laut.de-Kritik
Die große Metal-Welt verneigt sich vor Solingens finest.
Review von Stefan JohannesbergAls Accept mit Jason McMaster "Hellhammer, hell, hellhammer" ins Mikro grölen, stiehlt sich eine einzelne Träne der Rührung Richtung Wange. Bei der stets legendären, so erhabenen Bridge "Hold on - on your own / All for one - together we make it / You and me - can touch the sky / One for all" fließen ganze Bäche an den Backen entlang. Beinahe hätte es Boomer-Backen geheißen, doch trotz der ganzen laut.de-Foren-Dullis triggern die teutonischen Titanen auch Säcke der Generation X zu Gefühlsausbrüchen. "Hellhammer" war neben der Jahrhundertballade "Mistreated" der Höhepunkt der Poser-Metal-Anbiederung "Eat The Heat" aus dem Jahre 1989. Im neuen Gewand, gespielt von der aktuellen Accept-Truppe und unterstützt eben vom Dangerous Toys- bzw. Watchtower-Frontmann, erkennt selbst der Metal-Purist die fast lächerlich genialen Songwriting-Skills von Wolf Hoffmann und Co.
Lächerlich überladen an Legenden ist auch das gesamte Tribut-Werk. Hip Hop-Heads erinnern sich bestimmt noch an Sampler und Songs von DJ Khaled, wo auch Gott und deine Mudda ans Mic steppten. Auf "Teutonic Titans" jedoch werden keine neuen Songs kreiert, hier greift man sich All-Time-Hits, Geheimfavoriten und versteckte Albumperlen. Rund 50 Rockstars feiern zum 50-jährigen Jubiläum von Wolf Hoffmanns Einstieg bei Accept ihre Lieblinge und Klassiker der Band, verbindet sie alle doch auf die eine oder andere Art eine Beziehung zu den deutschen Metal-Legenden.
Wie nicht anders zu erwarten, startet "Fast As A Shark" den Reigen. Mikkey Dee treibt den superschnellen Song mit Billy Sheehan am Bass gnadenlos voran, während sich neben Accepts Wolf an der Gitarre und Sänger Mark Tornillo Phil Anselmo und Kirk Hammett die Arbeit teilen. Was ab dem ersten Riff auffällt: Die Musiker legen sich mächtig ins Zeug. Die Liebe, der Respekt, Kindheitserinnerungen, Freundschaft – das alles ist in jeder Sekunde spürbar. Kirk Hammett war in jungen Jahren vom irren Tempo von "Fast As A Shark" wie weggeblasen, Anthrax-Drummer Charlie Benante lernte nach eigenen Angaben wegen des Songs Doublebass, während Phil Anselmo bei einem gemeinsamen Festival einfach zu Accept auf die Bühne stürmte und mitjammte.
Was noch auffällt: Producer Zeuss, der schon für Rob Zombie, Hatebreed und Queensrÿche den Sound kreierte, ballert "Teutonic Titans" trotz multipler Musiker so fett und gleichzeitig akzentuiert aus den Boxen wie kaum ein Accept-Album vorher.
Der Nacken schmerzt bereits, da holen sich Wolf und Mark für "Balls To The Wall" mal eben Rob Halford (Judas Priest), Matthias Jabs (Scorpions), Rex Brown (Pantera) und Jason Bowld (Bullet For My Valentine) ins Studio. Seit rund 45 Jahren kennen sich Accept und Judas Priest, und Rob reichen drei Noten, um "Balls To The Wall" zu seinem Song zu machen. Profi eben. Auch Matze Jabs covert nicht einfach die Leads, sondern bekommt von Wolf für seine Scorpions-Riffs freie Hand. Das Resultat drängt das Original wie auch Udos Version an den Rand. Der Kritiker sieht ein: Der etwas dämliche Albumtitel trifft doch voll ins Schwarze.
