laut.de-Kritik

Schlüppi von gestern, Feminismus von morgen.

Review von

Nach über zehn Jahre im Musikgeschäft traut sich Sarah4K erst jetzt mit ihrem Debütalbum "Okay?!Vol.1", ihren Namen richtig laut in die Welt hinauszuschreien. Natürlich fällt das etwas leichter, wenn man bereits mit Ikkimel und Co. in guter Gesellschaft ist. Sie rappt nicht nur darüber, ihr Ding durchzuziehen, sie macht es einfach, und das in bester 2000er-Nostalgie-Manier.

Auf unerklärliche Weise erinnert mich das "Intro (Okay?!)" sehr an Jay-Zs und Alicia Keys' "Empire State Of Mind". Sarah schlägt zwar härtere Töne an, löst damit aber ein ähnliches Gefühl der Unbesiegbarkeit aus. Den Sound erweitert sie in "3D" noch mal und rotzt eine Line nach der anderen zum Beat. "Extensions bis zum Arsch / Genau so fotzig muss Rap sein".

Die ersten Grundklänge finden sich auch im dritten Track wieder. Mit "Nissan Skyline" vertont sie den Hype um das Auto von Paul Walker in "2 Fast 2 Furious" und macht sich das Motto des Actionfilms zu eigen. Nostalgie muss nicht immer bittersüß klingen, sie kann auch knallen. Gemeinsam mit dem Aachener Hip Hop-Duo $ono$ Cliq und Produzent Uncle F trippt sie auf Y2K-Referenzen. Mit "G-Star Low-Waist, Boxershorts pink / Dip-Dye-hair und der Atem fresh mint" schwimmt sie mit dem Back-To-2016-Trend, der gerade auf Social-Media herumgeistert, im Strom. In Interview mit Diffus sagt sie, dass die ganze Social-Media-Promo eher affig findet.

Nicht wirklich ernst nimmt sie auch ihre Hater. "HDF" ist ein Bilderbuch-Diss, in dem Sarah4K mit Sexismus in der Musikbranche abrechnet. "Wenn Männer canceln HipHop ist, dann bin ich ein MC". Für Hater hat sie nichts übrig als verachtendes Mitleid.

In den nächsten zwei Songs zementiert Sarah ihren Ruf als Anti-Clean-Girl, im tiktoker Fachjargon auch "Sleaze" genannt. So wie Charli XCX stellt sie Chaos über Perfektion, eine Gegenbewegung die auch im Pop-Mainstream funktioniert - wie zuletzt Dara beim ESC 2026 bewiesen hat.

Von der messerscharfen Ballermann-Party auf "SPRING BREAK" bluten die Ohren. Statt mit einer sexistischen Layla-Kopie feiert die Rapperin ihre Weiblichkeit auf ihre eigene Art - Peak Selbstbestimmung, wenn ihr mich fragt. Und weil wir ja gerade auf Urlaub sind, schiebt Sarah noch den größten Banger des Album nach, inklusive Gitarrenintro, das aus einer Narcos-Folge entsprungen sein könnte.

Sarah selbst hat Drogen bereits vor über einem Jahr aus ihrem Leben verbannt. Dass die feministische Botschaft von "Puta Madre" für manche zunächst eher Spanisch klingt, liegt nicht nur an den fremdsprachigen Lyrics. Die Musikerin betreibt hier sogenanntes Reclaiming: Den Titel, wörtlich übersetzt eigentlich eine abwertende Beleidigung, verwandelt sie in einen selbstbewussten Ausruf, mit dem sie sich nimmt, was sie will.

Zusammen mit Fotzenrap-Kollegin Mariybu vollendet sie ihr zehnteiliges Debütwerk. Ohne Major Label betont sie in "DIY" und enttabuisiert im selben Atemzug Masturbation, unterstützt von treibendem Acid und retro 8-Bit-Chiptunes. Obwohl bei dem Track auch Ikkimels Produzent GX 488 mitarbeitet, züngelt "Okay?!Vol.1" musikalisch definitiv giftiger als "Poppstar". Ich bin davon überzeugt, dass das gesamte Album auf einem fetten Festival die Hütte abreißen würde. Es eckt an und löst in mir eine Wut aus, von der ich nicht mal weiß, wogegen sie genau gerichtet ist. Um "Okay?!Vol.1" aber am Schreibtisch sitzend zu hören, braucht es Nerven aus Stahl.

Trackliste

  1. 1. Intro (Okay?!)
  2. 2. 3D
  3. 3. Nissan Skyline
  4. 4. Autoscooter
  5. 5. HDF
  6. 6. Batzen
  7. 7. Clean Girls
  8. 8. SPRING BREAK
  9. 9. Puta Madre
  10. 10. DIY

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