laut.de-Kritik
Eine deutsche Earl Sweatshirt.
Review von Franz Mauerer13 Jahre ist das Debüt der Münchnerin Ebow nun schon alt. Bayerische Rapper jeden Geschlechts haben wir seitdem kaum mehr, umso mehr erfreut der regelmäßige Veröffentlichungsrhythmus: Knapp zwei Jahre nach "FC Chaya" folgt die "Typologie Eines Lebens". Hört sich etwas ungelenk nach Schreibmaschinenkurs für Pathologen an und drängt natürlich die Frage auf: Liebe Ebru, was waren dann die fünf Alben davor?
Denn, for better or worse, Ebow rappte schon immer primär über ihre Identität und Herkunft, deutlich seltener über ihr Leben. Die größte Schwäche dieser Scheibe ist, dass sie gar nicht so viel mit der interessanten Person der MC zu tun hat, sondern deutlich mehr mit ihren Gedanken über sich selbst. Die sind legitim und geben künstlerisch einiges her, bei Album Nummer sechs und mittlerweile 36 Lenzen wäre aber ein Song beispielsweise über ihre erfolgreiche RTL-Schauspielkarriere, ihre Zeit an der Kulturakademie Tarabya in Istanbul interessanter gewesen als noch einer über Gastarbeiter.
Von denen gibt es angesichts der Bedeutung von (Im-)Migration für das Zusammenleben und fast alle Individuen zwar immer noch zu wenige. Diese Last kann Ebow aber unmöglich alleine tragen, und selbst sie gibt dem Thema irgendwann keine entscheidend neuen inhaltlichen Impulse mehr. "Arbayt" etwa slappt, keine Frage. Es könnte aber noch viel mehr slappen. Inhaltlich läuft die Konstruktion vom Money-Flex über den Wert der Arbeit bis zur migrantischen Familienerzählung etwas zu schematisch ihre Stationen ab. Die soziale Frage taucht auf, dient aber eher als Verstärker des Identitätsnarrativs, statt wirklich dessen Verhältnisse durcheinanderzubringen. Gemein gesagt: Der mit ungleich weniger Anspruch agierende Bushido hat schon komplexere Songs über das Thema geschrieben, er hört sich dabei nur dümmer an.
Ähnlich beim eingeschobenen Semra-Ertan-Text: ein wichtiges Zeitdokument, selbstverständlich. Trotzdem merkt man, wie schnell sich politische Symbolik historisch einhegen kann. Die Welt von 2026, in der Russland Menschen aus Nordkorea und aus afrikanischen Staaten für seinen Krieg gegen die Ukraine verheizt, ist komplizierter als ein sauber sortierter Gegensatz zwischen deutschem Täter- und migrantischem Opferkollektiv. Das macht Ertans Erfahrung keinen Millimeter unwahrer. Es zeigt aber die Limitierung einer Perspektive, die gesellschaftliche Wirklichkeit zu häufig durch genau jene Kategorien presst, deren Enge sie eigentlich kritisiert.
Viel stärker ist "Heval". Auch das ist subjektiv, plakativ, trotzig und keineswegs um Fairness bemüht. Muss es ja auch nicht sein: Das hier ist Rap und kein wissenschaftlicher Aufsatz mit Fußnotenapparat. Nur arbeitet sich Ebow hier an kurdischer und kurdisch-migrantischer Geschichte und Gegenwart ab, statt bloß die richtigen Symbole an die richtigen Stellen zu setzen. Da steckt Wut drin, intellektuelle Fallhöhe, geballte Faust.
"Typologie Eines Lebens" ist inhaltlich erfreulicherweise weit weniger monomanisch, als es Albumtitel, Begleitdiskurs und feuilletonistische Umarmung nahelegen. Bei einigen Songs bildet Ebrus Lebensgeschichte gar nicht das Zentrum, und genau dort wird sie exzellent. Leider gefällt ihr auch diese andere Rolle manchmal etwas zu gut. "Independent (Cleo)" und "Facts" bestehen über weite Strecken aus coolen One-Linern aus abstrakter Opferperspektive, wie männliche Rapper sie seit Jahrzehnten am Fließband produzieren, und "Butch Im Tank (L.M.S)" wird nicht automatisch interessanter als Haftbefehl beim nächsten Schwanzvergleich, bloß weil über den Strap bislang weniger Leute geschrieben haben als über den Schwanz. Phallus bleibt Phallus.
Die MC wäre manchmal leicht als verhätscheltes Feuilletonlieblingskind abzutun, wenn Ebow musikalisch nicht so verdammt viel besser wäre als ein Großteil jener Deutschrapper, die seit Jahren für vermeintliche Cleverness Applaus bekommen. Das ist der Boden, den Ebow hier einzieht. Ein Opener wie "Wasser" will musikalisch schon mehr, als sich der durchschnittliche Fatoni überhaupt vorzustellen wagt. Entscheidender noch: Stimmung, Atmosphäre, Raum, Details - nichts daran klingt nach Beat angemacht, 16 Bars drauf und ab zum Podcast.
"Für Immer" sprawlt all over the place, kippt weg, säuft ab, rappelt sich wieder hoch und weigert sich beharrlich, der MC einen bequemen Vier-Viertel-Handlauf hinzustellen. So etwas muss man als Rapperin erst einmal zusammenhalten. Auch "Club 1990" zeigt jene vielleicht größte technische Stärke, die sie inzwischen besitzt: die Schnittstelle zwischen Rap und Gesang so fließend zu bespielen, dass man irgendwann gar nicht mehr genau mitbekommt, wo das eine aufhört und das andere beginnt.
