laut.de-Kritik

Eine Blockparty, um die Latin Roots zu feiern.

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Waren Cypress Hill in den 90ern noch Pflichtbeschallung für jedes klandestine Bahnhofstreffen kiffender Dorfkids, sind sie auf der Coolnessskala mit den Jahrzehnten etwas abgerutscht. Die Vollzeitkopfnicker der Redaktion zucken anno 2026 nur mit der Schulter. Soll doch einer dieser Metalzottel ran, die können doch ewiggestrig. Autsch. Aber stimmt ja, von daher: wohlan.

Obschon, die Truppe um B-Real und Sen Dog sollte man nicht voreilig als Has-beens abschreiben, denn für "Dios Bendiga" haben sie sich was Neues überlegt. Es ist ihr erstes komplett auf Spanisch eingespieltes Album. Streng genommen haben die Kalifornier natürlich bereits auf der Compilation "Los Grandes Exitos En Espanol" von 1999 ein paar ihrer alten Hits auf Spanisch neu eingespielt. Diesmal aber von Anfang an richtig.

Spanischsprachiger Rap liegt im Trend, und was ein Bad Bunny kann, wagen nun auch die alten Hasen. Zudem wollen Cypress Hill in Zeiten der Trump-Regierung – deren "Fremden"-Hass sich auch gegen nichtweiße Amerikaner*innen richtet – das Umarmen ihrer Latin Roots als Statement verstanden wissen. Feiner Zug.

Diese Entscheidung ergibt nicht nur Sinn, sie macht auch Laune. Pluspunkt Nummer 1: Traditionelle Instrumente und Stilelemente der lateinamerikanischen Musik ziehen sich als roter Faden durch die Produktion von DJ Flict. Tracks wie "Campeones" und "Barrios Prendidos" verschreiben sich dieser Prämisse voll und ganz, setzen Akkordeon und Blasinstrumente prominent ein. Im Albumverlauf taucht außerdem immer wieder ein enthusiastischer Radio-DJ auf (den Drummer/Percussionist Eric Bobo mimt, wenn nicht alles täuscht), was den homogenen Gesamteindruck zusätzlich bestärkt.

Pluspunkt Nummer 2: Cypress Hill nutzen die Gelegenheit und holen eine ganze Schar befreundeter MCs mit Latino-Wurzeln an Bord. Nur drei von zwölf Songs kommen ohne Gastbeiträge aus, was Abwechslung garantiert. Und drittens tun sich auch B-Real und Sen Dog selbst einen Gefallen damit, für einmal nicht auf Englisch zu rappen. Denn sogar wer nach all den Jahren ernsthaft noch auf neue Cannabishymnen brennt, dürfte sich freuen, wenn nun plötzlich von "Rosas Verdes" ("grünen Rosen") die Rede ist, was ganz nebenbei das Stoner-Vokabular erweitert.

Die zwölf Songs gliedern sich grob in zwei Kategorien: Das ernsthaftere Lager repräsentiert "Wacha Trucha" (in etwa: "Sei auf der Hut"), mit Uptempo und Lyrics, die von Kriminalität und dem Leben im Grossstadtdschungel LA handeln. "Estamos Listos" ("Wir sind bereit") arbeitet sich an ähnlichen Themen ab und warnt davor, in Drogengangs das schnelle Geld zu suchen.

Daneben gibt es Partytracks wie das relaxte "Campeones" ("Champions"), das nach einer angeschickerten Session nach einem Tequila zu viel klingt. Dass es hier zu einem Wiedersehen mit Cypress-Gründungsmitglied Mellow Man Ace kommt, ist ein netter Extrapunkt – und für Bruder Sen Dog Ansporn genug, einen eigenen Verse einzubringen. Zuweilen beschränkt sich der Kerl mittlerweile auf die Refrains und seine Rolle als Hypeman.

Den Löwenanteil stemmt erneut B-Real, und er tut das nicht schlecht. Mit nasaler Stimme wirft er sich mit den Gästen die Bälle zu, sei es Alemán ("Wacha Trucha",) Coyote (im düsteren "Sueños") oder dem alten Bekannten Sick Jacken (im durchzogenen "Voló" und im lebensbejahenden "No Tengo Miedo").

Mangelnden Eifer kann dem 56-Jährigen niemand vorhalten. Man höre sich nur mal den ratternden Schwung an, den er in "No Tengo Miedo" ("Ich habe keine Angst") oder "Estamos Listos" einbringt. Wenn man bedenkt, dass er sich trotz mexikanischer und kubanischer Wurzeln besser auf Englisch artikulieren kann, verdient sein Einsatz Anerkennung. B-Real und Sen Dog mussten sich aus ihrer Komfortzone bewegen. Ein Making-of auf Youtube zeigt, wie sich B-Real im Studio die korrekte Aussprache einiger spanischer Ausdrücke erklären lassen muss.

Gegen den Sprint, den einer der mexikanischen Jungspunde von La Santa Grifa zum Ende von "Barrios Prendidos" abzieht, sieht Dr. Greenthumb dann freilich eher blass aus. Und auf dem eine Spur zu modern gewordenen "Run", in dessen Zentrum eine melodiöse Gesangshook von Poe Leos steht, wirkt er leicht outdated. Respektive wie ein Gast auf seinem eigenen Album. Dazu dürfte es einige Fans wohl schmerzen, dass DJ Muggs nicht mehr an Bord ist, die Scratches übernimmt DJ Lord.

Alles in allem gelingt Cypress Hill mit "Dios Bendiga" eine erfreuliche Überraschung im 38. Karrierejahr: Das spanischsprachige Album bringt frische Akzente und Altbewährtes ganz gelungen zusammen, was es zu einer interessanten Erweiterung der Discographie macht. Wer von B-Real und Sen Dog nicht gerade die Neuerfindung des Rap erwartet, wird damit eine gute Zeit haben.

Trackliste

  1. 1. Wacha Trucha (feat. Alemán)
  2. 2. Campeones (feat. Mellow Man Ace)
  3. 3. Rosas Verdes
  4. 4. Run (feat. Poe Leos)
  5. 5. Sueños (feat. Coyote)
  6. 6. Estamos Listos
  7. 7. Volo (feat. Sick Jacken)
  8. 8. Saca La Bolsita (feat. Trueno)
  9. 9. No Tengo Miedo (feat. Sick Jacken)
  10. 10. Barrios Prendidos (feat. La Santa Grifa)
  11. 11. El Perro Y El Coyote (feat. Guapo)
  12. 12. Otra Vez

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