laut.de-Kritik
Es geht ein Gespenst um auf diesem Album.
Review von Yannik GölzKürzlich hat ein großer Artikel gefragt: Kann Drake jemals "Not Like Us" entkommen? Und meine intuitive Reaktion war - na klar, warum nicht? Es kam ja nicht von ungefähr, dass der Kerl aus Kanada in den Zehnerjahren ungefähr acht Sommer am Stück den Rapsong des Sommers hatte. Sobald er mal wieder ein "Passionfruit" oder ein "One Dance" an den Start bringt, dann juckt die streamende Allgemeinheit doch auch nicht mehr, dass er von Kendrick kassiert hat.
Jetzt ist sein lang angekündigtes Album "Iceman" endlich draußen (und irrerweise noch zwei weitere, aber dazu mehr an anderer Stelle) und ich sehe eine Eventualität, die ich bisher übersehen habe: Vielleicht kann Drake "Not Like Us" nicht entkommen, weil es zu tief in seinem Kopf lebt?
Auf vielen Ebenen ist "Iceman" ein solides Drake-Album. Viele von den üblichen Fehlschlägen seiner sonstigen Alben der letzten Jahre bleiben hier aus. Kein "Meet Your Padre", kein "Girls Like Girls". Das ist schon einmal etwas. Stattdessen bekommen wir eine Menge bissige, gallige Tracks, in denen Drake durchrappt und mit dem Rücken zur Wand Bars in alle Richtungen verteilt. Dahingehend entstehen richtige Highlights.
"Make Them Pay" zum Beispiel ist so einer. Da haut er tatsächlich mal wieder richtig aufs Gas, was die Texte angeht. Er holt ganz Young Money nach Los Angeles, ergo "you see the whole YM in CA just like The Village People". Rick Ross bekommt für Streaming-Fraud auf den Deckel - und dieses ziemlich schön konstruierte Wortspiel rechtfertig fast den Namedrop des hochnotpeinlichen Maga-Streamers Adin Ross: "Dog, I was aidin' Ross with streams before Adin Ross had ever streamed". Auch DJ Khaled auf den Deckel zu geben, dem trotz seiner palästinensischen Wurzeln die Zustände in seiner Heimat relativ egal scheinen, fühlt sich nicht verkehrt an. Das dann minutenlang ohne Hook über ein wirklich wunderschönes Instrumental des sehr interessanten Newcomers Ovrcast zu legen? Absolut ein Moment.
Später wird das für fünf Minuten über Griselda-Producer Conductor Williams auf "Firm Friends" gespiegelt, die Lines über LeBron James sind unterhaltsam genug. "Whisper My Name" und "National Treasures" bringen die Epik und die Gym-Playlist-Fähigkeit mit, an der er sich auf der Leadsingle "What Did I Miss?" noch etwas verhoben hat. Klanglich drehen die ordentlich auf.
Theoretisch ist "Iceman" also das wesentlich weniger schnickschnackige, auf die Bars und die Energie fokussierte Drake-Album, nach dem Fans so lange nun schon betteln. Und trotzdem funktioniert es einfach nicht komplett so, wie es sollte. Und das hat einen Grund. Denn es geht ein Gespenst um auf diesem Album. Und dieses Gespenst heißt Kendrick Lamar.
Mit einem Rick Ross oder einem DJ Khaled wird Drake in einer Line fertig. Aber vom verunsicherten Intro "Make Them Cry" an macht Drake eine Sache klar: Er will diesen Umgang mit seinem Giga-L finden. Hier findet sich der vielversprechendste Ansatz damit: "With Dot back in 2024 was a big piece / So it's like, this shit is me, but it isn't me / Y'all keep on asking me what it did to me, that's what it did to me / When I dig deep, they say dig deeper / Tell us how it felt to meet the grim reaper / This album better have some big features / Well, sorry to burst your bubble, but I'm all alone for my mental". Warum nicht? Einfach eingestehen, dass man auf die Fresse bekommen hat und reflektieren, wie es dazu gekommen ist? Vielleicht wäre das der Weg gewesen.
Ein anderer Weg wäre der "Ran To Atlanta"-Weg gewesen. Hier findet er mit Future zusammen, pusht noch die extrem coole Newcomerin Molly Santana und macht eins der wenigen kredibilen Gegenargumente zu "Not Like Us". Nämlich die Tatsache, dass Atlanta ihn eigentlich sehr mag. Ich habe neulich das Buch "Atlanta: Rap Capital" gelesen und dort findet sich unter anderem die Geschichte des Quality Control-Labels und des ehemaligen Jeezy-Managers Coach K. Nach allen Metriken haben die die ganzen Zehnerjahre über Drake lieb. Der Track ist der einzige halb sinnvolle Case, den Drake für sich gemacht bekommt.
