laut.de-Kritik
Suffering from success.
Review von David Maciej LaskowskiÜberraschung, OG Keemo droppt seine neue EP "Berserker +". Gerade jetzt, wo er in einer merkwürdigen Phase seiner Karriere steckt. Seit man ihm nachsagte, zusammen mit seinem Producer-Buddy Funkvater Frank mit "Mann Beisst Hund" eines der besten Deutschrap-Alben aller Zeiten aufgestellt zu haben, fühlte sich alles, das darauf folgte, wie Sidequests an. Gute Sidequests, keine Frage: Das Album "Fieber", Kollaborationen mit Gerda, Haftbefehl, ja sogar Conway The Machine und vielen mehr sowie zwei Singles mit Shindy und Ramzey, die in den Charts landeten.
Trotzdem beschleicht mich das Gefühl, dass nichts davon den Tiefgang von "Mann Beisst Hund" erreichte. Soll man jemand ständig nur an seinem besten Werk bemessen? Ich gönne es Karim ja trotzdem, dass er sich danach erstmal dazu entschied, einfach das zu tun, worauf er Bock hatte, wenn ich mich an die Zeilen des Outros seines letzten Albums erinnere: "Das ist wie ein Reboot, ich muss wieder lernen, wie man Musik liebt / Und obwohl ich nur von Tasche oder Sloppys prahl' / Werden sie sich in der Woche, wo ich droppe, trotzdem fragen, was es zu bedeuten hat / Ich hatte Fieber, neunundneunzig Grad, und wollt dasselbe fühl'n, als des noch Hobby war."
Da stelle ich mir Keemo wie Brian aus dem Monty Python-Klassiker vor, wie er vermutlich davon genervt war, plötzlich von allen als Messias des deutschen Rap-Games angesehen zu werden. Zumindest ich habe in den vier Jahren seit "Mann Beisst Hund" auch etwas Interesse an ihm verloren, bis er kürzlich "Blind" veröffentlichte. Gewohnter High Standard in Sachen Keemo & Franky, ein majestätisches, gleichzeitig horrorhaftes Sample auf einem Trap-Loop, und Keemo haut wieder fette Punchlines, Referenzen und Representer-Bars raus. Zumindest auf andere Rapper herabsehen und flexen kann vermutlich kaum jemand in Deutschland so gut wie er: "Die N***** sind Stadtwerke und bringen Abwasser raus und machen noch Mill'n damit / Die N***** sind Predators und ich rede nicht ma' von den'n aus dem Achtziger-Film", oder: "Ich erfüll' jedes Poser-Cliché / Ich will Patte, Klamotten und große Coupés / Und jegliche Edelmetalle aus dem Periodensystem."
Dennoch kamen wieder Zweifel auf: Geht die Sidequest jetzt einfach nur weiter? Flext er wieder in den lieben langen Tag hinein ("N***** hab'n sich gefragt: 'Ist das der Einser-Award oder macht ihm die Kohle bequem? / Vielleicht hat er ein Drogenproblem, ich hab' ihn's letzte Mal im Oktober geseh'n'")? Zumindest gab es auf dem Track letzten Endes doch Anzeichen, dass da mehr kommen könnte: "26 wird unangenehm." Nachdem das Musikvideo zu "Blind" erschien, folgte zur letzten Mitternacht der Rest der EP, und hier erweckt er den Eindruck, dass sich die Schattenseiten des Erfolgs zunehmend manifestieren.
Der Opener "Chaos" hält, was sein Titel verspricht. Funkvater Frank choppt das schaurige Streicher-Sample und ordnet es wirr um, während OG Keemo vergeblich nach einem Ziel auf dieser Welt sucht. Zwar bleibt weiterhin die Jagd nach etwas Barem eine Art Anker ("Bitch, ich jage um mich schlagend an grauen Tagen nach bunten Farben / Hunger haben, Hunger still'n, Hunger haben"), doch er erkennt, dass auch das wenig zielführend ist: "Ich folge meiner Stimme, doch wohin ich auch gehe / So, als ob ich mich nach hinten bewege." Auch lässt sich ein Motiv erkennen, das sich immer wieder auf der EP zeigt: "Und diese Welt noch immer am dreh'n, Hoe, das ist schwindelerregend."