Ein weiterer Pluspunkt ist die famose Songauswahl. Neben "Hellhammer" befreien die teutonischen Titanen und ihre Gäste noch weitere Geheimfavoriten und einen absoluten Deepcut vom Rost der Zeit. Der Deepcut ist sogar so deep, dass selbst Wolf Hoffmann sich an ihn nicht erinnern kann. "'Save Us'? I don't even remember that song. Nobody has even mentioned that song", wundert sich der Accept-Chef, als Tobias Forge von Ghost seinen Wunschsong äußert. Doch auch Wolf hört schnell, wie sinnvoll die Wahl war, und Forge wäre nicht einer der größten Songschreiber und Frontmänner der Gegenwart, würde er "Save Us" vom zweiten Accept-Album "I'm A Rebel" mit seiner charismatisch-beschwörerischen Stimme nicht zu einem Ghost-Klassiker umbauen.
Bereits das Original rockt verquer und bluesig, bis der Song mit dem melodisch-pathetischen Part zur Sonne fliegt. Unterstützt von Anthrax' Frank Bello, Korns Ray Luzier und den beiden Accept-Leuten nutzt Forge genau diesen Moment, um mal wieder die große Ghost-Messe zu lesen.
Die fünf größten Accept-Platten zwischen 1981 und 1986 stellen natürlich trotzdem das Gros der Tracks. Neben den Alltimern wie "Restless And Wild", "Starlight", "London Leatherboys" oder "Metal Heart", die allesamt frisch, kraftvoll und respektvoll von den Legenden in Grund und Boden geprügelt werden, drängen Banger aus der zweiten Reihe ins Spotlight – allen voran "Run If You Can" von der "Breaker"-Scheibe. Ola Englund von The Haunted führt den Song sofort in extrem metallische Gewässer, während Queensrÿches Todd La Torre fast aggressiv seinen inneren Dirkschneider channelt. Auch "Aiming High" vom rockigen "Russian Roulette" legt dank Chuck Billy, Gary Holt und David Ellefson merklich an Härte zu.
"Losers And Winners" bleibt mit Genre-Größen wie Paul Gilbert oder Tommy Aldridge dagegen auf der bekannten Linie. Die Faszination übt hier vor allem Blind Guardians Hansi Kürsch aus, der selten in so klassischen Hardrock-Gefilden unterwegs ist, im Wechselspiel mit Mark Tornillo jedoch eine starke Figur macht.
"Love Child", ebenfalls von "Balls To The Wall", ist kein Hidden Gem, muss aber wegen des überraschendsten Gasts erwähnt werden. Oder vermeintlich überraschend, denn Billy Corgan von den Smashing Pumpkins ist mittlerweile bekannt als Liebhaber des Heavy Metal und insbesondere des deutschen Bleis. Accept gehörten laut Wolf Hoffmann zu den ersten Metalbands, die Corgan jemals live gesehen habe. Durfte er bereits mit den Scorpions jammen, so pickt er nun, smart wie er ist, "Love Child". Der zurückgelehnte Track passt perfekt zur nölig-hohen Stimme von Corgan, und zusammen mit den kehlig-gepressten Vocals von Tornillo entwickelt sich ein spannender, fast moderner Rock-Tune.
Die Review könnte endlos so weitergehen. Jeder Song verdient es eigentlich, hier gewürdigt zu werden. Sebastian Bach, John Bush, John Norum, Bobby Blitz oder David Ellefson – egal, wer am Start ist, liefert sein A-Game ab. Auch wenn der "Teutonic"-Titel natürlich aneckt, Frauen leider komplett fehlen und ein Putin-Bewunderer wie Joe Lynn Turner den Gesamteindruck leicht schmälert, hier riecht nichts nach Siegmund'schem Spanferkel-Mief aus der sächsischen Provinz. Hier verbeugen sich Los Angeles und London, hier verbeugt sich die große, freie Metal-Welt vor der Band aus Solingen.
Die Tränen der Freude und Rührung, die bei "Hellhammer" bereits geflossen sind, trocknen nicht. Im Gegenteil: "Teutonic Titans" ist ein überlebensgroßes, noch nie gehörtes, irres Meisterwerk und setzt Accept und dem Heavy Metal ein verdientes Denkmal.


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