laut.de-Kritik
Der Killers-Boss schlüpft in seine Cowboystiefel.
Review von Alexander KrollWährend die Killers zuletzt ihren Katalog auf Tour geführt und in sporadischen Schreib- und Demo-Sessions einen zweiten Anlauf für das achte Album gewagt haben, setzt ihr Leadsänger konsequent die Erkundung seiner Wurzeln fort. In den zehn Stücken seines dritten Soloalbums "Thrasher" kehrt Brandon Flowers erneut nach Nephi zurück und taucht – auf den Spuren seines Vaters – noch stärker in das Terrain der Country- und Western-Musik ein. Mit einer eigens in Nashville versammelten All-Star-Band aus Session-Musikern, zu der Pedal-Steel-Meister Bruce Bouton, die Sängerin Margo Price und der Mundharmonika-Veteran Charlie McCoy gehören, präsentiert der 45-Jährige ein handwerklich bestechendes und über weite Strecken inspiriertes "Pressure Machine"-Sequel mit weniger Rohheit und mehr rhythmischem und melodischem Schwung.
Quo Vadis, The Killers? "Ich glaube nicht, dass wir diese Art von Musik weiterhin machen werden", prophezeite Brandon Flowers vor drei Jahren der britischen Wochenzeitung "The Sunday Times". Zwei Jahrzehnte nach dem Durchbruch mit "Mr. Brightside" sah sich der Killers-Frontmann in einer Krise und zweifelte an der Stadionrock-Zukunft seiner Band. Die Arbeit an einem synthpop-lastigen achten Album, das dem Debüt "Hot Fuss" ähneln würde, hatte die Band vorzeitig eingestellt. "Mitten in den Aufnahmen wurde mir klar: Ich kann das nicht", gestand Flowers. Die Songs "Boy", "Your Side of Town" und "Spirit" erschienen nur als Anhang zur Greatest-Hits-Kompilation "Rebel Diamonds".
Die Koordinaten im Killers-System hatten sich verschoben. Für ihr siebtes Album "Pressure Machine", das im August 2021 erschienen war, hatte die Band ihr New-Wave-Markenzeichen weitgehend abgestreift und stattdessen ihr zweites Wesensmerkmal – die Liebe zu Americana – konzeptionell auf die Spitze getrieben. Nachdem Brandon Flowers mit seiner Familie von Las Vegas in die kleine Bergstadt Park City in Utah gezogen war, kehrte der Showman auch in den Songs auf "Pressure Machine" in den Beehive State zurück, direkt in die Kleinstadt Nephi, wo er den Großteil seiner Jugend verbracht hatte.
Gerahmt von Interview-Schnipseln der Nephi-Bewohner*innen manifestierten die fragilen, "Nebraska"-reminiszenten Folk-Erzählungen aus der Provinz eine neue künstlerische Vision. "The Killers sind meine Identität und unsere Songs füllen die Konzertsäle, aber es erfüllt mich mehr, Musik wie "Pressure Machine" zu machen", erzählte der Bandleader damals der "Sunday Times", "Beim Schreiben dieses Albums habe ich eine Seite an mir entdeckt, die sehr stark war. Das war der Typ, nach dem ich gesucht hatte!".
Flowers’ erstes Solowerk seit "The Desired Effect" vor elf Jahren hat zunächst etwas Mühe, in sein enges Konzept zu finden. Gerade die beiden ersten Tracks wirken wie Aufwärmübungen, deren Potential hinter dem Standard-Gerüst kaum zur Geltung kommt. So emphatisch der Killers-Boss mit dem Timbre eines Garth Brooks den Honky-Tonk-Sound im Opener "Does It Ever Cross Your Mind?" auch umarmt, so blass bleibt dabei der eigene Beitrag. Auch "One of Us" taugt nicht als Album-Teaser. Zwischen Mandoline, Mundharmonika und Pedal-Steel-Gitarre schenkt der Song dem schmächtigen Schunkel-Refrain zu viel Aufmerksamkeit und verliert sich immer mehr darin.
Doch es wird besser und die großen Gesten, die Brandon Flowers von Haus aus mitbringt, erreichen im Cowboy-Modus eine zielsichere Erweiterung. Vom sensiblen Folk-Einstieg bis zum bombastischen Rock-Chorus gelingt dem Sänger mit "Tiger’s Blood" eine mitreißende Rückreise an den Ort seiner Jugend. In den Fokus rücken sein früheres Ich ("New kid in the county, crowd shy / Hunch in the shoulders with gelled-up hair") und all die anderen Heranwachsenden mit großen Träumen.
Dass viele solcher Träume nicht wahr werden, formuliert auch die Country-Ballade "Plans" hingebungsvoll. Im orchestralen Format eines Glen-Campbell, mit Chor, Streichern und Mundharmonika-Solo, steigert sich das Stück in ein Pathos hinein, das es kaum tragen kann und doch eindrucksvoll über die Schwelle bringt ("So hold me in your arms / I think I'm going under / Take your time with my heart / It's been rattled by the thunder").
An dieser speziellen Grenze zwischen Tragik und sentimentalem Überschuss bewegt sich ganz prominent auch "Miss America". Mit Akustikgitarre und umhergeisternder Steel Guitar erzählt Flowers in fünf Minuten von der gewalttätigen Ehe, die eine seiner älteren Schwestern erleiden musste. In einem Brief an den brutalen Ehemann nimmt der Sänger die Perspektive der Schwester ein. Auch hier umranken stille Strophen einen überbordenden Refrain ("You used to call me Miss America / Before you got hooked on speed / How much longer will it take 'til we're enough?").
Die schärfste Pointe des Albums erzielt "Angel". All die motivischen Versprechen, die "Thrasher" im Zeichen seines Vorbilds Bruce Springsteen gibt, finden hier ihre Einlösung. Inmitten eines klagevollen Klangbilds, das Boss-Klassiker wie "The River" oder "Youngstown" zitiert, setzt "Angel" selbst dem "Born To Run"-Ideal des frühen Springsteen eine düstere Antithese entgegen: "There are some things you can’t outrun / Don’t matter how far you’ve come". Die majestätische Western-Atmosphäre, die das Mariachi Ensemble zum Abschluss entwirft, setzt sich hypnotisch auf "The Red Ground" fort.
Und natürlich erhält "Thrasher" das extravagante und gleichzeitig nachdenkliche Finale, das es verdient. In fast sechs Minuten veranstaltet "American Dream" eine herrlich psychedelische Reise ins Jenseits, die den Wert des Starruhms anzweifelt und ins Country-Urmotiv der Heimkehr mündet ("Gold and silvеr / God and glitter ... Take me back / Take me back home"). Wie in einem Traum, den Flowers einst hatte, trifft der Protagonist auf Elvis Presley und fragt ihn: "Was it all worth it?". In einem Interview, das Flowers erst vor kurzem der "Sunday Times" gab, richtet er die Frage direkt an sich selbst: "Wie lange will ich das noch machen, was bedeutet das alles, und warum mache ich das überhaupt?".
Sollte das achte Killers-Album im zweiten Anlauf fertig werden: Ohne die ernsten, existenziellen Fragen wird es kaum auskommen.


Noch keine Kommentare