Auf der Jagd nach "bunten Farben" bzw. Geldscheinen steigert er sich auf "Mehr" maximal in seine Habgier rein: "Der Planet ist dreißig Prozent Land, doch ich brauche mehr." Frankys Dirty South-Beat erinnert an eine psychotischere Version von "Civic", opulent und extrem bedrohlich, besonders in Kombination mit Keemos an den mythologischen Midas erinnernden Hunger nach mehr und immer mehr Gold: "Der ganze Bauch voll Klunker, doch nichts stillt diesen Hunger / Solang dreht sich diese Welt / Die Mio macht mich fett / Die Roli ist ein Snack, die goldene Kette schmeckt so / Ich fress' hundert Hoes auf und die Haut ist goldbedeckt." Die Todsünde der Habgier leitet in Ramzeys Hook regelrecht zur Gottesverhöhnung über: "Nicht Moses, im Süden wird nicht mehr geteilt."
Auch wenn "Mehr" mein Highlight auf der EP ist, beherbergt "Hass" eine von Funkvater Franks bislang interessantesten Produktionen. Jersey-Club-Drumpatterns treffen auf eine aggressive, Industrial-artige, wie Stromschläge klingende Atmosphäre, passend zum apokalyptischen Bild, das Keemo mit seinen Lyrics zeichnet: "Steh' auf dem hundertsten Stock, schmeiße Hunnis aus dem Fenster / Der Bundestag wurde geentert, vor der Bundesbank hängen die Bänker / Der ganze Planet steht in Flamm'n, die Asche lässt Juli ausseh'n wie Dezember."
"Auge" hingegen entspannt die überladene Situation mit einem lässigen Trap-Beat auf einem Gitarren-Loop. Gleichzeitig nimmt Keemos sinnlose Jagd nach Ruhm und Reichtum deprimierende Ausmaße an: "Kohleberg hoch wie der Kaukasus, Schädel dreht sich wie ein Schraubverschluss / Deine Freiheit kann ich mir nicht kaufen, deshalb schau' ich, dass ich alles andre kaufen muss." Es folgt ein Refrain mit der Sängerin Maïa: "Jeder Segen nicht echt, jedes Wort ist gestellt / Die Welt dreht ihre Runden und ich dreh' mich um mich selbst." Letzen Endes kümmert es die Welt nicht, wieviel Geld Keemo anhäuft. Und wenn ich daran denke, dass Rapper ihren Erfolg und ihre Reichtümer zu oft nach stupidem Prosperity-Gospel-Schema auf göttlichen Segen bzw. "Blessings" zurückführen, macht es diese Hook um so besser, da hier der Spieß umgedreht wird.
Nebenbei lässt sich Azad auf der EP immer wieder blicken: "2026, wir brauchen mehr, Junge! Die Welt brennt, Junge!" Seine Skits erinnern öfters an den Erzähler aus "Mann Beisst Hund", der immer wieder solche Dinge sagte wie: "Die Welt geht vor die Hunde." Könnte das ein Zeichen dafür sein, dass ein größeres Projekt auf uns wartet? Warum das Pluszeichen? Soll das ein Vorgeschmack auf ein größeres Album namens "Berserker" sein?
Auf der Website berserker26.de deutet ein Countdown an, dass in knapp einer Woche noch mehr auf uns zukommt. Die Website ist verziert mit Barockgemälden. Dabei fallen einem Leitmotive wie die Vergänglichkeit der Welt ein, die sich schon in der EP zeigten. In naher Zukunft wissen wir vielleicht mehr, was genau es damit auf sich hat. Solange präsentiert sich "Berserker +" als vielversprechend und vor allem ambitionierter als OG Keemos & Funkvater Franks letztes Album.


12 Kommentare mit 94 Antworten
5/5 EP des Jahres, Franky bester Producer.
