laut.de-Kritik

Der Charity-Klassiker mit gewohnt fantastischer Gästeliste.

Review von

Pulp, Blur, Oasis - schön waren die 90er Jahre. Auch politisch schien die Welt für Mitteleuropäer rückblickend noch einigermaßen in Ordnung gewesen zu sein. Die Spannungen zwischen dem Westen und Russland lösten sich allmählich auf, die Nato-Osterweiterung und die Aufnahme aller nichtsowjetischen Warschauer-Pakt-Staaten verhieß Frieden. Dagegen zerfiel der Vielvölkerstaat Jugoslawien praktisch in Zeitlupe, bis das Massaker von Srebrenica 1995 als das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit seit Ende des Zweiten Weltkriegs Europa wachrüttelte.

Britpop-UK reagierte und unter der Ägide von Go! Discs-Chef Tony Crean entstand mit prominenter, größtenteils britischer Beteiligung der erste "Help"-Sampler für War Child, aufgenommen innerhalb eines einzigen Tages, veröffentlicht wenige Tage später. Über 1,2 Millionen Pfund kamen zusammen, um notleidenden Kindern des Bosnienkriegs zu helfen.

"Help (2)" knüpft aus ähnlich traurigen Gründen an dieses Projekt an: Mit dem Kauf der Platte unterstützt man als Konsument die Arbeit von War Child für Schutz, Bildung und Stärkung der Rechte von Kindern in Konfliktgebieten weltweit. Seltsam: Das eigentlich zweite War Child-Benefiz-Projekt "Help!: A Day In The Life" von 2005 für die Opfer des Hurrikans Katrina wird in der Zählung übergangen, womöglich weil damals der Fokus nicht auf Kindern lag.

2025 vertraute War Child die Organisation des Samplers wieder einem Businessvertreter mit sehr guten Kontakten an: James Ford. Das Ergebnis kann sich schon auf dem Papier sehen lassen. Nicht nur (beinahe) alle genannten Britpop-Helden von einst sind dabei, vor allem ein interessanter Mix junger Künstler*innen aus den Genres Alternative, Hip-Hop, Soul und Pop. Oasis rutschten kurz vor der Veröffentlichung als letzte auf die Tracklist: Die Live-Version von "Acquiesce", aufgenommen am 28. September 2025 im Londoner Wembley Stadium, liegt der Vinylversion als 7"-Single bei und ist auf der Doppel-CD als Hidden Track enthalten. Es ist somit die erste physische Veröffentlichung einer Live-Aufnahme der "Oasis Live 25 Tour".

Von Blur sind sowohl Damon Albarn als auch Gitarrist Graham Coxon dabei. Letzterer erfüllt der Band English Teacher den Traum einer Kollabo mit ihrem Jugendidol und nimmt sich als Gast im jazzigen Postpunk-Track "Parasite" vornehm zurück. Albarn wiederum stellt mit Grian Chatten von Fontaines D.C. und Kae Tempest die spannendste Kombo, "Flags" ist ein Höhepunkt der Platte. Auf einer Klaviermelodie, die am ehesten an Tempests Katalog erinnert, eröffnet Albarn, bevor zum Beateinsatz das gewohnt monotone Organ Chattens übernimmt: "The flags are breezing with a brand new feeling." Ebenso stark gerät Tempests Spoken Word-Vortrag, der über einem Instrumental-Break besonders zur Geltung kommt.

Dagegen gehen Pulp überraschend schnörkellos vor und drehen in "Begging For Change" die Verstärker auf. Ein ungestümer Rock-Aufschrei, der die dem Projekt zugrundeliegende Wut artikuliert. Chatten ist gleich zweimal vertreten, mit seiner Band Fontaines D.C. interpretiert er Sinéad O'Connors Anklage "Black Boys On Mopeds". Feinfühlig bleiben die Iren der Stimmung des Originals treu, verleihen ihrer Version des zarten Akustikgitarrenstücks dennoch einen neuen Anstrich.

