laut.de-Kritik

Beatlastiger Indien-Trip mit Gästen aus dem Dies- und Jenseits.

Review von

Man möchte die Gorillaz ja mehr mögen, als die letzten Veröffentlichungen es erlaubten. Das musikalische Genie der Truppe steht außer Frage, das enge Gefüge des Quartetts schien durch die Vielzahl der Gäste auf "Song Machine" und dem faktisch dazugehörigen "Cracker Island" aber unnötig verzerrt. Die Band lebte schon immer vom musikalischen Austausch, dem aber eine feste Struktur zugrunde liegt. Es schüttelt einen instinktiv, wenn man allein die verstorbenen Gäste der Platte aufzählt: Bobby Womack, Dave Jolicoeur (De La Soul), Dennis Hopper, Mark E. Smith (The Fall), Proof und Tony Allen. Produzieren durften neben den Gorillaz noch James Ford, Samuel Eggleton, Remi Kabaka Jr. und Bizarrap, aufgenommen wurde auf der halben Welt.

"The Mountain" ist eine warme Scheibe, 2D singsangt nicht aus der Gruft, sondern vom Berg – der Rest baut seine Beiträge auf einem primär pop-elektronischen Verständnis auf. Bandgefühl braucht es da vielleicht nicht, aber man meint dennoch zu oft, einem Produzentenprojekt zuzuhören, das immer wieder an denselben Krankheiten darbt. Die durchschnittliche Qualität der Beats ist gehoben, die der Tracks als Gesamtkunstwerk aber nur durchschnittlich.

Die Einbindung der Rapgäste klappt abgesehen vom reinen Hip Hop-Track "The Manifesto" mit Trueno und Proof weder bei "The Empty Dream Machine" (mit Danger Mouse & Black Thought, Johnny Marr und Anoushka Shankar, noch auf "The Moon Cave" mit Asha Puthli, Bobby Womack, Dave Jolicoeur, Jalen Ngonda und Black Thought oder im Closer "The Sad God" (mit Black Thought, Ajay Prasanna, Anoushka Shankar. Die Raps bleiben handwerklich gute Fremdkörper, die der verträumten Atmosphäre der Tracks verwundert gegenüberstehen, statt sie zu bereichern. Manchmal schnappen sich die Gäste das Heft des Handelns und 2D gibt den unfreiwilligen Gastsänger, wie auf dem okayen "The Happy Dictator" mit den Sparks, manchmal findet der Gast keinen Weg durch Murdocs und Noodles Keybord-Labyrinth. "The God Of Lying". Mit weniger Ehrfurcht von IDLES-Sänger Joe Talbot hätte das eine richtig gute Nummer werden können. Ob Mark E. Smith so sinnlos durch den Track hätte fuhrwerken wollen wie auf "Delirium" darf man bezweifeln.

Wenn es dann mal homogen klappt, reicht der Track nur zur Skizze wie die beiden Teile "The Hardest Thing" (mit Tony Allen) und "Orange County" mit Bizarrap, Kara Jackson und Shankar, zum Atmo-Ansitzer wie "The Mountain" mit Dennis Hopper, Ajay Prasanna, Shankar, Amaan & Ayaan Ali Bangash oder ist viel zu simpel um nur eine gute Idee herum geschrieben wie "The Plastic Guru" mit Johnny Marr und Shankar. "Casablanca" mit Paul Simonon und Marr fällt gar lustlos aus.

Wirklich Spaß macht "Damascus" mit Omar Souleyman and Yasiin Bey, denn die beiden Gäste zwingen mit ihrer Dynamik Track samt Quartett aus der Komfortzone. Die beiden zusammenzubringen ist ein Verdienst an sich. "The Shadowy Light" mit Asha Bhosle, Gruff Rhys, Ajay Prasanna, Amaan und Ayaan Ali Bangash ist ein so dichter Sari, das alle Längen des Lieds keine Rolle mehr spielen, sondern man mit geschlossenen Augen den Trip genießt. Genauso bezaubernd jagen sich die Flöten und Gitarren auf dem lakonischen "The Sweet Prince" mit Ajay Prasanna, Marr und Shankar, das endlich dem früheren Smiths-Gitarristen auch eine sinnvolle Rolle zuweist, der ansonsten verstohlen im Hintergrund untergeht.

Man wird sehen, wie die Live-Knechte der Band um Damon Albarn und Smith "The Mountain" umsetzen – das Quartett ist schließlich im House Of Kong gebunden. In der Vergangenheit konnte Chefscherge Albarn seine Lust am Zerfasern kaum bändigen und die Konzerte gerieten selten zu Partys und viel öfter zu überfordernden Konfettiparaden. Der Haus- und Hof-Foto-Videograph Jason Hewlett setzt die Band immer noch sehr gekonnt in Szene und angeblich war es die Reise des Bandfreunds Albarn nach Varanasi, wo er die Asche seines Vaters verstreute, die die indisch angehauchten Teile von "The Mountain" beeinflusste.