Besonders stark funktioniert das auf "Novoline", ein seltsam konstruierter, sperriger und trotzdem melodischer Track, den ihr so schnell niemand nachmacht, nicht einmal die heilige Haiyti. "Lauf Der Dinge" zeigt, wie schnell aus dieser Beweglichkeit bloßes Vorbeiträllern werden kann. Gerade deshalb wünscht man sich gelegentlich einen Produzenten, der einen Bruch wagt. Aber wir kritisieren hier auf hohem Niveau, und es ist schön, das im Deutschrap überhaupt mal wieder zu dürfen.
"Arbayt" könnte vielleicht noch einen halben Meganewton härter treffen, "Club 1990" noch einmal aufreißen. Andere Songs fließen so geschmackvoll vor sich hin, dass man beinahe vergisst, dass auch Geschmack eine Komfortzone werden kann. Langfristig ist es deshalb ziemlich dope, dass Ebru auf "Typologie Eines Lebens" nun selbst wesentlich an der Produktion beteiligt ist. Die interessanteste Perspektive liegt möglicherweise gar nicht darin, noch bessere Produzenten zu finden, sondern selbst eine noch eigenwilligere zu werden. Eine deutsche Earl Sweatshirt gewissermaßen, wo irgendwann Beat und Stimme überhaupt nicht mehr getrennt gedacht werden können und die Produktion deshalb so schräg sein darf, wie es der eigene Vortrag verträgt.
Dass dieser Weg noch nicht abgeschlossen ist, beweist ausgerechnet einer der Tiefpunkte. Für "Neues Leben" zieht sich eine so interessante Musikerin wie Ebow allen Ernstes Joy Denalane ins Studio, die im Refrain denselben Selbstfindungsstuss labert, den genauso gut Gentleman über irgendeinen Reggae-für-Steuerberater-Beat legen könnte.
Noch schlimmer "Bete Für Mich": mindestens die verheerendste deutsch-englische Kombination seit RZA und Xavier Naidoo. So hören sich wahrscheinlich Andreas Spechtls Albträume an. Dazu diese Kackkeyboardgeigen! Ein gutes Beispiel dafür, dass Ebow plakative Symbolik zwar beherrscht, ihr aber mitunter das Maß oder schlicht der Kunstsinn fehlt, um die richtige Balance zwischen großem Gefühl und großer Geste zu finden. Das Cover leidet unter demselben Problem.
Umso schöner, wenn am Ende alles stimmt. "Sonne & Mond" markiert den Höhepunkt der Platte. Zwei Minuten, in denen Ebow ihre metaphorischen Eier schaukeln lässt, dass es eine Pracht ist. Keine Rechtfertigung, kein Seminar, kein Repräsentationsauftrag. Einfach eine Künstlerin, die ziemlich genau weiß, wie gut sie geworden ist. Anders als bei manchem diskursiv perfekt ausgestatteten Kritikerliebling steht hier tatsächlich Musik dahinter, die auch dann noch interessant wäre, wenn kein einziger Pressetext ihre gesellschaftliche Relevanz erklärte. Die Installation in Berlin mag prima gewesen sein, der Hörer hat davon erst einmal nichts. Er hat diese 15 Tracks, und erstaunlich viele davon werden auch in zehn Jahren noch eigenartig, sperrig und modern klingen.


3 Kommentare mit 4 Antworten
Nach "die heilige Haiyti" hatte ich keine Lust mehr weiterzulesen und reinzuhören, weil ich die Bewertung nicht mehr ernstnehmen kann. Sry
Ebows Musik kann übrigens echt stabil sein, glaube ich anhand von Auszügen. In Interviews find ich sie hart anstrengend, soweit versaut mir die Persona ein bisschen.
Da kann die Künstlerin aber doch nichts für, was der Rezensent schreibt.
Ich kenne nur ein altes Interview, da fand ich die auch schwierig, aber das letzte Album und dieses… so gut, da könnte sie auch Fler sein in Interviews
Ne, da überkommt mich der alte Fremdscham, wenn jemand Deutsches irgendwas Sentimentales oder Deepes erzählen und Sprechgesangskunst imitieren will. Ähnlich wie der Fremdscham, den ihr beim Lesen meiner Kommentare über Deutschrap empfindet
...vor allem, wenn die Tracklist mit "Wasser" beginnt und mit "Sonne & Mond" endet, aber den Versuch "startet" mit "Typologie Eines Lebens" (zum Teil Tatächlich) originell zu klingen. Aber wer independent ist, der Ciaot auch mal hinter die Coolissen.
Puh, Album Nr. 6, noch nie was von gehört. Bei Ebow denk ich eher an das ehemalige laut muppet ElbowBilly oder wie der hieß
Reingehört in alle youtube Singles zum Album. Das ist wack, sorry. Nichtssagende Beats treffen auf kraftlose Performance ohne irgendetwas markantes beizutragen. Deutschrap ist einfach dead wie Väter
Das hat mich jetzt jedoch animiert ins Juju-Album reinzulauschen, das hatte ich ganz vergessen..vielleicht geht da ja mehr