laut.de-Kritik
Für immer unsichere Teenager.
Review von Franz MauererVon einem "hard reset", wie ihn Dinosaur Jr. im Vorfeld zumindest angedeutet hatten, kann eigentlich keine Rede sein. Ja, J Mascis hat einen Mesa Boogie MK 1 ausgegraben, und tatsächlich klingt seine Gitarre auf "There Near" ein wenig rauer, spröder, angefressener. Nur: An der Statik der Band ändert das kaum etwas. Dinosaur Jr. bleiben Dinosaur Jr., und gerade bei einer Gruppe, deren Sound seit Jahrzehnten in einem derart engen, kohärenten Gefüge funktioniert, entscheiden eben Nuancen, kleine Widerhaken und plötzlich nach oben gespülte Ideenfetzen darüber, ob aus einem guten Song ein großer wird.
Davon gibt es zunächst zu wenige. "There Near" ist keine Großtat wie "Farm", kein "I Bet On Sky", auch kein "Give A Glimpse Of What Yer Not". Eher reiht sich das Album beim guten Vorgänger "Sweep It Into Space" ein, der eben auch nie komplett sehr gut war. Schuld ist vor allem das konservative Songwriting. "Everything At Once" wirkt geradezu einschläfernd faul, der Opener "Several Got Away" immerhin lebendig, aber konservativer als manche Opus Dei-Mitgliederversammlung. "No Friends" ist der erste echte Höhepunkt: Hier kippt Mascis' Gesang in dieses flehende, halb kaputte Register, das ihm so gut steht. "Take Me With You" wiederum lebt fast vollständig von seiner Gitarre, von dieser ewigen flirrenden Spiellust, die selbst dann noch Bewegung erzeugt, wenn der Song darunter eher auf der Stelle tritt.
Lou Barlow bleibt im Mix insgesamt erstaunlich wenig prägend, während Schlagzeuger Murph deutlich weiter nach vorne rückt. Umso schöner, dass ausgerechnet "Blowin' Up" mit Lou am Mic zu den besten Songs gehört. Barlows Grunge-Seite war schon immer großartig; wer daran erinnert werden möchte, legt anschließend am besten Sebadohs "Bakesale" auf. Doch selbst hier fehlt ein wenig der zündende Funke. Wie auch das grundsolide "Gone Off" wird die Nummer am Ende zu sauber und geradlinig nach Hause gefahren.
Diese eigentümlich amerikanische "angst", die Dinosaur Jr. einmal durch ihre Songs ziehen ließen, ist ihnen ein Stück weit abhandengekommen. Da verspricht selbst das Cover mehr Nervosität und Beklemmung, als die Musik zunächst einlöst. Dinosaur Jr. wirken so zeitlos, weil sie für immer unsichere Teenager sein werden und genau das macht sie großartig.
Oft fehlt den Tracks schlicht die Fallhöhe. "Clam Along" zeigt, wie leicht sich das ändern lässt: Schon die Gitarre baut direkt zu Beginn mehr Spannung auf als alles davor, der Song schreitet voran, statt bloß zu verharren. Plötzlich entsteht Dynamik. "Walk Me Back" legt danach eine große emotionale Geste frei, eine Sehnsucht, die vielen der rumpeligen Stücke zu Beginn fehlt. Hier erinnert man sich wieder daran, warum man diese Band so sehr liebt. Und dann kommt "Read The Room", der beste Song des Albums. Alles, was zuvor ein wenig zu routiniert wirkte, ist hier plötzlich in Bewegung. Ideen springen auf, verschwinden wieder, die Struktur bleibt nervös, die Dynamik offen. Die geeky-linkische Verzweiflung, diese Mischung aus Überforderung, Melodie und Gitarrenlärm, gehört zum innersten Kern von Dinosaur Jr. "Read The Room" trifft ihn perfekt.
"Put It Down" setzt die starke zweite Hälfte fort. Eine Dinosaur-Jr.-Ballade von jener Sorte, die beinahe so lieblich wird, dass Murph zwischendurch hineinprügeln muss, damit alle Beteiligten die Sache aushalten. Mascis schraubt sich in die Sehnsucht hinein, die Band zieht Richtung Crescendo und erdet sich doch immer wieder selbst. Hier passt das Zusammenspiel plötzlich bis ins Detail. "No One's Ready" steht zum Schluss als einziger Song ein wenig außerhalb des eng gesteckten Bandkosmos. Die Akustikgitarre treibt, Barlow passt dazu wie die Faust aufs Auge, und aus dem Ganzen wird eine schöne Alt-Rock-Nummer, die sich ihre abschließende Zerstörungslust mitsamt markerschütternder Gitarrenfigur ruhig noch exzessiver hätte erlauben dürfen.
So bleibt ein merkwürdig zweigeteiltes Album. "There Near" beginnt wie eine solide Dinosaur-Jr.-Platte, die sich mit ihrer eigenen Verlässlichkeit zufriedengibt. Die zweite Hälfte erinnert daran, dass diese Band immer dann am besten war, wenn zwischen all dem Bekannten etwas zu kippen begann.


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