Ich höre das nur wegen Frank. Über Producer. Keemo wäre ein besserer Rapper wenn er weniger ekelig wäre. Soll seine kleine Schwester Sloppy Head Hoe Fick Fucken und Bitchen.
Bro spielt Magic: The Gathering
Bro liest Harry Potter und schaut Game of Thrones
Bro schaut Pro Wrestling
Bro kennt den Unterschied zwischen Judith und Salome.
Bro erkennt die Form von einzelnen Dino Nuggets mit verbundenen Augen nur am Geschmack.
Bro hat offensichtlich immer noch keinen geblasen bekommen.
Bei Fieber hab ich noch gedacht, okay, das wars jetzt auch mit Keem.
Aber das hier... wieder eigene Klasse, fernab jeder Konkurrenz.
5/5
Ich habe Keemo unterschätzt, das Teil ist auch inhaltlich ein Meisterwerk gleichen Kalibers wie Mann Beißt Hund, meine Interpretation kommt demnächst.
https://ancientcave.blogspot.com/2026/05/o…
Ich danke Caps herzlich für diese Textinterpretation, der ich in fast allen Punkten zustimme.
„Mehr“ hatte ich weniger als autobiografischen Rückblick und mehr als allgemeine Reflexion über unser Leben im Spätkapitalismus gelesen, die autobiografische Lesart macht aber auch Sinn.
Insbesondere die Frage, wie man die Lyrics von „Hass“ nicht checken kann, habe ich mir auch gestellt.
Allgemein freue ich mich, dass Capsi seine Meinung, die Lyrics seien nicht das zentrale Element, revidiert hat, weil ich mich schon fragte, ob mein Hirn durch Fanboi-Tum inzwischen komplett verballert sei, dass ich so viel da reininterpretiere.
Weiterhin sollte Keem ma langsam zu dem Kendrick-Vergleich stehen.
"Abgeschlossen wird das ganze durch die Rückbesinnung auf den Character, die Rolle, die er spielt als OG, das was er vielleicht mal war, jetzt aber nicht mehr ist."
Ja, diese ganzen Perspektivsprünge und biographischen Referenzen (echter OG, alter OG, OG als Character), die du hier sicherlich begründet interpretierst, gehen an mir als jemand, der nur wenig vertraut ist und nur mal "reinhört" halt komplett vorbei.
@gueldi: Ich war halt blind, geblendet von Frankys Beitrag, und weil der so stark ist scheue ich auch davor zurück zu sagen, dass die Lyrics das zentrale Element sind.
Bezüglich der Ambivalenz auf Mehr (und in Stücken auch auf Auge): Ich bin mir sicher, dass das gewollt ist, dass er es extra so geschrieben hat, dass es halt auch ein typischer Gangsta-Representer ist, wie er beispielsweise in Form von Malik schon auf MBH zu finden war und auch auf Geist immer wieder vorkam. Ein anonymer Kommentar unter dem Blogeintrag sagt ja: "OG Keemo sagt auf der EP zum ersten Mal explizit die Sachen, die bei Geist und seitdem implizit klar waren, wenn man ihm zugehört hat. " Und da muss ich zumindest retrospektiv zustimmen, wobei ich sagen muss, dass mir nicht klar war, wie bewusst ihm war ist, wie bewusst er diese implizite Systemkritik eingebracht hat oder wie sehr ich sie nur darin gefunden hatte. Und ja, Kendrick-Vergleich ist mehr als überfällig, ich bin dermaßen gespannt, was uns nach ablauf des Timers bevorsteht.
@Gleep: Fair, ich habe es ja selbst erst nicht gesehen. Auch bei Mann Beißt Hund habe ich ein paar Durchläufe und intensives Nachdenken gebraucht, um die Story so weit zu verstehen, wie ich jetzt denke, dass ich sie verstehe. Ich spiele schon länger mit dem Gedanken zu Mann Beißt Hund etwas ähnliches zu machen, wie ich es hier fabriziert habe, meine Lesart erklären halt, aber das hier hat mich jetzt schon um einiges Schlaf gebracht, und ich bin nichtmal zufrieden damit, ich wollte es nur schnell rausbringen, weil ich den Drang verspürte mitzuteilen, wie sehr ich mich irrte.