Fühlt sich aber ein wenig indirekt an, nicht konsequent und zu eklektisch – er ist halt kein Bandmitglied, sonst hätte er die indischen Teile unbedingt betonen müssen, denn sie funktionieren hier am besten. Die vier Tracks der Deluxe-Edition werden hier nicht berücksichtigt, verstärken aber den Eindruck einer Band, die ihren Merch auch im Industrievergleich hochpreisig verkauft. Murdocs Zigarettenkonsum belastet wohl die Kasse.

Trackliste

  1. 1. The Mountain
  2. 2. The Moon Cave
  3. 3. The Happy Dictator
  4. 4. The Hardest Thing
  5. 5. Orange County
  6. 6. The God Of Lying
  7. 7. The Empty Dream Machine
  8. 8. The Manifesto
  9. 9. The Plastic Guru
  10. 10. Delirium
  11. 11. Damascus
  12. 12. The Shadowy Light
  13. 13. Casablanca
  14. 14. The Sweet Prince
  15. 15. The Sad God

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5 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 20 Tagen

    bestes gorillaz album imo; sogar knapp über plastic beach

    • Vor 19 Tagen

      Sehe ich genauso. Richtig gutes Album geworden obwohl ich gar keine hohen Erwartungen hatte.

      Vor allem das Konzept und die Struktur des Albums sind was besonderes.

      Merkwürdig das nur drei Punkte vergeben wurden. Auch die Ansicht, das manche Songs nur zu „Skizzen“ reichen, kann ich nicht teilen.

      Klar das beste Album seit Plastic Beach!!

  • Vor 19 Tagen

    Wirklich gutes Album und 3/5 ist wirklich zu niedrig gewertet. Von mir gibt es gute 4/5.

  • Vor 19 Tagen

    Das Projekt läuft umso mehr auf Autopilot, umso mehr die Beteiligten versuchen, es mit Gästen aufregender zu machen. Entsprechend gibts auch nach Alben 1 & 2 keinen einzigen Track der Gorillaz, der einem Durchschnittshörer für ne Playlist einfallen würde.

    "Plastic Beach" war stellenweise ganz cool. Aber ich würde gerne mal auf einem Track Gründe dafür hören, warum es das Projekt überhaupt noch gibt, nicht nur in den Promotexten über die Hintergründe.

    • Vor 18 Tagen

      junge melancholy hill soll keinem durchschittshörer für eine Playlist einfallen??

    • Vor 18 Tagen

      Ja, gute Ausnahme. "Plastic Beach" kann noch n bissl was, wie gesagt. Bei den Massen an Material nach den ersten beiden Alben ist es nur ziemlich erstaunlich, dass da quasi nix im Kollektivgedächtnis hängen geblieben ist.

    • Vor 18 Tagen

      Ich habe die Gorillaz als nie so "mainstreamig" angesehen, dass ich denken würde, dass von der Musik viel im Kollektivgedächtnis hängen bleiben würde. Von Miles Davis kennen die Menschen auch nur "So What" und "Tutu". Und das sind vermutlich nicht mal viele.

    • Vor 18 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 18 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 18 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 18 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 18 Tagen

      Ah, okay, so kann mans lesen. Die ersten beiden Alben waren demnach poppig und catchy genug, um im Mainstream anzukommen und zeitlose Klassiker zu werden. Und danach war der Output einfach ungefilterter, untergrundiger, ungeschliffener.

      Entsprechend passt die Zielgruppe, die sie mit ihren Anfängen gewonnen hatten, und die ihnen noch immer die Säle füllt, gar nicht mehr so recht zu den heutigen Gorillaz.

      Ich werde den Eindruck trotzdem nicht los, die veröffentlichen konsequent mit jedem Album skizzenhaftes Wegwerfmaterial, sozusagen als kreatives Outlet für Stücke, die z.B. für Albarns Hauptprojekte nicht gut genug sind. Ein Gast wird eingeladen und spielt/singt spontan ein paar Strophen ein. Jo, reicht, gut genug, danke, schön dich zu treffen, wird veröffentlicht.

    • Vor 17 Tagen

      skizzenhaft trifft es ganz gut.

    • Vor 17 Tagen

      Dich gibt‘s ja immer noch.

  • Vor 17 Tagen

    Ich mag die Roller-Werbung hier.

  • Vor 14 Tagen

    Gute Rezension und Bewertung - ich finde auch, es sind viele schöne Ideen drauf, aber es mangelt an der Homogenität. Man hätte das Album vielleicht in zwei Hälften teilen sollen: eine „indische“ und eine mit den westlichen Features.
    Die Gesangparts von Damon Albarn haben seit einiger Zeit immer irgendetwas Schleppendes - wäre schön, wenn er auf seinen nächsten Alben wieder etwas mehr Energie versprüht.