laut.de-Kritik

Rick Rubin und die Heartbreakers trotzen Parkinson.

Review von

Es hätte ein besseres Timing für ein neues Neil Diamond-Release gegeben. Aber meine Freude über "Wild At Heart" ist trotzdem riesig, denn es war lange fällig: 2014 erschien das letzte mit neuen Songs. "Wild At Heart" ist ein sehr gutes Album voller Eigenkompositionen, ruhig, geradlinig, akustisch, unprätentiös, gut durchgezogen. Es punktet mit ausschließlich sehr hübschen Melodien in Premium-Aufnahmequalität und mit dem Songwriter mit seiner sonoren Stimme, die sich gerne mal zu hohen Triller-Figuren hinreißen lässt, wenn man nicht damit rechnet. Insgesamt erleben wir hier also Neil Diamond, wie man ihn seit ziemlich genau 60 Jahren kennt.

Wieder mal lobt er den Trost spendenden Zauber der Musik in "Shine On" und feuert zudem seinen Sohn Jesse an, Drummer, Gitarrist, Songwriter, der schon mit sechs Jahren den Papa begleitete, sich aber nie allzu weit ins Musikbiz vorwagte und als Fotograf Karriere machte: "Love every song you sing / and give every song a way (...) music's the light you bring us, so take out your spark and let nothing get in your way." - Das Titelstück hat einen Country-Twist. Alle anderen neun Songs pflegen alle diese unique "Cracklin' Rosie"-"He Ain't Heavy"-"Song Sung Blue"-Handschrift, die keiner bisher nachgemacht hat. Manche haben ein etwas filigraneres Arrangement wie "You Can't Have It All", und manche sind schlichter, sehr reduziert wie "Talking It To Death".

"You Never Know" packt den Rock aus. Dieses sehr philosophische Stück bekommt jetzt eine neue autobiographische Bedeutung: Der mittlerweile schwer erkrankte Diamond beschreibt, sich wie in einem Käfig eingesperrt zu fühlen und Zukunftssorgen zu haben - und er appelliert daran, nie die Zuversicht zu verlieren. Unterm Strich ist das in Variationen das Thema aller zehn Stücke. Die Lieder sind allesamt aufmunternde direkte Ansprachen, Monologe an eine adressierte Person. Die Hälfte der Nummern beginnt schon im Titel mit dem Wort 'You'.

Erwähnt sei, weil es ein bisschen unterging, was im Januar geschah und einen Synergie-Effekt mit dem Album hätte eingehen können: Da lief recht kurz und ziemlich schlecht besucht in den deutschen Kinos ein toller Film unter dem Titel "Song Sung Blue", der viel Tragik, Scheitern und Kampf hochwertig verpackt. Das Thema: In den Neunzigern gab es (wirklich) einen ungewöhnlichen Neil Diamond-Imitator namens Mike Sardina. Er war Vietnamkriegs-Veteran, hatte viel durchgemacht, war trockener Alkoholiker und hangelte sich mit seiner gerade erwachsen werdenden Tochter durch eine Midlife-Crisis.

Der Plot, großenteils nicht fiktiv: Während Sardina für andere Projekte kaum gebucht wird, weil er unzuverlässig ist, lacht er sich eine Country-Cover-Sängerin als Ehepartnerin an, Claire, die ebenfalls Riesen-Neil-Fan und ein Crack an den Keyboards ist und mit ihm als Duo auftritt: Lightning And Thunder. Die beiden eröffnen gegen heftige Widerstände ihre Shows mit einem unterschätzten arabisch wirkenden Diamond-Stück, "Soolaimon" und gehen alles ein wenig alternativ an, wollen das ganze Bild des Herrn Diamant zeigen. Eigentlich entstammt dieser Song "Soolaimon" einer mehrteiligen Suite, die der Sänger nach einer Recherche im ostafrikanischen Kenia komponierte - ein frühes Stück 'Weltmusik' also, 1970. Ohne alles zu verraten: Zu den Highlights gehört, neben vielen sehr negativen Ereignissen, auch ein schönes: Dass Eddie Vedder mit diesem Cover-Duo zusammen auftritt; denn Neil inspirierte sogar Pearl Jam. Trotzdem hat der Film ein sehr bedrückendes Ende. Also der Tipp: "Song Sung Blue" mit Kate Hudson und Hugh Jackman gucken!