Es ist leider nicht der Weg, den "Iceman" wählt. Nur: Was der Weg ist, den das Album stattdessen wählt? Ich habe keine Ahnung. Drake tigert nervös und paranoid um dieses Thema, fast auf jedem Song kommt der obligatorische Moment, in dem man sich fragt, ob er gerade über Kendrick spricht. Besonders bescheuert wird es, wenn er dann in hohle Drohgebärden abrutscht und versucht, Subliminals auszuteilen. Ebenfalls peinlich ist es, wenn er zu tun versucht, als würde ihn das überhaupt nicht jucken und Kendrick wäre ja total unter seiner Würde und Kragenweite. Extralustig wird's, wenn er beides gleichzeitig tut. Entschuldigung, wäre dem so, dann wären wir jetzt nicht hier, und das Album sähe ganz anders aus.
"They say conclusions were drawn, but I'm in super denial / What is a loss? I'll be damned if I'm losin' it now" rappt er gar auf "Make Them Remember". Dicht nach "Too Hard For The Radio", einer seltsamen Mac Dre-Hommage, die sich als Beziehungssong anschickt, aber mit dem Bay Area-Sound sehr schnell als ein weiterer verzweifelter Versuch entpuppt, gallig auf Kendrick zu sein und so zu tun, als würde die Westküste insgeheim Drake viel mehr supporten.
So sickert dieses Thema wirklich in jeden Augenblick dieses Albums und es nervt. Denn es lässt Drake so viel mehr verunsichert aussehen, als wenn er einfach hinnehmen würde, dass er verloren hat. Nach dem Motto: 'Ich habe nicht verloren, ich habe eigentlich gewonnen. Und wenn ich verloren habe, dann habe ich nur so getan, als hätte ich verloren, weil ich jetzt noch den großen roten Knopf drücken kann, um es euch richtig zu zeigen. Und wenn ich den roten Knopf nicht drücke, dann nur, weil ich zu gut für den Beef bin. Und wenn ich nicht, et cetera, et cetera'.
Drake, es tut mir Leid: Der Beef ist schon eskaliert. Du hattest drei Disstracks Zeit, um Kendrick etwas von Substanz zu erzählen. Dies ist nicht geschehen. Hättest du den roten Knopf gehabt, hättest du ihn abgefeuert. Jetzt sich auf Albumlänge im Kreis zu drehen und auf nonchalant zu machen, das ist nur noch bescheuert.
"Iceman" ist dahingehend ein seltsames Album. Es klingt gut, Drake wirkt auch animiert und motiviert genug, um hier etwas Interessantes passieren zu lassen. Aber am Ende des Tages ist es ein Album, dessen emotionaler Kern nur Drake selbst betreffen kann. Es geht nämlich darum, dass jemand, der die Kontrolle über seine Geschichte verloren hat, verzweifelt versucht, auf jedem erdenklichen Weg diese Kontrolle zurückzuerlangen. Aber statt einmal wirklich Tacheles zu reden, bekommen wir durchschaubarste Bravado und ganz viele Ankündigungen, was er vielleicht machen würde und könnte und täte. Man kauft es ihm nicht ab. Und er kommt auch nie richtig zur Sache. Er tiegert nur bissig und pissig um die selben ein-zwei Themen.
Und ist das wirklich, wofür man Drake hört? Ich glaube, die besten Drake-Momente kommen aus seiner Fähigkeit, universelle Gefühle zu kanalisieren. Aus seiner Fähigkeit zur Pop-Alchemie. Dieses Album hat keine Pop-Tracks. Dieses Album hat keine klar durchdachten Genre-Experimente. Es hat ungefähr fünfhundert Beatswitches, aber die musikalische Risikobereitschaft und das Gefühl für Hooks scheinen ihm völlig abhanden gekommen zu sein. Es ist ein dröges Drake-Album, das immerhin weniger falsch macht als seine Vorgänger. Aber leider auch viel weniger richtig als seine wirklich guten Projekte.


2 Kommentare
Auf Augenhöhe zählt nicht!
Absolute Pfeife. Obwohl ich Pfeifenmusik sonst gerne höre, ist er die Ausnahme.