laut.de-Kritik

Eine Muzak-Fundgrube für Kaufhaus-Aufzüge.

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Der Mensch, der Protoje entdeckt hat, ist Produzent Don Corleon. Für Gentleman spielt er Keyboards, Schlagzeug, Gitarre und Bass beim Appetizer "Leon", Vorab-Single und Opener für "Gratitude". Don Corleon fungiert als Band, Komponist und Beatmaker für den Kölner, den berühmtesten deutschen Reggae-Export. Tatsächlich ist Tilman Otto auf Jamaika schon aufgetreten, wie auch in Lateinamerika und Westafrika.

Er begeistert in Portugal, wo der Lissaboner Kollege Campbell zur Stelle ist, zu hören in "Same Struggle", dem pulsierenden Shatta-Dancehall-Beitrag der Platte. Gentleman ist längst mehr als ein Zuschnitt von Rasta-Pop auf den deutschen Geschmack, auch wenn beispielsweise der Ausflug ins "Sing meinen Song!"-Tauschkonzert-Camp diesen Eindruck erweckte. Nico Santos und MP Kelly sind aus demselben Holz geschnitzt und breiten ihre geballte Beiläufigkeit aus. Die Midlife-Crisis, die schon begann, als 2020 die "Blaue Stunde" schlug, der eigene Garten und Staubsauger Nabel der Welt waren, dauert noch ein bisschen an.

Die neuen Tracks flutschen unaufgeregt zweckfokussiert vorbei. Den Eindruck von Durchschnittsware können sie zwar an keinem Punkt abschütteln, Karibik-Bezug haben sie aber. Zumindest homöopathisch. Hauptsächlichen Kontakt pflegen sie aber zu Warner Central Europe, des Künstlers neue Label-Heimat. Im Wesentlichen läuft hier netter Pop und Dance vom Stapel, immerhin ohne straightes Four-to-the-Floor-Taktmaß. Nichts stört.

Afrobeats und, dank prägnantem Sample, auch Calypso-/Mento-Vibe wecken hinsichtlich der Percussion bei "Nah Worry" Aufmerksamkeit. Dahinter steckt eine Kollabo des Deutschen mit dem Londoner Claye, der auf der LP insgesamt vielmals als Allrounder vertreten ist. Auch Freddie McGregors Sohn Di Genius legte bei "Nah Worry" Hand an. Jopez, bekannt von Kaas, Jugglerz und Orsons, Producer von Bausas "Was Du Liebe Nennst", tobt sich als Allzweckwaffe bei "Unity" aus. Die Musik wirkt entsprechend ebenfalls wie vor zehn Jahren stehen geblieben.

Mittlerweile ist Gentleman auf den Queen Omega-Hype aufgesprungen. Die reimschleudernde Mitt-Vierzigerin aus Trinidad, die nach ihrer langen Erziehungszeit auf TikTok viral ging, gibt mit dem Rheinländer eine schöne Paarung in "What If" ab. Sogar wenn man ihr hochwertiges Repertoire als Maßstab nimmt, kann sich die geheimnisvoll blubbernde Produktion gut hören lassen. Philosophisch, atmosphärisch und angenehm minimalistisch klingt das elektronisch wirkende Lied, in das aber auch einige Instrumente einflossen - Anspieltipp!

Jenseits dieses charakteristischeren Tracks leiert sich das Rezept aus formschönen, fluffigen Riddims, die kaum auffallen, jedoch aus, sobald man gefühlt drei Mal das Gleiche gehört hat. Da lassen sich jetzt "Never Fail" über Gut und Böse und Gott, "So Good" speziell übers Gute, "Warrior", "Bypass The Sorrow ft. Nico Santos" speziell übers weniger Gute, "I'll Be There ft. Meleku", "Friends ft. Collie Buddz" oder "Show Me A Sign ft. Milaa" in den Ring werfen: alles Corleon-Produktionen.

Aber komisch: Nichts davon setzt sich nachhaltig im Ohr durch, berührt oder überrascht sonderlich. Unterschiede zwischen den Tunes lassen sich kaum wahrnehmen. Man merkt lediglich ihren jeweils letzten Ton, in der Sekunde Pause vorm nächsten Track. Dann gehts gefühlt in Endlosschleife von vorne los. Die Gaststimmen bringen noch am meisten Schillern in die sonst blasse Farbpalette. Der Jamaikaner Christopher Martin, der mit Gentleman bereits den Riesen-Hit "To The Top" gelandet hatte (eine Generation zurückgespult: es war Sommer 2010), macht seinen Part in "Open My Eyes" sehr gut.

Milaa ist eine Soul- und R'n'B-Sängerin mit Wurzeln in Remscheid, die Gesang studiert hat, Melekú ein Sohn von Sizzla, Collie Buddz ein in der Szene recht bekannter Artist, der in Bermuda lebt. Wo steckt aber Montez? Hätte doch auch noch drauf gepasst?! Bei den meisten Beteiligten kommt sowieso das identische Ergebnis heraus, nämlich fantasielos stromlinienförmiger Bubble-Bounce-Standard ohne Reibung, ohne Textzeilen, die nicht schon tausendfach gehört worden wären, schematisch, praktisch, faltbar. Eine Muzak-Fundgrube für Kaufhaus-Aufzüge. Schnell weg hier.

Trackliste

  1. 1. Lion
  2. 2. I'll Be There ft. Meleku
  3. 3. Nah Worry
  4. 4. Unity
  5. 5. What If ft. Queen Omega
  6. 6. Same Struggle ft. Richie Campbell
  7. 7. Friends ft. Collie Buddz
  8. 8. So Good
  9. 9. Show Me A Sign ft. Milaa
  10. 10. Never Fail
  11. 11. Open My Eyes ft. Christopher Martin
  12. 12. They Don't Care
  13. 13. Warriors
  14. 14. Fireflies
  15. 15. Bypass The Sorrow ft. Nico Santos
  16. 16. Wildfire ft. Michael Patrick Kelly
  17. 17. When The Sun Goes Down

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