Scourge" ähnlich wie mit den Vorgängerplatten: ein ambitioniertes, vielseitiges, in jedem Fall hörenswertes Album mit manchen der größten Banger des Jahres, wenn auch kein gänzlich rundes Werk. Genesis Owusu erinnert daran, dass er nicht nur sehr gut rappen kann, sondern auch ein scharfes Auge für die Gesellschaft hat. Durch den thematischen Fokus und die gut ineinanderfließende Reihenfolge der Tracks will das Album möglichst geschlossen wirken; zugleich will es aber etliche Stile ausprobieren. In einigen Fällen fusioniert Owusu daraus eine geradezu explosive Mischung, in anderen hätte man es auch bei einer B-Seite belassen können. Rock-Fans, Rap-Fans, Pop-Fans, Soul-Fans, für sie alle sollte das dennoch eine der aufregenderen Platten des Jahres sein.

Trackliste

  1. 1. Pirate Radio
  2. 2. Stampede
  3. 3. Hellstar
  4. 4. Falling Both Ways
  5. 5. The Worldwide Scourge
  6. 6. Blessed Are The Meek
  7. 7. Life Keeps Going
  8. 8. Most Normal American Voter:
  9. 9. Death Cult Zombie
  10. 10. Situations
  11. 11. 4Life
  12. 12. Runnin Outta Time
  13. 13. Big Dog
  14. 14. One4All

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