Coverversionen sind für einige Teilnehmende das Mittel der Wahl. Selbst Depeche Mode, die so gut wie nie auf derartigen Compilations zu finden sind, wagten sich an das Cover "Universal Soldier". Die gegen die zunehmende Beteiligung der USA am Vietnamkrieg gerichtete Antikriegshymne der Songwriterin Buffy Sainte-Marie aus dem Jahr 1964 wurde erst im Folgejahr durch Donovan ein Hit. Bei Depeche Mode klingt das Ergebnis wie ein Upbeat-Stück des Albums "Playing The Angel". Dass Dave Gahan das Wort "Hitler" in den Mund nimmt, ist durchaus gewöhnungsbedürftig.

Beth Gibbons kann selbstverständlich alles, weshalb auch der Velvet Underground-Klassiker "Sunday Morning" keine Hürde darstellt. Gegenüber Nico wirkt ihre Stimme jedoch wie hochwertiges Porzellan, das jeden Moment zerbrechen kann. Olivia Rodrigo dürfte sich mit ihrer einnehmenden Pianoversion des Magnetic Fields-Songs "The Book Of Love" zahlreiche neue Freunde machen. Die pakistanische Sängerin Arooj Aftab und Beck ziehen sich mit dem durch Jeff Buckley bekannten "Lilac Wine" ähnlich gut aus der Affäre. Auch Wet Leg sorgen für einen ruhigen Moment in "Obvious".

Die Platte enthält kaum Ausfälle und beeindruckt vor allem mit seiner Stilvielfalt. Herrlich hippieesk gerät Black Country, New Road das Stück "Strangers", für den Dub-Aspekt sorgen Ezra Collective & Greentea Peng ("Helicopters"), während Sampha in "Naboo" wieder "lessons in cool R'n'B" gewährt. King Krule bleibt auf seinem "The 343 Loop" leider stumm.

Zu den Arctic Monkeys muss dagegen nichts mehr gesagt werden. Egal, wie lange sie weg waren oder was für Alben sie zuletzt veröffentlichten: Sie können offenbar selbst unter Druck einen Klassiker raushauen. "Opening Night" orientiert sich in seiner rockigen Art leicht am weithin vermissten Stil alter Alben wie "AM". Man glaubt James Ford sofort, wenn er sagt, die Aufnahmen mit den Beteiligten waren eine "sehr intensive, lebensbejahende Erfahrung."

Trackliste

  1. 1. Arctic Monkeys - Opening Night
  2. 2. Damon Albarn, Grian Chatten & Kae Tempest - Flags
  3. 3. Black Country, New Road - Strangers
  4. 4. The Last Dinner Party - Let’s Do It Again!
  5. 5. Beth Gibbons - Sunday Morning
  6. 6. Arooj Aftab & Beck - Lilac Wine
  7. 7. King Krule - The 343 Loop
  8. 8. Depeche Mode - Universal Soldier
  9. 9. Ezra Collective & Greentea Peng - Helicopters
  10. 10. Arlo Parks - Nothing I Could Hide
  11. 11. English Teacher & Graham Coxon - Parasite
  12. 12. Beabadoobee - Say Yes
  13. 13. Big Thief - Relive, Redie
  14. 14. Fontaines D.C. - Black Boys On Mopeds
  15. 15. Cameron Winter - Warning
  16. 16. Young Fathers - Don’t Fight The Young
  17. 17. Pulp - Begging For Change
  18. 18. Sampha - Naboo
  19. 19. Wet Leg - Obvious
  20. 20. Foals - When The War Is Finally Done
  21. 21. Bat For Lashes - Carried My Girl
  22. 22. Anna Calvi, Ellie Rowsell, Nilüfer Yanya & Dove Ellis - Sunday Light
  23. 23. Olivia Rodrigo - The Book Of Love

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