Die Geschichte hat sich in den USA weitgehend so zugetragen, in einer Zeit, als Neil Diamond in Deutschland keine wirkliche Rolle mehr spielte, wo er lange nur noch auf einen sehr harten Fan-Kern zählen konnte und erst 2005 eine Renaissance erfuhr. In den englischsprachigen Ländern war der Mann mit den buschigen Theo Waigel-Augenbrauen immer ein Verkaufsgarant, ob mit Tourneen, neuen CDs oder seinen insgesamt 37 (!) Best Of- und Greatest Hits-Alben, von denen 29 (!) Bestseller wurden. Wahnsinn! Da fragt man sich, wer das alles brauchte.

Was man wirklich gut brauchen kann, ist dagegen "Wild At Heart", weil es vom Prinzip 'weniger ist mehr' lebt. Es ist ein Wunder, dass Diamond diese Platte überhaupt auf die Reihe bekam. Seit acht Jahren struggelt er mit Parkinson, und das ist mehr als Zittern. Wer sich ein differenziertes Bild machen möchte, das einen nicht runter zieht, findet es in der Frank Elstner-Reportage über dessen eigene Erkrankung auf YouTube, und ähnlich wie Elstner hat Diamond sich mit seinen Handicaps arrangiert. Anders als der Moderator verlässt er zwar kaum noch das Haus, ebenso arbeitet er aber noch. Wer ein gutes Händchen für diese schwierige Konstellation hat und das schon im Umgang mit Johnny Cash bewies, sind Producer Rick Rubin, Tom Pettys Saiten-Spezialist Mike Campbell und sein Tasten-Virtuose Benmont Tench, der Erfinder solch unnachahmlicher Synth-Akkord-Patterns wie in "Don't Come Around Here No More", und sein E-Piano in "The Secret You" ist - Stand jetzt - mein originellster Instrument-Einsatz des Jahres 2026.

Das atmosphärische Zusammenspiel der beiden Heartbreakers klingt in "Forgotten" exakt wie damals mit Petty. Was wirklich neu eingespielt ist, was schon 2008 on tape kam, bleibt leider im Rahmen der öffentlichen Angaben nebulös. Ist aber auch egal, das Ergebnis zählt. Die drei, Tench, Campbell, Rubin haben vor 30 Jahren schon das superbe "Unchained" mit Johnny Cash zu Wege gebracht und nach dessen Diagnose auch "Man Comes Around" und "Solitary Man". Jetzt umrahmen sie Neil Diamond, der inzwischen Pflegefall ist, aber immerhin auf acht Enkel stolz sein kann und das Glück einer 29 Jahre jüngeren Ehefrau, die er zunächst als Managerin und Konzert-DVD-Producerin kennen lernte (was sie auch für Mötley Crüe und Guns'n'Roses war). Er ging ins Studio, so lange das noch möglich war. Praktischer Weise hat Rubin schon mit Neil Diamond von 2005 bis '08 gearbeitet, als der Sänger fit war. Damals entstanden die Demos zu neun der zehn Song-Juwelen, "Forgotten" erschien schon mal. Warum man die anderen bis eben jetzt nie herausbrachte, bleibt unklar.

Es gibt nichts zu verbessern. Diese Crew, zu der noch Matt Sweeney zählt, legt einfach sehr gut geschliffene, direkt ins Ohr gehende Singer/Songwriter-Juwelen vor und lässt ihnen perfekte Arrangements ohne Experimente angedeihen. Um es kristallklar hervorzuheben: Diese Scheibe hat nichts mit Schlager oder der süßen Soße zu tun, die stellenweise an Diamond-Aufnahmen klebte. "Wild At Heart" ist eher ein Cat Stevens-Album mit der Stimme und den Texten und Kompositionen von Mister "Sweet Caroline". Ein Album zum Wohlfühlen von einem, der natürlich nicht "Forgotten" ist!

Trackliste

  1. 1. Wild At Heart
  2. 2. You Can't Have It All
  3. 3. Talking It To Death
  4. 4. Shine On
  5. 5. The Secret You
  6. 6. You Never Know
  7. 7. You're Getting To Me
  8. 8. You Still Look Good To Me
  9. 9. You're My Favorite Song
  10. 10. Forgotten

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