Sehr nice Ansätze und einiges dabei, was mir bei den wenigen Durchläufen bisher noch nicht aufgefallen ist - top!
Würde gern lesen, was Du dazu meinst, dass es in (glaube ich) jedem Track eine "Der Planet..."-Line gibt, außer im letzten, dort dann aber Keemo selbst die Schwerkraft überwindet?!
"Dass ich vom Boden abhebe, ist sehr nah
Denn mich hält keine Schwerkraft
Dreh' meinen Körper noch weiter, es ist der Berserker"
Uh, interessant. Ich hab einige Sachen aus Zeitgründen oder weil ich die zu spekulativ fand rausgelassen, das war aber keine davon. Das sich der Planet dreht schon, aber nicht, dass das Thema in jeder Anspielstation vorkommt und auch nicht die Überwindung der Schwerkraft. Aber Drehung ist auch viel dabei, und zwar nicht nur der Planet, sondern auch sein Kopf, und dann noch hundertachtzig grad, was im ersten Track auf die Drehung bezogen ist, in Hass aber auch mit Temperatur verbunden wird. Und dann, nachdem Welt und Kopf sich gedreht haben, steht die Welt Kopf. Dann dreht sich der Schädel wie ein Schraubverschluss. Und in der letzten Zeile dreht er schliesslich den Körper.
Lässt sich ziemlich einfach was mit Perspektiv- und Haltungswechsel draus machen.
"Der Planet ist 30 Prozent Land, doch ich brauche mehr/Meer" vor dem Hintergrund eines Klimawandels durch eine Wirtschaft, die immer mehr Wachstum braucht, auch eine starke Line...
Macht mich echt neugierig alles... Wäre extrem nice aus meiner Sicht, wenn das ein lyrisches Sprungbrett für ihn sein könnte und er ENDLICH mal dieses ewige Erzählen nur über sich und sein Leben überwindet zugunsten anderer / "größerer" Themen. Das poetische Zeug dazu hat er eh längst
Da habt ihr euch aber tief reingekniet.
Keemo ist textlich im aktuellen Deutschrapgarten zweifellos ein Riese unter Zwergen.
Ich hab trotzdem das Gefühl, dass er sich durch ein, zwei Marotten versaut, um eine noch wohlwollendere Rezeption bringt.
Zum einen bringt er neben sehr guten auch ein paar wirklich corny Vergleiche (Rey Mysterio), die ihn immer noch wie einen Berufsjugendlichen wirken lassen.
Auf der anderen Seite betreibt er selbst Cosplay, wie er es anderen Rappern vorwirft. Manche seiner Lines wirken einfach wie aus einem Amirap-Album abgehört und die authentischen Aspekte seiner "Gangster-Persona verschwimmen immer wieder mit seiner Rolle als "freizuspielender Charakter".
Da mir der rotzige auf die Fresse Keemo aber eh am besten taugt, soll mir das recht sein.
Wusstet ihr, dass es 2023 eine Tagung im Brecht-Haus Berlin gab, die hieß: "Gebt OG Keemo den Büchner-Preis! Literaturwissenschaftliche Perspektiven auf Deuschrap."
Wusste ich i. e. S. des Konzepts "Wissen" nicht, kommt mir aber irgendwie dennoch bekannt vor...
Die Tagung ist komplett online verfügbar (youtube). Es spricht u. a. Grim 104. Geht viele, viele Stunden, ich hab nicht alle Beiträge angehört. Ob wirklich für OG Keemo der Büchnerpreis gefordert wird, weiß ich nicht, der Titel könnte auch provokativ gemeint sein. Wenn ich mal Zeit hab, hör ich mir mehr an....
Bis auf Auge+Blind reisst mich hier nichts mit. Anscheinend ist das Duo so unantastbar, das alles mittelmässige vergoldet wird.
Ich habe Keemo überschätzt.
Aber des crazy67 8 und Brunnen
https://youtu.be/ImOGnznNV4A?is=ekFj80uqyM…