laut.de-Kritik
"Herr, erbarme dich": Sechs neue Songs über Glaube und Hoffnung.
Review von Michael Schuh"Wir sind im Studio und arbeiten weiterhin an einem lauten, wilden, 'unvernünftig farbenfrohen' Album, das wir live spielen können ... denn genau dort sind U2 zu Hause", erklärt uns Bono. Letzteres muss man nicht verargumentieren: Wer U2 einmal live erlebt hat, weiß, dass der Sänger recht hat. Ob wir aber jemals noch ein lautes, wildes U2-Album zu Gehör bekommen, darf man angesichts der vorliegenden EP getrost bezweifeln.
"Easter Lily EP" folgt nur wenige Wochen auf die "Days Of Ash EP", insgesamt sind das schon zwölf neue U2-Songs. In früheren Zeiten quasi eine normale Albumveröffentlichung, aber die Iren erinnern sich ganz offenbar an ihre wilden Zeiten Anfang der 90er: Mitten auf der gigantomanischen Welttournee zu "Achtung Baby" nehmen sie im Vorbeigehen zehn Songs für "Zooropa" auf und verwendeten insgesamt wohl am meisten Zeit darauf, Johnny Cash für eine Teilnahme zu überreden.
Heute fragen sie Ed Sheeran (auf "Days Of Ash") und auf der neuen EP immerhin Produzent Brian Eno, mit dem sie eine lange gemeinsame Zeit verbindet. Der Titel deutet es schon an: "Coexist (I Will Bless The Lord At All Times?)" fordert einmal mehr die friedliche Koexistenz von Religionen und sehnt sich nach Respekt und Harmonie, was die politische Weltlage im Jahr 2026 leider nach wie vor vermissen lässt.
Musikalisch greift Ambient-Erfinder Eno zu tragenden Synthsounds, über die Bono mit bibelnaher Metaphorik tragische Schicksale aufzählt und sie in Beziehung zu seinem hart errungenen Glauben an einen Schöpfer setzt: "There's not so much road left here and no road signs / Drones hover without any consciousness over war crimes / I will bless the Lord at all times?" Das Fragezeichen steht zumindest auf dem Papier sinnbildlich für seine Enttäuschung in Zeiten verheerender Kriegsverbrechen, im Song wirkt sein gebetsartiger Vortrag mit der sich wiederholenden Zeile "I will bless the Lord at all times?" eher wie die Dankbarkeit eines Gläubigen. Die letzten 50 Sekunden singt Bono acapella und setzt dem pathetischen Song damit die Krone auf.
Der EP-Titel sei an Patti Smiths Albumklassiker "Easter" angelehnt, verpasst es aber, dem Rock'n'Roll eine ähnlich frische Injektion zu verpassen. Gleich "Song For Hal" gniedelt mit den gewohnt klirrenden Edge-Gitarren leger am Ohr vorbei, ohne Eindruck zu hinterlassen. Der Gitarrist greift hier sogar selbst zum Mikro und ehrt den befreundeten, während Covid gestorbenen Musikproduzenten Hal Willner.
Den bedächtigen Ton führt Bono auf den folgenden Songs fort. "In A Life" und "Scars" klingen wie ein Mix aus zehn Liedern ihrer Nullerjahre-Alben, erst der "Resurrection Song" lässt wieder aufhorchen. Bono singt von einer Pilgerreise mit einem Freund, erlaubt sich einen Schuss Selbstironie ("If I sound ridiculous I'm not done yet") und findet endlich wieder die Türe zu diesen hymnischen Refrains, die seine Band vor vier Jahrzehnten berühmt machte.
In "Easter Parade" klingt Bono im Refrain beim Singen des Titels sogar an manchen "War"-Song, geschickt kombiniert die Band hier ein schön springendes Bass-Riff von Adam Clayton mit einer Keyboard-Melodie - man muss aber eben auch Bonos mantrahaftes "Kyrie Eleison" am Ende aushalten können.
Es sollte nun niemanden verwundern, dass eine Band wie U2 in der aktuellen Zeit Themen wie Glauben, Hoffnung und Erlösung noch pathologischer auseinandernimmt als sowieso schon. Daher verweisen der Titel "Easter Lily" sowie das Cover-Artwork auch auf die Wiedergeburt und Erlösung der Auferstehung Jesu Christi und wurde pünktlich zu Ostern veröffentlicht. Jeder weiß also vorher schon, was einen erwartet. Dies gilt leider auch in weiten Teilen für die Musik. Man wünscht sich daher einen etwas anderen Bedeutungskontext, wenn Bono in "Scars" zu diesen Worten ansetzt: "You won't know who I am / The next time we meet."


1 Kommentar
Milliardär für eine Bessere Welt, Bono fuck yeah!