laut.de-Kritik

Ein launiges Jubiläumswerk.

Review von

Die Zahlen vorweg: zehn Alben und 25 Jahre Bandgeschichte. Kaum ein einschlägiges Festival, Jugendzentrum oder alternativer Club, der nicht von sympathischen Menschen aus Meerbusch bespielt wurde, jede freie Steckdose wurde von Anfang bis Ende der recht steilen Karriereleiter genutzt. Das neue, selbstbetitelte Album versteht sich als eine Art kreative Werkschau und gewissermaßen eine Rückbesinnung auf alle geltenden Werte einer bodenständigen, deutschen Punk-Band. Wobei hier der Fokus nicht allein auf den Blick zurück, sondern vor allem in die andere Richtung gehen soll.

Große Innovationen innerhalb des Genres werden ja in den meisten Fällen als mindestens unerwünscht empfunden und bleiben im vorliegenden Fall auch weitgehend aus. Dafür strotzt "Massendefekt" nur so vor Energie, Spielfreude und (man kann es nicht anders sagen) angemessener Authentizität.

Einige der Songs, darunter der richtungsweisende Opener "Exit Strategie" oder das reflektive "Voll Daneben, Halb Ok!" haben ihre Wurzeln ganz klar im klassischen Deutschpunk. Obwohl technisch mehr als solide gespielt, mit schöner Akzentuierung auf Bass und Drums in den jeweilig richtigen Momenten, leben die Stücke von ihrer Simplizität und den eingängigen Melodien. In grauer Vorzeit formten Bands wie Geistige Verunreinigung oder etwa Fahnenflucht Großartiges aus einfachen Bauteilen zu einer wohlklingenden Einheit. Einzig anders und angenehm modern gefällt der druckvolle, gut produzierte Klang.

Die beiden beinahe unvermeidlichen Elemente im Genre, nämlich Ska
Sehr geil, muss man sagen, ist die Kollaboration mit den guten, alten Dritte Wahl gelungen. "Unbedingt Verpassen" verarbeitet das aktuelle geschehen gekonnt zynisch und hakt einen weiteren, obligatorischen Punkt im Punk ab, nämlich die Abfrage der Haltung. Wenig überraschend zeigt sich Massendefekt als stabile Truppe und schreibt nicht den tausendsten, langweiligen Anti-Nazi-Song.

Die Grundstimmung des Albums ist positiv, aufgeweckt und lebendig, allerdings streckenweise auch nachdenklich und melancholisch. "Allein" bedarf inhaltlich keiner Erklärung, hebt sich aber durch die fetten Gitarren und den hymnischen Refrain von den Banalitäten anderer Genreband ab. Ebenso, sogar noch deutlich geschickter, das kauzige "Papageientaucher", das irgendwo zwischen schmerzlich-traurig und kindlich-albern diese possierlichen Vögel ins Geschehen channelt. Anders bei etwa den Sindelfinger Kollegen gelingt der Twist und ergießt sich nicht in schambefeuernde Momente. Ganz im Gegenteil, irgendwie wird daraus der beste Song des Albums. Das akustische "Kippenlänge" schließt die Tür hinter uns ab und würdigt das Älterwerden deutlich angenehmer und romantischer als der eigens dafür vorgesehene Song zuvor.

Alles in allem punktet "Massendefekt" durch ausschließlich ordentliche Stücke, die mit Druck, Härte, Melodie und Spielfreude ein richtig gutes Punkalbum formen. Was denn auch sonst?

Trackliste

  1. 1. Exit Strategie
  2. 2. Brandung
  3. 3. 20 Minuten
  4. 4. Allein
  5. 5. Revolution X Alltag
  6. 6. Voll Daneben, Halb Ok!
  7. 7. Papageientaucher
  8. 8. Unbedingt Verpassen
  9. 9. Sag Mir Wie
  10. 10. Theater
  11. 11. Zu Alt Für Rock'n'Roll
  12. 12. Kippenlänge

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